GEOFFREY ORYEMA
SPIRIT

EXIL MUSIK 9420-2
LC 08972

DISTRIBUTION: INDIGO


Selten war dies einer Neuerscheinung vergönnt: fast aus dem Nichts katapultiert sich eine Platte, reich an packendem, eingängigem und zugleich elegantem Afro-Pop auf Platz 1 der Worldmusic Charts Europe, überholt gar Youssou N’Dours "Joko". Verwunderlich? Eigentlich tat Geoffrey Oryema nichts anderes, als die Gegensätze seiner drei Real World-Alben kraftvoll zu bündeln. Die beiden Pole, verhaltene Songwriter-Lyrik mit Harfe und Daumenklavier zum einen, rockige Ausbrüche und druckvolle Arrangements zum anderen, sind nun nahtlos in eine glänzende neue Form gegossen. Und wenn dies unter der Leitung eines der kreativsten Produzenten unserer Tage, Rupert Hine (Les Negresses Vertes, Noa) passiert, ist Hochspannung garantiert. Mit seinem vierten Opus kehrt der exilerfahrene Oryema gestärkt zu den Quellen seiner Spiritualität zurück.

Die liegen in der Kultur des Königreiches Buganda, einer Perle des schwarzen Kontinents am Nordufer des Viktoria-Sees, heute auf dem Gebiet des Staates Uganda. Dort, in der Hauptstadt Kampala, lauschte der junge Geoffrey allabendlich dem Spiel der siebensaitigen Nanga-Harfe seines Vaters. Zugleich sog er jedoch nicht nur die Traditionen des einst blühenden Reiches auf, sondern wurde auch schon früh mit westlicher Kultur durch sein Studium an der Theaterschule in den Siebzigern konfrontiert. Doch der kulturelle Nährboden war denkbar steinig — seit 1966 hatte sich Uganda mit dem bitteren Erbe der britischen Kolonialzeit auseinanderzusetzen. Die Briten hatten durch Zwangsvereinigung der Territorien moslemischer Sudan- und christlicher Bantu-Völker ethnische Konflikte heraufbeschworen, und diese entladen sich nach der Unabhängigkeit in einem der schwersten Bürgerkriege, die den Kontinent je erschütterten. Nachdem Oryemas Vater, Minister im Kabinett von Idi Amin, 1977 umgebracht wird, flieht der 24-jährige vor dem Terror-Regime. Was in knappen biographischen Abrissen nüchtern als "Verlassen Ugandas" auftaucht, gestaltet sich in Wahrheit als spektakuläre Flucht im Kofferraum eines Autos.

Im Pariser Exil findet er neuen Zugang zu seinen Wurzeln und perfektioniert sein Spiel auf der nanga und dem Daumenklavier lukeme. Diese fein gewobenen Klänge, geleitet durch eine empfindsame Stimme mit wechselvollem Timbre sind es, die ihm internationale Lorbeeren einbringen, als er 1990 sein Debüt veröffentlicht. Lediglich durch dezent beigemischte Gitarren und Keyboards aus den Reglern von Produzent Brian Eno unterstützt, gelingt es Geoffrey mit der Swahili- und Acoli-Poesie von "Exile", Uganda quasi im Alleingang auf der Weltmusik-Karte zu platzieren.

Noch im gleichen Jahr präsentiert er sich vor 78.000 Zuhörern in der Wembley-Arena zur Feier von Mandelas Befreiung. Auf seinen beiden folgenden Alben, "Beat the border" (1993) und "Night to Night" (1996) wird die lyrische Grundtendenz seiner Songs allmählich und behutsam mal in trendy Ambient-Pop, mal in den Rock-Sound der großen Gesten gekleidet. Prominenz wie Daniel Lanois und Lokua Kanza gesellt sich ins Studio. Ohne seine Muttersprache zu vergessen, schreibt Geoffrey nun auch des öfteren englische Texte. Von 1993 an ist er ständiger Gast auf den großen Weltmusik-Festivals, namentlich den WOMAD-Events, tourt weltweit (Australien, Japan, Brasilien, USA) und tritt Seite an Seite mit Popstars wie Sting und Elton John auf.

Wie mit einem gigantischen Brennglas hat Geoffrey Oryema auf Spirit alles bisher Erprobte gesammelt. In zweijähriger Arbeit gelang ihm ein gewaltiger kreativer Befreiungsschlag, der schon beim ersten Hören schlicht und einfach überwältigen kann und auch später Dauerbrenner im Gehörgang bleibt. In zehn brillianten, stets auf höchstem Songschreiber-Niveau anzutreffenden Songs siedeln explosiv-rockige und tanzbare Energie direkt neben sensibler Melodik und Poesie. Zu seinen Mitstreitern gehören diesmal der Drummer Ian Thomas, der Bassist Nicolas Fiszman (Kadja Nin, Trilok Gurtu, Angelique Kidjo, Pili Pili), die Gitarristen Robbie MacIntosh (Wings) und Phil Palmer. Als weiblicher Vokalpart konnte Miriam Stockley von Adiemus gewonnen werden. Rupert Hine, der sich als Produzent der Negresses Vertes, Underworld, den Brand New Heavies oder auch für das neue Noa-Album einen exzellenten Ruf erworben hat, zeichnete in den Metropolis Studios London für die durchweg hitverdächtige, von knackiger Präsenz gezeichnete Arbeit verantwortlich.

Schon im Opener "Rwot Obolo Wan" wird die meisterhafte Verschmelzung der beiden Gesichter Oryemas deutlich: von schlichter Akustikgitarre begleitet erhebt Geoffrey seine Stimme zum bewegenden Klagegesang über ein Dorfoberhaupt, das seine Untertanen getäuscht hat: für erwiesene Dienste blieb die versprochene Entlohnung aus. Und in einer gewaltigen Entladung bricht sich urplötzlich der Refrain mit slappendem Bass, Rockdrums und lautmalerischen Vocals in verschiedensten Lagen freie Bahn — ohne den Grundcharakter des Songs zu verändern. Die luftig schwingenden Background-Chöre Miriam Stockleys verleihen dem Intro-Titel den letzten Schliff.

In "Spirits of my father" und "Omera John" erinnert sich Geoffrey an den getöteten Vater und den 1989 verstorbenen Bruder — und überraschenderweise tut er dies nicht in leiderfülltem Ton, sondern anhand vorwärtstreibender Rhythmen, rockiger E-Gitarre und dichten, pulsierenden Gesangs-Arrangements, als würde er die Vergangenheit zur Gewinnung spiritueller Kräfte beschwören. Im Tribut an seinen Bruder kreiert er dabei noch einen hymnischen Refrain, wie ihn der Afro-Pop nur ganz selten hervorbringt.

"Mara", in Frankreich schon erfolgreich als Single ausgekoppelt, zelebriert die Vereinigung des traditionellen Lukeme-Sounds, Markenzeichen des frühen Oryemas, mit einem fröhlichen, powergeladenen Popsong, der die Schönheit der Besungenen preist.

Und als Kuriosum wollen wir nicht die Cover-Version von "Listening Winds" vergessen, der nicht nur die Fans von Talking Head von der neuen Mittlerposition des Uganders zwischen Afrika und westlichem Pop überzeugen wird.

Geoffrey Oryema hat in den 23 Jahren seines Exils einen abwechslungsreichen musikalischen Pfad verfolgt. Die Tradition des grünen Landes am weißen Nil lebte stets weiter in der unverwechselbaren Lyrik seiner Lieder. Auf "Spirit" sind diese nun, stringent gekoppelt mit der Pop-Kultur des Jahres 2000, zu einer der größten Offenbarung der aktuellen Weltmusik-Szene gereift.

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