FESTA BRASIL

EXIL MUSIK 9540-2
LC 08972

DISTRIBUTION: INDIGO

Waren es in den vergangenen Jahrzehnten fast immer der Samba und der farbenprächtige, pompöse Carnaval von Rio oder die gepflegte, einem Jazz-Publikum zugängliche Bossa Nova, die hierzulande das Brasilien-Bild beherrschten, so beginnen diese Stereotypen vom Zuckerhut allmählich zu bröckeln. Das oft zitierte Wort Gilberto Gils, Brasilien bilde in musikalischer Hinsicht nicht ein Land, sondern einen Kontinent, stößt auch in Europa auf immer mehr Verständnis. Für Überraschungen auf der tönenden Landkarte sorgen seit einigen Jahren vor allem der tropische Nordosten und Norden. Die Afro-Blocos, jene fulminanten Trommelgruppen der Favelas von Salvador, der Forró aus Pernambuco mit seinen vorwärtstreibenden, folkloristischen Akkordeonklängen oder gar die karibisch beleuchteten Klänge aus den Staaten Maranhão, Ceará und Paraíba gewinnen immer mehr Liebhaber. Zum 500. Jahrestag der Ankunft der Portugiesen in der Neuen Welt wirft Putumayo einige erhellende Schlaglichter auf die Klänge, die sich zwischen Amazonasmündung und Bahia tummeln.

Zunächst ist da die Liga der baianischen Künstler. Die Musik dieses Staates von der Größe Frankreichs ist geprägt durch den höchsten Anteil schwarzer Bevölkerung in ganz Brasilien, nirgendwo sonst haben sich so viele Elemente der Afro-Kultur gehalten. Aus dieser afrikanischen Verwurzelung erwuchs der Karneval der Hautpstadt Salvador mit seinen Candomblé-Ritualen, in denen sich katholische Bräuche genauso spiegeln wie die Gottheiten der Yoruba. Mittlerweile hat der hiesige Carnaval mit seiner party-orientierten Axé-Musik auf der Beliebtheitsskala die Konkurrenzveranstaltungen am Zuckerhut überholt. Einige der charakteristischen Trommelgruppen wie Olodum oder Timbalada sind mittlerweile Weltstars und auch die Interpreten des Axé-Pop, allen voran Daniela Mercury oder Banda Eva, verbreiten explosive Tanzrhythmen auf allen Erdteilen, oft in einer selbstverständlichen Mischung aus Samba und Reggae.

Diese verkörpert beispielsweise auch Lazzo, der Begründer des illustren Afro-Blocos Ilê Ayê. Der Vokalist mit rauhem und dennoch wandlungsfähigen Organ hat mit seiner trefflichen Verschmelzung brasilianischer und jamaikanischer Rhythmik Bands wie Cidade Negra und Skank beeinflusst und 1991 bis 1993 das Vorporgramm für Jimmy Cliffs Tourneen bestritten. "Sim/Não", eine Komposition Caetano Velosos, mutiert hier zum launigen Reggae, der reich an afro-baianischer Bildersprache ist.

Zu Beginn der Neunziger war es neben Daniela Mercury vor allem die Banda Eva, die baianischen Axé zu einer international zugänglichen Popmusik mit profund swingender Percussion-Basis formte. Deren Leadsängerin Ivete Sangalo hat sich 1999 selbstständig gemacht und gibt mit "Monsieur Samba" einen knallig-fröhlichen Einblick in ihr aktuelles Samba-Reggae-Schaffen. Produziert wurde der mit Akkordeon- und Holzbläser-Tupfern versehene Track vom renommierten Kopf Marco Mazzola, der als Quincy Jones Brasiliens gilt.

Pepeu Gomes ist bereits eine Legende der Música Popular Brasileira. Er arbeitete einst mit den wohl berühmtesten Musikern des Staates, Gil und Caetano, war Teil der innovativen Rockband Novos Baianos und rangiert mit seinen eingängigen Popsongs an der Spitze der Songwriter-Riege. Seine freche Hommage an die Meeresgöttin des Candomblé, "Sexy Yemanja" begeistert durch die Frische des akustischen Sets (Piano/Gitarre) und geizt durch die lap steel auch nicht mit verschmitzten Seitenhieben an die Country-Musik.

Eine weitere Ikone Bahias ist die Muse der Tropicalismus-Bewegung der 60er, Gal Costa, die sich hier eines 40 Jahre gereiften Hits bedient. "Chiclete com Banana" (Kaugummi mit Banane) stammt aus dem Repertoire des ersten Popstars des nordöstlichen Brasiliens, des großen Jackson do Pandeiro. Auf wundersame Weise geschieht hier eine witzige Metamorphose des ehemals vom Forró geprägten Hits in einen rockigen Samba-Reggae mit Bigband-Tönung.

Weiter nach Norden steuernd gelangt man in den vergleichsweise kleinen Staat Paraíba - der schon allein durch seine Erscheinung auffällige Poet Chico César ist sein berühmtestes musikalisches Kind. Nach journalistischer Laufbahn entschied sich der kleine Gitarrist und Sänger für eine Karriere im Showbiz. Beeinflusst zeigt sich César durch ein breites Spektrum in- und ausländischer Stile, wie Forró, Reggae, Funk, die Beatles und afrikanische Klänge, sowie durch regional verankerte Sprache und poesie concrète. Er kann die abenteuerlichsten Klangcollagen zaubern, um dann doch wieder in ein herzergreifendes romantisches Liebeslied einzustimmen. "Papo Cabeça", eine peppige Reggae-Melodie, erinnert von ihrer surrealen Bildhaftigkeit im Text an Lieder wie "I am the walrus" der Fab Four.

Wie Chico lebt auch die Maranhenserin Rita Ribeiro mittlerweile in São Paulo und trägt ihre nördliche, karibisch und amazonisch angehauchte Kunst in die Metropole des Südens. Die lokal verwurzelten Melodien und Tänze, oft von der Kultur der schwarzen Sklaven durchtränkt, vermählt die Sängerin mit der klaren, aufrichtigen und anrührenden Stimme mit Reggae und funkigen Anteilen zu einem Tropenpop von bezwingender Schönheit. "Cocada", ein Titel von Ritas Debut, malt auf wunderbar prägnante Weise ihre Sehnsucht nach heimatlichem Boden aus: sie wünscht sich, Wurzeln zu bilden und zu einer Kokospalme zu werden, aus der die Cocada, eine Konfekt-Spezialität, gewonnen wird. Ritas zweites Album, Pérolas Aos Povos" ist soeben auf Putumayo/Exil erschienen.

In einer ungewöhnlichen Rolle agiert Zeca Pagodinho, im Normalfall herausragender Vertreter des Pagode, eines intimen Samba-Stils aus den Favela Rios, im Einsatz. Der von Beth Carvalho entdeckte Sänger interpretiert hier einen aufgepeppten Forró-Klassiker aus der Feder der nordestinischen Legende Genival Lacerda, "Severina Xique-Xique" der mit sich wiegendem Akkordeon und Reggae-Anleihen aufwartet.

Schließlich kommen auch drei Beiräge aus Rio, die den opulenten Nährboden für ausgelassene Fetenzauber Brasiliens erweitern. Paulinho Moska, Leader der Rockband Inimigos Do Rei, wuchs inmitten der lodernden Rio-Szene der 80er auf, der solche Formationen wie Paralamas Do Succeso oder Titâs entwuchsen. Seit 1992 wandelt er mit einer schlagkräftigen Machart von Brasil-Pop mit internationalem Touch auf Solopfaden. "Seja O Que Deus Quiser" ist ein akustischer Reggae und featuret als heimlichen Star das Percussion-Instrument Cuica, das so oft für Amusement in den Samba-Defilés von Rio sorgt.

Dídá Banda Feminina ist die bekannteste Frauenband Salvadors. Sie geht zurück auf eine Gründung von Neguinho do Samba, dem Erfinder des Samba-Reggae und ist überschäumender Ausdruck der schöpferischen Kraft (="Didá"!) der Frauen Bahias. Sowohl mit Caetano als auch Daniela Mercury hat der Bloco Aufnahmen eingespielt und selbst vor dem US-Präsidenten musiziert. "Filhos do Tempo" ist eine erdig swingende Samba Reggye-Hymne mit großartigem Posaunen-Solo.

Agepê, der dienstälteste Musiker dieser Kompilation (geb. 1942), einer der Stars der Samba-Schule Portela bewegt sich der Kultur des Nordostens zuliebe, ebenfalls auf fremdem Terrain: "Feira de Mangaio" ist einer der Evergreens des derwischgleichen Akkordeonvirtuosen Sivuca, und illustriert das turbulente Marktleben eines Ortes in Paraíba.

Saldanha Rolim führt den Forró in die Festa Brazil ein. Der wirbelnde, von Akkordeon und Triangel bestimmte Tanz des Nordostens ist hier allerdings im Tempo gedrosselt, um ihn für den Reggae-Groove kompatibel zu machen. "Cacimba de Meu Amor" wird so zu einem zeitgemäßen Partysong, der mit seinem nasalen Sprechgesang aber zugleich den nordestinischen Größen Luis Gonzaga und Jackson do Pandeiro seine Reverenz erweist.

Wie Rita Ribeiro stammt Alê Muniz aus São Luis, der Hautstadt des Staates Maranhão. "Bumba" nennt er die von ihm aus der Taufe gehobene Koppelung von eingängigem Pop und Reggae, der aus der nahen Karibik herübergrüßt. Es wundert wenig, daß das fröhliche "Iê Mama" mit seinen lautmalerischen, Perkussionsinstrumente imitierenden Sprechgesängen und pointiert platzierten Blechbläsern ein riesiger regionaler Hit war. Produziert wurde der Song von Suba, der im letzten Herbst so tragisch verunglückten neuen Produzentengröße aus São Paulo.

 

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