Putumayo Presents:

JAMAICA

 

EXIL 9859-2
LC 08972
VÖ: 21.05.2000
DISTRIBUTION: INDIGO

"Die lauteste Insel der Welt" - so ein häufig zitiertes Prädikat Jamaicas. Dabei ging es bis ca. 1930 im Vergleich zum Nachbarn Kuba in musikalischer Hinsicht recht beschaulich zu. Erst mit dem Herüberschwappen von Jazz aus den USA, Rumba aus Cuba und Calypso aus Trinidad wurde der ländliche Mento-Tanz abgelöst. Ska, ein offbeat-betontes Derivat von Rhythm & Blues trat als erste eigenständige, hochtanzbare Neuschöpfung in den späten 50ern auf den Plan, wurde dann durch den gemächlicheren, vokalorientierten Rocksteady abgelöst. Und nur wenig später besannen sich die von afro-amerikanischem R&B, Soul und Pop infizierten Insulaner auf ihren alten Mento-Shuffle, den sie nun mit den Rhythmen des Rocksteady koppelten. Dies und die steigende Unzufriedenheit mit der "großen Politik", die Sehnsucht nach Rückkehr ins Mutterland Afrika in der Rastafari-Bewegung bildeten die Keimzellen dessen, was am Horizont als Reggae aufstieg. Mittlerweile ist Reggae weltweites Kulturgut geworden und hat sich, typisch für Jamaica, rasant zum Ragga, Dancehall und in eine undurchdringliche Dub-Szene aufgefächert. Putumayo lässt sowohl Giganten als auch Randfiguren der rootsigen Blütezeit jenes Genres Revue passieren, das bis zum heutigen Tage für den größten musikalischen Output einer Nation weltweit sorgt.

Im Olymp der Reggae-Größen wird er direkt hinter Bob Marley genannt: Toots Hibbert zählt mit seiner Formation Toots & The Maytals zu den wichtigsten Lanzenbrechern des Reggae für den internationalen Markt. Als Sohn einer Predigerin erbte er in direkter Linie seinen unverwechselbaren gospelhaltigen groaning style, der sich mit seiner Vorliebe für Otis Redding schlüssig paart. Das schlurfende "Reggae Got Soul" (1), ein Hit der Maytals von 1976, ist somit ein durch erdige Bläser und Afro-Drumming unterstütztes Bekenntnis der Truppe, die auch im wichtigsten Film des frühen Reggae, "The Harder They Come" (1972) agierten. Bekenntnisreich gibt sich in "Why I Am A Rastaman" auch Joseph Hill, Leadsänger von Culture (2), die sich innerhalb des Roots Reggae besonders durch Kommentare zu Angelegenheiten von Familie und Gesellschaft auszeichnen. Hill und seine Harmonievokalisten Kenneth Dayes und Albert Walker haben seit 1975 mit ihren Aufnahmen nicht unwesentlich zum Erfolg des Rocksteady-Produzenten Joe Gibbs beigetragen und standen auch in Diensten der einzigen weiblichen Pultmeisterin des Genres, Sonia Pottinger.

Seit den 60ern in der Ska-Szene aktiv erlebte Jimmy Cliff (3) eine wechselvolle Karriere mit Höhen und Tiefen. Nach vorübergehender Orientierungslosigkeit in der neuen Heimat England öffnete er Anfang der Siebziger durch seine Hauptrolle in "The Harder They Come" dem entstehenden Genre in den USA Tür und Tor und bis heute ist er ein Star geblieben, der Massen anzieht. "Give The People What They Want" (1981) ist ein Klassiker seiner darauffolgenden Phase.

Ganz ohne verbale Botschaften überzeugt der Posaunist Rico Rodriguez (4) aus Kingston. Der heute 68jährige hat während eines halben Jahrhunderts in nahezu alle Stile hineingeschnuppert: Boogie, Ska, Jazz und Pop hat er durch seine profunden horn lines bereichert, selbst bei den britischen Ska-Poppern The Specials war er mit von der Partie. Im Instrumental "Midnight in Ethiopia" (1979) windet sich die massive Bläser-Sektion mit Reminiszenzen an Salsa und Jazz durch die geheimnisvolle nocturne Atmosphäre.

Ein Urvater jamaikanischer Musik der Neuzeit entbietet seinen Gruß: vor mehr als 40 Jahren schon sang Joe Higgs (5) mit seinem Duettpartner Roy Wilson vor dem damaligen Premierminister der Zuckerinsel und betreute dann Bob Marley und die frühen Wailers während der Ska-Tage. Mit seiner unüberhörbaren Affinität zum Blues, schön zu hören in der blues harp von "Upside Down", übte der Songwriter dann einen großen Einfluss vor allem auf Peter Tosh aus. Higgs starb 1999 an einem Krebsleiden.

Cecil "Skeleton" Spence, Albert "Apple" Craig und Lascelles "Wiss" Bulgin, durch Kinderlähmung gehandicapt, trafen sich in einer Kingstoner Klinik, wo sie wegen ihrer Rastalocken eines Tages nicht mehr erwünscht waren. Fortan verdienten sie durch Musizieren einen kargen Lebensunterhalt im Busch, bevor man auf ihren einzigartig geschmeidigen Chorsatz aufmerksam wurde und der große Durchbruch kam. Israel Vibration (6), liebevoll auch I-Vibes genannt, sind trotz ihrer Behinderung für ihre lebendigen Live-Shows geschätzt. In "Rudeboy Shufflin'" lassen sie Erinnerungen an die Sound Systems der 70er aufkommen und reflektieren über die Jugendkriminalität der Neunziger.

Nyabinghi- und Burru-Drumming reflektieren mit ihren langsamen Beats den Pulsschlag des Menschen und sind typisch für die Zeremonien der Rastafari-Gemeinschaften. Als einer der letzten Repräsentanten der unverfälschten Rasta-Kultur hat Ras Michael (7) diese Percussion zu einem wesentlichen Eckpunkt seiner Songs gemacht. Mit seinem eigenen Label Zion Records, operierend, leitet er bis zum heutigen Tage unermüdlich Workshops und arbeitet an der Verwirklichung seiner Vision, der Eröffnung eines Kulturzentrums in Trenchtown. Das hymnisch verheißungsvolle "None A Jah Jah Children No Cry" mit magischen Backgroundchören, die an Bob Marleys Blütezeit erinnern mögen, stammt aus dem Jahre 1990.

Visionäres haftet auch den "Streets Of Freedom" an, einer Roots-Reggae-Hymne, die in vielen Versionen existiert. In der hier vorliegenden ist es Clinton Fearon von The Gladiators (8), der den Blick auf eine bessere Welt richtet. Fearon und sein Partner Albert Griffiths stammen ursprünglich aus einem ländlichen Bezirk Jamaicas und arbeiteten vor ihrer internationalen Karriere als Sessionmusiker und Musiklehrer.

"Sponji Reggae" ist das Titelstück eines der stilbildenden und kreativsten Alben des 80er-Jahre-Reggaes. Die Urheber des Werks, Black Uhuru (9), sorgten in vielerlei Hinsicht für Erstaunen innerhalb des Genres. Ungewöhnlich schon die Besetzung, in der zwischen Sänger Michael Rose und dem Gründer Ducky Simpson die Amerikanerin Puma Jones für feminine Töne stand. Durch das Teamwork mit Sly Dunbar und Robbie Shakespeare, den besser als Sly & Robbie bekannten Produzenten-Koriphäen, entstanden durch die Kombination von massivem Bass- und Drum-Fundament und charismatischen Vocals zukunftsweisende Sounds.

Eine Ausnahmestellung unter den Instrumentals des Reggae stellen die Kompositionen von Horace Sawby alias Augustus Pablo (10) dar. Sein Erfindungsreichtum auf der Melodica kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dem im Grunde sehr limitierten Blasinstrument entlockte er Melodiefolgen von fast mythischer Qualität, verstärkt durch Hall und Wiederholungsschleifen, durch die er zusammen mit seinem Mixer King Tubby auch prägend für die Techniken des Dub wirkte. Das Stückchen "Point Blank" stammt vom 1972er-Debut Pablos, der 1999 an einem Nervenleiden verstarb.

Subversiver agierend als sein ehemaliger Wailers-Kollege Marley wurde Peter Tosh (11) zum Leitbild des freimütigen Reggae-Poeten schlechthin. Oft kam er in Konflikt mit den Obrigkeiten der Insel, die ihn für seine aggressiven und unverblümten Verse belangten. In "Mystery Babylon" beispielweise verspottet er das United "Queen"dom als Parasit, den ein Afrikanischstämmiger abschütteln müsse. Der Song entstand kurz nachdem Tosh den Wailers den Rücken gekehrt hatte und am Anfang seiner 14jährigen Solo-Laufbahn. 1987 wurde der Musiker unter noch immer ungeklärten Umständen in seinem Haus erschossen, aber seine Musik hat ihn unsterblich gemacht.

Mit elf zum Teil raren Tracks aus drei Jahrzehnten ist Jamaica gleichermaßen für Einsteiger und Fortgeschrittene geeignet. Im typischen Putumayo-Style wird ein ganzes Genre auf einer exzellent zusammengestellten Compilation gewürdigt.

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