CHEIKHA RIMITTI

Nouar

EXIL MUSIK 9421-2
LC 08972
VÖ: 29.5.2000
DISTRIBUTION: INDIGO

VON O AUF PLATZ 1 IN DEN WORLD MUSIC CHARTS EUROPE JUNI 2000

"Ein Genre, das den Verfall der Sitten und den Niedergang des Anstands im algerischen Volkes widerspiegelt" — die Moralisten der dreißiger Jahre waren sich in ihrem Urteil über die Cheikhas von Oran einig. Diese mutigen Frauen, oft Arbeiter- oder Bauerntöchter, verknüpften den Lobgesang Allahs der weiblichen Gesangs-Ensembles (meddahate) mit der Musik ihrer männlichen Gegenparts, den Cheikhs. Doch wo die Cheikhs in langen wallenden Gewändern zum Klang von Rosenholzflöte (gasba) und Rahmentrommel (gallal) sich eher klassischer Poesie bedienten, passten die Frauen den Stil ihren eigenen Alltagserfahrungen an. Zu verlieren hatten die recht- und besitzlosen Sängerinnen wenig - und so begehrten sie in ihren Texten mit frechen und schlüpfrigen Versen von sexueller Freizügigkeit und Ausschweifungen vor einem Straßenpublikum gegen ihre Situation auf. Nicht nur die chanson oranaise war geboren — sondern auch die anarchische Keimzelle des Stoffs, aus dem die Themen der künftigen Raï-Rebellen geschneidert sein sollten. Seit über 50 Jahren steht im Zentrum dieser Musik die erstaunliche Cheikha Rimitti.

Die 1923 geborene Waise Saâdia muß sich von Jugend an gegen eine widrige Umwelt behaupten. Als Haushaltsgehilfin und rastlose Tänzerin bei einer Truppe von Wandermusikanten hält sie sich über Wasser, schläft in Dampfbädern, durchlebt Hungersnöte und Epidemien. Aus dieser Erfahrung der Alltags-Bitterkeit formen sich ihre ersten Verse: "Das Unglück war mein Lehrmeister." Durch Begegnung und baldige Heirat mit dem bekannten Flötisten Cheikh Mohamed Ould Ennems findet sie die Möglichkeit, für Radio Alger Aufnahmen zu machen. Den Grundstock ihrer Popularität aber legen Auftritte bei Darbietungen in den Zelten von Sidi Abed, wo sie durch ihre rauhe und eindringliche Stimme überzeugt und schließlich durch eine Textzeile eines Chansons ("Remettez un panaché") vom Publikum ihren heutigen Namen erhält.

Als Rimitti 1952 beginnt, Platten zu veröffentlichen, reißt man sich schnell um den neuen Star, um durch ihre Lieder Hochzeiten und Beschneidungsfeste verschönern zu lassen. Gewagte Tabubrüche sind ihre Spezialität: sie besingt leidenschaftlich alle Formen der Liebe, besonders die körperliche, feiert Freundschaft und Alkoholgenuss gleichermaßen, erzählt vom Leben der Nomaden und beklagt den Zwang zur Emigration. Als furchtlose Wortführerin der benachteiligten Frauen piesackt sie permanent die Moralisten. Es mag wenig verwundern, daß ihre jahrzehntelange Karriere ein ebenso langer Kampf mit der Zensur durch die FLN-Partei ist, die seit der 1962 erfochtenen Unabhängigkeit Algeriens die Macht innehält. Präsident Boumédienne veranlasst schließlich, daß ihre Auftritte verboten werden, nur noch heimlich kann man der Aufmüpfigen lauschen.

Als sich in den Achtzigern der Pop-Raï mit süßlichen Keyboards und programmierten Drums freie Bahn bricht, die Cheikhs sich fortan Cheb nennen, wird sich Rimitti schnell klar darüber, daß diese "Jungen" lediglich ihre Musik mit modernen Mitteln imitieren. Denn Raï heißt nichts anderes als "Meinung" — und die hatte sie den Leuten ja schon lange gegeigt: "Diese Sänger, die ihre Worte wie Kleenex-Tücher hin- und herschwenken, tun uns Unrecht. Sie sind wie Wiederkäuer der Lieder, die man ihnen vorgesungen hat." So mag es nicht zuletzt aus Trotz gewesen sein, daß die "Oum Kalthoum Algeriens" nach zwei Dutzend Alben, Hunderten von Singles und Cassetten, 1994 zum Gegenangriff bläst: mit Material, das Oran-Jazzer Houari Talbi ihr anbietet, begibt sich die alte Dame nach L.A., um mit Robert Fripp, Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea und anderen Rock-Größen die vielgerühmten, revolutionären "Sidi Mansour"-Tapes einzuspielen — und zeigt damit den Chebs, daß sie sich auf ihre Rolle als mystifizierte Mutter des Rai nicht beschränken will. Vielmehr gibt sie dem Genre neue ruppige Experimentier-Impulse, die sich auf dem Remix-Album "Cheikha" (1996, EXIL 5530) in abenteuerlichen, epischen Klangcollagen Fripps noch dramatisieren.

Sechs Jahre nach "Sidi Mansour" (EXIL 5518) meldet sich Rimitti, mittlerweile 77jährig, mit einem neuen wundervollen Werk aus ihrem seit 18 Jahren liebgewonnenen Exil Barbès zurück. "Nouar" ("Blume") ist eine Rückkehr auf ihr ureigenes Terrain. Mit ihrem rauhen Gesang, der traurig wie der Blues, aber gleichzeitig feurig wie der Funk ist, umgibt sie sich einmal mehr mit dem trancehaft schwirrenden Kreisen der Rosenholzflöten und dem unablässig dumpfen Beats der gallal, um ihre intensive, lebenserfahrene Poesie schweifen zu lassen. Ihre Texte sprechen nach wie vor von den Freuden der Leidenschaft jenseits gesellschaftlicher Zwänge, der Bitterkeit des heimatlosen Umherschweifens und nostalgischer Erinnerung an die Jugend. Wohldosiert finden Keyboards, Drums und Gitarren Eingang in die traditionelle Urbesetzung des Oran-Chansons. Arrangiert hat ihre Musik diesmal Maghni Mohamed, der am Erfolg aller großer Raï-Stars mitgeschmiedet hat, unter ihnen Khaled, Cheb Mami, Sahraoui und Zahouania. Und noch ein alter Raï-Haudegen gibt sich die Ehre: Bellemou Messaoud, seit den Siebzigern mit seiner Trompete stilprägend und selbst schon Legende, trifft hier mit seinen aufbegehrenden Blechblas-Arabesken erstmals auf Rimittis Stimme.

Mit "Nouar" zelebriert Rimitti nach Ausflügen ins Rock-Terrain wieder die ursprüngliche Anarchie des algerischen Liedes. "Le Monde" spricht schon jetzt von "einer der schönsten Raï-Scheiben, die je erschienen sind". Francis Gay (Blue Rhythm, WDR, SFB RADIO MULTIKULTI) meint: "Ein wahres Meisterwerk. Die Referenzplatte der Raï-Musik". Und Uli Lemke (Chefredakteur Blue Rhythm) schreibt: Geradezu spacy gerät "Nouar", wo Cheikha mit Beatbox, andalusischer Gitarre, heftigen Männerbackgrounds, ambientem Gewusel und richtig gut aufgenommenen Holzbläsern konfrontiert wird. Es ist, als habe sie sich von Natacha Atlas sagen lassen, wie man die Dancefloor-Kids von heute mit Trance-Grooves hypnotisiert. Und das im entrückten Alter dieser Gräfin des algerischen Underground, an dem alle ihre Nachfolger sich neu orientieren können. Inklusive aller Yalla-Chants! Global Dance pur, subtil ausgelotet. Einfach superb!

 

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