TARIKA
Soul Makassar

EXIL 9843-2
LC 08972
VÖ: 15.03.2001
DISTRIBUTION: INDIGO


"Das umwerfendste Album, das ich je gehört habe. Afrika hat nun endlich sein eigenes "Graceland" produziert, ein Wunderwerk von strahlend funkelnder, tanzbarer Musik." (US-Playboy über Son Egal )

 

Zu den ungeschriebenen Regeln der Weltmusik gehört es, daß afrikanische Musiker ihre Tradition in Pariser oder Londoner Studios aufpeppeln lassen. Nur ganz selten mogeln sich Künstler vom schwarzen Kontinent jenseits der westlichen Hemisphäre vorbei, um ohne trendy Schützenhilfe neue Bande zwischen ihrer und fremden Kulturen zu knüpfen oder verschüttete Pfade freizuschaufeln. Wenn dies aber tatsächlich passiert, halten auch abgebrühte musikalische Weltenbummler schon mal gespannt den Atem an. Hier ist die ungewöhnliche und abenteuerliche Geschichte von Hanitra Rasoanaivo, Frontfrau der madagassischen Gruppe Tarika, und ihrer Reise nach Indonesien:

"Ich dachte, ich wäre zuhause angekommen, bei den Merina, meinem Volk auf Madagaskar. Die Gesichter der Leute auf Sulawesi waren vertraut, sie aßen ähnliche Speisen, hatten fast die gleichen Zeremonien und Geschichten, trugen ähnliche Kleidung." Daß die ersten Siedler Madagaskars vor rund 1500 Jahren nicht etwa von Afrika, sondern über den Indischen Ozean gekommen waren, und selbst mit den Hawaiianern mehr verwandt sind als mit den Schwarzen, ist mittlerweile zwar von Ethnologen plausibel gemacht worden. Niemand jedoch hatte bislang eine so breite Pforte zwischen den beiden Welten aufgeschlagen wie es nun Hanitra im Begriff war zu tun. Die vorläufige Krönung eines Lebens voller kultureller Pionierarbeit.

Als 13jährige treibt es sie weg von ihrem Dorf im Hochland-Wald (wir würden sagen, sie hat "Hummeln im Hintern"). Denn schon bald arbeitet sie als Touristenführerin und Dolmetscherin und kommt schließlich mit Schwester Noro nach London, wo die Gründung der Formation Tarika Sammy ("Sammys Band" oder "Gruppe" - nach der damaligen Sängerin Samoela "Sammy" Andriamalalaharijaona ) erfolgt. Eine Band, die mit herausfordernden Lyrics zu politischen Themen und zur Emanzipation in den frühen Neunzigern Weltmusik-Furore macht.

1994 reformiert Hanitra den Kreis ihrer Mitspieler zur Gruppe Tarika. Bis heute ist das Line-up des Quintetts um sie und ihre Schwester unverändert geblieben: Donné bedient die röhrenförmige Bambuszither valiha, die Kastenzither marovany, sowie das Melodeon. Ny Ony ist verantwortlich für die kabosy, eine kleine madagassische Gitarre. Solo, der Jüngste in der Band, spielt vorrangig Bass, beherrscht aber auch die traditionellen Instrumente. In dieser Zusammensetzung schafft die Band einen packenden, schillernden, hochmelodiösen Sound, der lokale Grenzposten niederreißt und über den Tellerrand der Regionen auf der Rieseninsel hinausblickt. Der weltweite Durchbruch kommt 1997 mit dem zweiten Album Son Egal, das von allen führenden Worldmusic-Lexika als das wichtigste madagassische Roots-Album überhaupt gelistet wird. Überhäuft mit Preisen fasziniert das vom Mastermind des Afro Celt Sound System, Simon Emmerson produzierte Opus aufgrund seines Konzepts: Hanitra beschreitet musikalisch den Weg der Versöhnung zwischen Madagaskar und Senegal, dessen Söldner von den Franzosen einst zur Niederschlagung von Aufständen ins kolonialisierte Feld geschickt wurden. Girlanden auf der westafrikanischen Kora-Harfe verbrüdern sich hier mit der Valiha und man entdeckt erstaunliche "Einklänge" über Tausende von Meilen. Auf dem Nachfolger "D" erkunden die Fünf dann in bezaubernden Popminiaturen die swinging Tanzmusik der verschiedenen Landstriche ihrer Heimat.

Es passt in die Philosophie der unermüdlichen und von unerschöpflicher kultureller Neugierde getriebenen Hanitra, dass sie sich mit Soul Makassar , dem vierten Werk der hochdekorierten Gruppe, wiederum in völlig neue Gewässer begibt. Und dies im buchstäblichen Sinne. Zufällig hatte sie vor einigen Jahren im Fernsehen eine Dokumentation über Indonesien verfolgt. Bei einem dort gezeigten Exhumierungs-Ritual fiel ihr auf, daß eine fast deckungsgleiche Zeremonie in ihrem Dorf Brauch war. "Ich hatte schon eine Menge davon gehört, daß wir vieles mit den Indonesiern gemein hätten, den Teint unserer Haut und die Wurzeln unserer Sprache, die aufs Malayo-Polynesische zurückgeht", erinnert sich Hanitra im Interview mit Michael Church von The Scotsman. "Ich fühlte, daß ich nun selbst dorthin gehen mußte, um die Wahrheit herauszufinden." Kein leichtes Unterfangen im Spätjahr 1999. Ost-Timor, wo sie ein der valiha verwandtes Instrument vermutete, ging im Kampf um seine Unabhängigkeit gerade in Flammen auf, und so wich sie auf die orchideenförmige Insel Sulawesi aus. Vom Moment ihrer Ankunft an glich der Besuch einer Heimkehr. Wohin sie auch kam, ob zum Hochlandvolk der Torajan, den an der Küste siedelnden Bugis oder zu den Makassar, deren Sprache der ihren derart verwandt ist, daß sich Hanitra bald verständigen konnte, überall traf sie auf Gemeinsamkeiten beim Essen, Musizieren und Feiern. Noch vor Ort entstand das Rohmaterial einiger Songs von Soul Makassar.

In London reiften die Ideen heran, wurden kombiniert mit der Tradition der Merina, jener im Hochland und der madagasischen Hauptstadt Antanarivo vertretenen Ethnie, der Hanitra angehört. Für abschließende Sessions schließlich kehrte Tarika ins indonesische Bandung und Djakarta zurück, wo 7 der 12 Stücke mit einheimischen Musikern ihre abschließende Färbung erhielten. Und nun können wir gebannt Ohrenzeuge werden, wie die Zither kacapi sich als Cousine der marovany entpuppt, wie die tabla-ähnliche ghendang-Trommel mit madagassischer Percussion wetteifert, wie der "Affengesang" senggak rhythmische Akzente in den eleganten Melodieführungen der Schwestergesänge deponiert oder wie der magisch-dunkle Klang der Flöte suling Wehmut verbreitet. Bereichert wird die wiederentdeckte Verwandtschaft über den Indischen Ozean durch einige Songs mit starken politischen und gesellschaftlichen Statements, zu denen Hanitra in den letzten beiden Jahren ihres wechselvollen Alltags inspiriert wurde. Jedes Stück ist ein Kleinod, das seine besondere Geschichte erzählt:

Anspieltips:

- "Koba" (1): eine vom Groove der ghendang angetriebene Hymne auf süße Reis-Teilchen, die Hanitra in Bandung entdeckte und in ihrer Heimat in ebensolcher Form existieren! Agus Supriawan, bei uns kürzlich bekannt geworden durch Rüdiger Oppermanns Klangwelten-Festival, ist hier der Trommelmeister.

- "Kingsong" (4): ein Song für niemand geringeren als den König von Swasiland, vor dem Hanitra im Rahmen der "Women Of Africa"-Tour 1998 zusammen mit Sally Nyolo (Kamerun), Oumou Sangare (Mali) und Sibongile Khumalo (Südafrika) auftrat. Gemäß ihrem unerschrockenen und resoluten Charakter wird hier — in leicht verbrämter Art — die Praxis des gekrönten Hauptes unter Beschuss genommen, sich jedes Jahr ein neues Mädchen zur Frau zu nehmen.

- "Tovovavy" (6): gewisse Reminszenzen an einen Country-Song bleiben nicht aus, wenn hier im reizenden Harmoniegesang die Vorliebe der indonesischen Frauen für helle Haut besungen wird. Hanitra staunte während ihres Aufenthaltes nicht schlecht, daß an manchen Tagen die Frauen aus dem Straßenbild völlig verschwanden. Dann fand sie heraus: wie in Madagaskar, wo der Sonnenschirm ein stetiges Accessoire der Damen ist, bleibt man hier lieber im schattigen Haus, um nicht zu schwarz zu werden.

- "Aretina" (8): eine vorwärtstreibende Anklage der musikalischen "McDonaldisierung", die auch vor Indonesien nicht halt gemacht hat. Synthetischer Pop als West-Imitat und Touristenfolklore beherrschen sowohl in der Stadt als auch im ländlichen Umfeld die Szenerie. Zum nachdenklichen Klang indonesischer Geige und Flöte plädieren Tarika für Vielfalt der Kulturen und gegen das durchgestylte MTV-Diktat.

- "Malaloko" (11): ein echtes Schmankerl. Einer der Gassenhauer, die Hanitra in ihrer Jugend heiß und innig liebte, war "Be My Baby" von den Ronettes. Nur, daß sie eben der festen Überzeugung war, es wäre madagassischen Ursprungs. Jetzt glauben sogar wir es.

 

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