PUERTO RICO

EXIL MUSIK 9464-2
LC 08972

DISTRIBUTION: INDIGO

 

Über eine Million Deutsche haben sich im vergangenen Jahr zu ausgewiesenen Kubaexperten gemausert. Genüßlich auf einer Havanna kauend sind sie im Stande, die Titel- und Besetzungsliste des Buena Vista Social Club selbst nach dem zehnten Mojito noch fehlerfrei rückwärts aufzuzählen. Mit anderen Worten: sie sind reif für die Nachbarinseln. Nach dem gelungenen Überraschungspacket Putumayo presents República Dominicana geht die aktuelle Runde diesmal an Puerto Rico. Auch dort wühlten die Macher von Amerikas führendem World Music-Label in einer musikalischen Schatztruhe voller afrokaribischer Roots-Rhythmen. Putumayo presents: Puerto Rico bündelt und kommentiert elf handverlesene Fundstücke von dem spanisch-sprechenden Eiland, das bereits als 51. Staat der USA gehandelt wird.

Allerdings entschieden sich bei der letzten Abstimmung 1998 immer noch mehr als 50% der Puertorikaner für den Status Quo als "assoziierter Freistaat". Einige wollen sogar vollständige Autonomie von den USA und finden in Künstlern wie André Jiménez ihr Sprachrohr. Zu diesem Sänger, der gemeinhin auch schlicht "El Jíbaro" genannt wird, gleich mehr.

Die Dichter besingen Puerto Rico und Kuba als "zwei Flügel eines Vogels". Während aber die kubanischen Klänge jüngst weltweit einen beeindruckenden Boom erlebten, fristet die traditionelle Musik Puerto Ricos international noch ein Schattendasein. In der modernen lateinamerikanischen Musik allerdings spielt das Eiland mit 3,8 Millionen überwiegend spanisch sprechenden Einwohnern eine wesentlich größere Rolle, als ihm gemeinhin zugestanden wird. Tatsächlich wurde die Latin Music in New York von meist Puerto Rico-stämmigen Musikern geprägt. Dennoch behaupten viele Kritiker, Journalisten und auch Musiker, allein die Rhythmen aus Kuba, allen voran der Son Cubano, würden die Basis der Salsa bilden. Dabei sind die Namen der Salsa- und Popstars aus Puerto Rico Legion. Zählt man nur die wichtigsten auf, kriegt man leicht das Dutzend voll. Rafael Cortijo und Ismael Rivera, die Gruppen El Gran Combo und Sonora Ponceña, nicht zu vergessen den großen Tito Puente, aber auch Willie Colon, Hector Lavoe und Andy Montañez - sie alle kann man aus heutiger Sicht zu den Pionieren puertorikanischer Latin Music zählen. Bei ihnen gingen moderne Soneros wie der 1999 früh verstorbene Frankie Ruiz und Gilberto Santa Rosa in die Schule, die dann in den 80er und 90er Jahren große Erfolge feierten. Während deren Ruhm jedoch noch auf die Latino-Gemeinde beschränkt blieb, feiern die jungen Popidole der 2000er-Generation internationale Erfolge: Merenguero Elvis Crespo, Salsa-Heulboie Marc Anthony und an vorderster Front Frauenschwarm Ricky Martin.

Aber keine Sorge. Der vorliegende Putumayo-Sampler widmet sich ausschließlich den traditionsverbundenen und authentischen Künstlern Puerto Ricos. Latin Jazz-Cracks wie Eddie Palmieri oder Ex-Fania All Star Ismael Miranda, die Mitglieder von Plena Libre, aber auch die Jíbaros Andres Jimenez und Modesto Cepeda stehen mit ihrer Kunst abseits von jeglichem Mainstream-Verdacht.

Von ihren Bewohnern hat Puerto Rico viele schmückende Attribute erhalten. Die Taíno, das Volk der Ureinwohner, das die Insel bis zu ihrer Entdeckung bewohnten, nannten ihre Heimat Borinquen oder "Boricua". Die Indios wurden schon bald nach ihrer Entdeckung ausgerottet, doch verwenden die heutigen Insulaner den Namen nach wie vor in fast zärtlicher Weise. Zudem belegen sie ihre Heimat auch gerne mit Attributen wie "La Isla del Encanto" (Die bezaubernde Insel) und natürlich "Perle der Karibik". Wendungen, die - zumindest nach Ansicht der Puertorriceños - keine andere Insel besser charakterisieren, als die ihre.

1493 landete Kolumbus an der Küste und taufte den Flecken San Juan Bautista (Johannes der Täufer), woran heute noch der Name der Hauptstadt San Juan erinnert. Über vier Jahrhunderte blieb Puerto Rico mit der Dominikanischen Republik und Kuba in spanischen Händen. Doch 1898 übernahmen die Vereinigten Staaten die Kontrolle, nachdem sie Puerto Rico im Unabhängigkeitskampf gegen Spanien unterstützt hatten. 1917 schlug der Jones Act die Insel offiziell dem Territorium der USA zu. Diese Eingliederung förderte die wirtschaftliche Entwicklung enorm, das ehemalige Armenhaus der Karibik steht daher heute wesentlich besser da als viele seiner Nachbarn. Der Jones Act hatte die Puertorikaner in US-amerikanische Staatsbürger verwandelt und ermöglichte es ihnen, ohne Einwanderungsantrag auf das Festland zu fahren. Hunderttausende wechselten in die Zentren der USA und nahmen dort ganze Stadtviertel in Beschlag. In Spanish Harlem, dem "Barrio Puertorriceño" von Nueva York, wurde Ende der 60er Jahre schließlich der Begriff Salsa geprägt - ein Terminus, der verschiedene kubanische und puertorikanische Rhythmen unter einen Hut brachte.

Drei namhafte Salseros vertreten auch auf "Putumayo presents Puerto Rico" ihre Insel, allen voran Eddie Palmieri (1), einer der wichtigsten Pianisten des Latin Jazz. Das kraftvolle und virtuose Spiel des geborenen New Yorkers mit puertorikanischen Eltern revolutionierte bereits in den 60er Jahren die Salsamusik. Als stilprägender Artist der internationalen Latin-Szene zeigte sich der mehrfache Grammy-Gewinner offen für Fusionen mit Jazz und Rock, suchte aber auch den Weg zurück zu den afrikanischen Wurzeln auf Alben wie "Lucumi Macumba Voodoo". Zugleich stand Palmieri mit Titeln wie "Azúcar Pa' Tí" oder seinem Album "Solito" (1984) für kompromisslose Salsa aus Puerto Rico. Anfang der 90er verhalf er der jungen Sängerin La India zum Durchbruch. Seither war Palmieri hauptsächlich dem Latin Jazz zugetan. 1998 allerdings spielte er mit "El Rumbero Del Piano" eines der besten Salsaalben seiner fast 40-jährigen Karriere ein. Dabei entstand auch die neue Version seines Klassikers "Café".

Der Flügel ächzt und stöhnt unter zwei schweren Zehn-Finger-Akkorden, die wie Donnerschläge über den Hörer herein krachen, um ein kurzes aber furioses Pianosolo zu eröffnen. Nicht Palmieri, sondern sein kubanischer Kollege, der Latin-Jazz-Virtuoso Chucho Valdes greift diesmal in die Tasten. "Traigo mi Guajira pa' mantener tradición" (Ich spiele meine Guajira um die Tradition am Leben zu erhalten), lautet der Text einer kubanischen Guajira im Descargastil. Descarga ist der Ausdruck für die unverzichtbare Instrumentalsession im Latin-Jazz über eine kurze Harmoniefolge, die dem Coro, einer Art Refrain, zugrunde liegt. Angezettelt wurde die Descarga allerdings von Jimmy Bosch (3. Der Posaunist kam in New Jersey als Sohn puertorikanischer Eltern zur Welt, spielte zunächst bei Manny Ocendos legendärem Conjunto Libre und bald darauf auch für Stars wie Celia Cruz, Marc Anthony und La India. Boschs versiertes Spiel transpiriert die rauhen Vibes der New Yorker Street-Salsa aus den frühen 70ern und erinnert daher nicht ganz zufällig an Willie Colons Posaunenkünste. 1998 ging er mit seinem Debüt "Soneando Trombon" an den Start, dem bald darauf sein programmatisches Werk "Salsa Dura" folgte, aus dem der hier präsentierte Titel stammt.

Ismael "Maelo" Miranda (10) war einer der populärsten Sänger während des Salsabooms der 70er Jahre. Seine Eltern zogen nach New York als er vier Jahre alt war. Dort feierte Miranda seinen Durchbruch als Leadsänger im Orchester des Fania-Pianisten Larry Harlow. 1973 veröffentlichte er sein meisterhaftes Solodebüt "Así Se Compone Un Son". Erst im vergangenen Jahr tat er sich mit dem Jíbaro Andrés Jiménez für den Titel "La Naturaleza" zusammen. Diese mitreißende Salsa in bester kubanischer und puertorikanischer Tradition ist ein Plädoyer für mehr Umweltbewußtsein. Denn auch auf Puerto Rico bedroht die Zivilisation den kleinen noch verbliebenen Naturpark im Landesinneren.

Neben fetzigen Salsabeats existieren auf Puerto Rico eine Anzahl traditioneller Rhythmen und Tänze, die - wie es Edwin Colón (6) in seinem "Seis Milonguero" besingt - aus dem Zusammenspiel der europäischen, indigenen und afrikanischen Rassen hervorgegangen sind. In den Dörfern der afrikanischen Sklaven, die von den Spaniern auf die Zuckerplantagen verfrachtet wurden, entstand die Bomba. Ihr charakteristischer Rhythmus basiert auf dem Zusammenspiel verschiedener Trommeln und weiterer Rhythmusinstrumente wie Maracas und Holzstöcke, genannt "Palillos". In der Regel gerät die Bomba zu einem Dialog zwischen Trommlern und Tänzern, wobei sich Percussionspiel und Tanzbewegungen wechselseitig intensivieren.

Die Plena dagegen stammt aus dem Süden der Insel. Als Erfinder gelten die Bewohner des Schwarzenghettos "La Joya" in der Stadt Ponce. "Plena - Música Morena" singt die Gruppe Atabal (9) und unterstreicht mit diesem Refrain den afrikanischen Ursprung dieses Stils. Die typischen Instrumente für die Plena sind das Pandero und das Guiro, ein getrockneter und ausgehöhlter Kürbis. Über dessen geritzte Oberfläche wird ein Stock gestrichen, um den charakteristischen Raspelklang zu erzeugen. Hin und wieder kommt das Cuatro hinzu, eine 10-saitige Gitarre, die überall auf der Insel anzutreffen ist. Der Revitalisierung dieses Genres, das mit dem Siegeszug der Salsa in den 70er Jahren in Vergessenheit zu geraten drohte, hat sich die 1994 gegründete Gruppe Plena Libre (11) ("Es la cosa!") verschrieben. Insbesondere mit Bläsern orchestrierte Plena-Stücke finden nun wieder vermehrt Eingang in die moderne Salsamusik. Plena-Texte sind meist soziale Kommentare zu alltäglichen Begebenheiten. Damit übernimmt die Plena auch die Funktion eines musikalischen Nachrichtensenders und dient als Vehikel zur Informations- und Meinungsverbreitung. Modesto Cepeda (5) steht in der fünften Generation einer puertorikanischen Musikerfamilie, die, ähnlich der kubanischen Familia Valera Miranda, im Ensemble auftritt und eine wichtige Rolle in der puertorikanischen Folklore spielt. "Homenaje A Caridad" aus der Feder seines Vaters Rafael ist dessen verstorbener Ehefrau gewidmet und beschreibt eine Bomba in den himmlischen Gefilden zu der sich nach und nach alle großen Figuren der puertorikanischen Musikgeschichte einfinden.

Ein weiterer wichtiger Zug puertorikanischer Musikkultur sind die Countrysongs der Jíbaros, Landbewohner mit traditioneller, bäuerlicher Lebensweise. Ihre Musik zeigt stärkere europäische Einflüße als Bomba und Plena. Wie der "Guajiro" auf Kuba symbolisiert auch der Jíbaro die nostalgisch verklärte Vergangenheit. Er ist eine Idealgröße, die heute mehr im Herzen der Puertorikaner zuhause ist, als im realen Alltag des mittlerweile industrialisierten Eilandes. Einen Jíbaro zieht es nur widerwillig in die Stadt, wo er sich einsam und verloren fühlt. So wie Andres Jimenez (2), der in "Me Voy Pa'l Campo" ein Loblied auf das einfache, unverfälschte Landleben anstimmt, ein Topos übrigens, der auch im Son Montuno allgegenwärtig ist. Auch Flor Morales Ramos, genannt "Ramito" (4) (1915-1990) zählt mit Jimenez zu den wichtigsten Folklore-Künstlern Puerto Ricos. Ramito ist ein Meister spontaner Improvisation mit poetischer Einfallskraft, die wesentlich zu den traditionellen Formen wie "Seis" oder "Aguinaldo" gehören. Das gilt in gleicher Weise für den Cuatro-Virtuosen Edwin Colon Zayas (6). Sein Titel "Seis Milongueiro" nimmt Bezug auf die argentinische Milonga und repräsentiert eine der verschiedenen Typen des "Seis"-Stiles, dennoch werden in seinem frei-assoziativen Text die Ursprünge und Charakteristika der "cultura puertorriceña" verklärt, namentlich auch die drei Rassen: Weiße, Schwarze und Indios. Jíbaro-Musik wird in kleinen Besetzungen gespielt. Das wichtigste Saiteninstrument ist dabei das Cuatro, sozusagen der Bruder der kubanischen Tres. Begleitet von Guiro, Bongos und gelegentlich einer Klarinette oder Trompete unterlegt das Cuatro den Gesang mit Harmonien und komplementiert durch seine synkopischen Akkordzerlegungen im Verein mit der Percussion die rhythmische Struktur der Stücke.

"Putumayo presents Puerto Rico" macht es dem Hörer leicht, die Bezugspunkte zwischen kubanischer und puertorikanischer Musikkultur nachzuvollziehen, während er gleichzeitig einen kompetenten Überblick erhält über das gesamte Spektrum der traditionellen Musik auf Puerto Rico. Dabei begegnet man neben international bekannten Salseros a la Palmieri vielen lokalen Größen wie Jimenez oder Ramito. Entscheidend bei dieser Zusammenstellung aber ist die Qualität eines jeden einzelnen Musikstücks: Gern läßt man sich umgarnen von der schlichten Schönheit und der unbekümmerten Sentimentalität in den eher folkloristischen Songs. Ebenso leicht lässt man sich mitreißen vom polyrhythmischen Puls und der spielerischen Virtuosität in den Salsastücken. Wer heute in ein beliebiges Musikgeschäft geht, findet dort eine unglaubliche Menge an Cuba-Samplern aber vermutlich keinen einzigen aus Puerto Rico. Insofern leistet "Putumayo presents Puerto Rico" mit seiner repräsentativen Auswahl an Künstlern und Interpreten auch ein gutes Stück Pionierarbeit.

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