Putumayo Presents:

American Folk

 

EXIL 6171-2 / LC 08972 / VÖ: 8.8.2005 / DISTRIBUTION: INDIGO

 

1. Shannon McNally: "Pale Moon" (Sharon McNally) 4’38"
2. Josh Ritter: "You Don’t Make It Easy" (Josh Ritter) 2’30"
3. Christine Kane: "She Don’t Like Roses" (Christine Kane/Tom Kimmel) 4’45"
4. Jeffrey Foucault: "Don’t Look For Me" (Jeffrey Foucault) 3’02"
5. Lori McKenna: "Pour" (Lori McKenna) 3’46"
6. Lucy Kaplansky: "I Had Something" (Lucy Kaplansky/Richard Litvin) 4’14"
7. Peter Mulvey: "Shirt" (Peter Mulvey/David Goodrich) 3’08"
8. Nanci Griffith: "Boots Of Spanish Leather" (Bob Dylan) 5’18"
9. Patty Griffin: "Rowing Song" (Patty Griffin) 3’23"
10. Elizabeth Mitchell & Daniel Littleton: "Jubilee" (traditional, arr. Elizabeth Mitchell/ Daniel Littleton) 2’52"
11. Natalie Merchant: "Ovensboro" (traditional, arr. Natalie Merchant) 4’22"
12. Eric Bibb: "Judge Not Your Brother" (Eric Bibb) 4’33"

 

Ganz ehrlich - welche Bilder sind es zuerst, die das Wort "Folk Music" bei uns auslöst? Tauchen da nicht langhaarige Hippies vor unserem inneren Auge auf, die wütende Poesie und zärtliche Parolen zu rudimentärer Gitarrenbegleitung in die Welt der 1960er hinaustragen? Fiedeln und Akkordeone, die in rauch-geschwängerten Kaschemmen und zu ebensolchen Stimmen mit Banjos und Mandolinen um die Wette kreiseln? Durch übertriebene Klischeebildungen verkümmerte der "Folk" nach seiner Blütezeit in einer No Go Area. Doch was gut ist kommt wieder: Selbst die synthetischste Phase des Pops konnte den akustischen Urquell der Popularmusik nicht zum Versiegen bringen. Mit gekonnter Lyrik und ein paar Gitarrenakkorden ist es heute freilich nicht mehr getan: Was die Enkel von Woody Guthrie und die Töchter und Söhne von Dylan, Baez und den Weavers ersinnen, ist weder grob gehämmert noch psychedelisch verbrämt, sondern feinste Songwriting-Kunst. Die alten Bärte sind längst ab und Folkmusik hat in Amerika ein unverbrauchtes, frisches Gesicht, gibt sich politisch dabei immer noch engagiert und vor allem: musikalisch äußerst vielfältig mit offenen Türen zum Country, Gospel, Pop und Blues. Gerade zwischen Boston und Austin schlummert da für uns Europäer eine Menge Unentdecktes.

Eine Meisterin der verhaltenen Töne ist SHANNON McNALLY aus Long Island. Kein Wunder, dass sie mit ihren Demo-Tapes bei einer gewissen Margo Timmins landen konnte, der Sängerin der kanadischen Cowboy Junkies, die ja lange Zeit als die leiseste Band der Musikgeschichte galten. Timmins besorgte der studierten Anthropologin einen Plattenvertrag und seitdem sind ihre Lieder, die McNally selbst als "nordamerikanische Geistermusik" tituliert, nicht mehr aus der neuen Folkszene wegzudenken. Auf ihren Alben präsentiert McNally nicht nur eigenes Material, sondern ebenso Coverversionen von Bob Dylan bis Gillian Welch, oder sie lässt sich auf eine Kollaboration mit Kollegen Neal Casal ein. So geschehen auf der EP Ran On Pure Ligthning, von der "Pale Moon" entkoppelt ist. Der Beweis, dass auch zarte Countrytöne in New York salonfähig geworden sind.

Richtig vom Lande stammt JOSH RITTER. Das musikalische Schlüsselerlebnis für den Sohn des Staates Idaho war Dylans Song "Girl From The North Country", Leonard Cohens Klänge begleiteten ihn während seiner College-Zeit in Ohio. Da war allerdings schon klar, dass er die Songwriterbahn einschlagen würde. Bereits sein Debütalbum sicherte Josh die Eintrittskarte ins Elysium, sprich ins Vorprogramm von Idol Bob Dylan. Eine Tour nach Europa folgte, Kritiker applaudierten vorbehaltlos. Den vorläufigen Zenith hat Ritter mit der CD Hello Starling von 2003 erreicht, von dem gar eine Joan Baez sich Covermaterial entlehnte.
"You Don’t Make It Easy" demonstriert die schlichte Balladenkunst des jungen Barden.

Vom College in Boston führte der Weg sie 1996 nach North Carolina, wo sie ihr Debüt This Time Last Year veröffentlichte. Seitdem ist die Songwriterin CHRISTINE KANE auf vielen Ebenen beschäftigt: Ihre Alben veröffentlicht sie auf dem eigenen Label Firepink Music, engagiert sich parallel dazu auf humanitärer Ebene z.B. für Landminenopfer, darüber hinaus erteilt sie Workshops auf Folkfestivals. Die zärtliche Ballade "She Don’t Like Roses" hat Christine mit dem in Nashville ansässigen Kollegen Tom Kimmel geschrieben, aber Richard Shindell ist es, der hier die Harmoniestimme besorgt.

Townes van Zandt und John Prine sind seine selbsterwählten Ziehväter, und auf ihrer Basis schaffte sich JEFFREY FOUCAULT das Country- und Blues-Vokabular drauf, das die Grundversorgung für seinen eigenen Stil lieferte. Den präsentierte er 2001 erstmals, als sein Debüt Miles From The Lightning im Selbstverlag erschien. Seitdem hat der Mann aus Wisconsin mit Greg Brown und Guy Clark getourt, gründete zwischendurch das Trio Redbird mit Kris Delmhorst und Peter Mulvey (s.u.) und veröffentlichte 2003 schließlich seinen bislang größten Wurf: Stripping Cane beherbergt auch den "Titel Don’t Look For Me", der sich mit bluesigen Gitarrenintermezzi und ebensolchen Vocals in Metaphernlaune zeigt: "Als ich Dich verlassen habe, war ich ein Ozean - jetzt bin ich ausgetrocknet."

Dass Boston als fruchtbarer Boden für Songwriter gilt, ist seit langem kein Geheimnis. LORI McKENNA kann davon auch mehr als ein Lied singen. Mit 27 gewann sie für ihren Erstling Paper Wings And Halo den Music Award ihrer Stadt, und das war nur der Anfang für eine ganze Latte an Preisen. Danach ging’s mit Richard Thompson und Suzanne Vega auf Konzertreisen, die sie auch auf Amerikas bedeutendste Festivals in Newport und die Lilith Fair, führten.
"Pour" ist auf ihrer Scheibe Bittertown (2004) zu finden, eine gekonnte Verquickung von coolen Jazzelementen und einer lamentierenden Pedal Steel. "Ich weiß nicht wohin mein Liebhaber gegangen ist, aber ich bin sicher, dass er das Geld für die Miete mitgenommen hat" - dieser bittere Humor sitzt.

Der Name LUCY KAPLANSKY dürfte es auch bei deutschen Hörern klingeln lassen. Die Dame aus Chicago hat in New York mit Suzanne Vega und Shawn Colvin im Duett reüssiert, später aber zunächst entschieden, sich in die große Zunft der Big Apple-Psychologen einzureihen. Als ihre gelegentlichen musikalischen "Rückfälle" 1994 zum äußerst erfolgreichen, von Colvin produzierten Debütalbum führten, hängte sie die Seelenklempnerei wieder an den Nagel. Kaplansky ist seitdem zu einer der wichtigsten Stimmen der Neo-Folk-Szenerie avanciert, arbeitete mit Dar Williams und Richard Shindell und veröffentlichte 2004 ihr bereist fünftes Werk, The Red Thread. Etliche der Songs, die sie mit Ehemann Rick Litvin geschrieben hat, beschäftigen sich mit einschneidenden privaten Erlebnissen. Das eingängige Kleinod "I Had Something" erzählt von der freuden- und sorgenvollen Erwartung, die ihr Entschluss mit sich brachte, ein chinesisches Kind zu adoptieren.

Straßenmusiker in Dublin und Boston, später Leiter von Gitarren- und Songwriting-Workshops, Sprecher bei Dokumentarfilmen, Autor für Musikzeitschriften und für Theater-, Tanz- und Filmmusiken - PETER MULVEY dürfte zu den rührigsten seines Faches zählen. Neben alledem hat der Poet aus Milwaukee in den 1990ern auch noch mehrere Alben gefertigt und mit Kris Delmhorst und Jeffrey Foucault (s.o.) das Trio Redbird gegründet, mit seinen Mitstreitern ein denkbar weitgespanntes Material von Jazzstandards bis Countrysongs unter seine Fittiche genommen. Das flotte "Shirt" mit leicht angerockten Tupfern stammt aus dem Album Kitchen Radio und thematisiert eine grundsätzliche Entscheidung eines wandelnden Barden: In der schnuckeligen Heimstatt bleiben oder zu neuen Ufern aufbrechen?

Das die Schnittstelle zwischen Country und Folk immer eine kaum wahrnehmbare war, zeigt sich im Werk von NANCI GRIFFITH. Die Songwriterin aus dem texanischen Austin veröffentlichte schon 1978 ihr Debüt und stieg seitdem zu einer der wichtigsten, international erfolgreichen Persönlichkeiten der Sparte auf. Von Nashville aus startete sie in den 1980ern richtig durch: Mit "Once In A Very Blue Moon" und Julie Golds "From A Distance" führte sie die Country-Charts an und als Kollegin Kathy Mattea ihr "Love At The Five And Dime" coverte, wurde auch eine Majorfirma auf Griffith aufmerksam. Für Other Voices Other Rooms erhielt die engagierte Kriegs- und Landminengegnerin 1993 einen Grammy; darauf ist auch in einer elegant fließenden Version Dylans "Boots Of Spanish Leather" zu finden. Herr Zimmermann war übrigens so überzeugt von der Adaption, dass er sich das Lied von Nanci zu seinem dreißigjährigen Bühnenjubiläum im Madison Square Garden gewünscht hat.

Nochmals steht Boston im Fokus unserer folkigen Rundschau: PATTY GRIFFIN ist dort seit Mitte der 1990er aktiv und hat ihre Talente auf vier Alben bewiesen. Regelmäßig stellt sie die auch für Spezialprojekte zur Verfügung, darunter ein Tribut an Patsy Cline oder eine Benefizscheibe für die Flutopfer in Südostasien. Impossible Dream aus dem Jahre 2004 erlangte eine Grammy-Nominierung als Best Comteporary Folk Album und featuret den wunderschön schlichten und sich wiegenden
"Rowing Song", in dem - untermalt durch sparsame Bläserlinien - eines der ältesten Themen der Folkmusikgeschichte erneut zum Zuge kommt: Die Liebe zur See.

Dem singenden Ehepaar ELIZABETH MiTCHELL und DANIEL LITTLETON aus New York sind wir schon auf Sing Along With Putumayo begegnet. Die frühere Lehrerin Mitchell hat sich mit ihrem Partner auf ein Repertoire von Kinder- und Familienliedern spezialisiert, greift dafür auf traditionelles Material von Leadbelly bis Roy Orbison zurück. Mit "Jubilee" haben sie ein Lied zutage gefördert, das der Produzent ihres letzten Albums in einem alten Buch mit Volksdichtung gefunden hat - ein kleiner Meisterstreich, der nur mit Duogesang, Piano und Gitarre auskommt.

Als Sängerin einer der hippsten Folkpop-Bands der 1980/90er, den 10.000 Maniacs, hat sich NATALIE MERCHANT in die US-Musikgeschichte eingeschrieben. Seit 1995 ist die Songwriterin allerdings solo, ihr Debüt Tigerlily setzte damals ein kräftiges Ausrufezeichen. Engagiert für die Rechte der Tiere, der Obdachlosen und gegen häusliche Gewalt hat die streitbare Merchant 2003 ihren eigenen Verlag Myth America Records mit dem Album The House Carpenter’s Daughter eröffnet. Die Scheibe entstand, nachdem Natalie sich ins Erkunden von Feld- und Archivaufnahmen hineingekniet hatte, um Schätze der traditionellen Musik ausfindig zu machen. "Owensboro" erzählt vom harten Leben der Unterschicht in einem kleinen Südstaatendorf.

ERIC BIBB, ein alter Putumayo-Hase seit der Kompilation Mali To Memphis, hat das finale Folkwort und beweist, dass das junge Gesicht der Szene nicht ein ausschließlich weißes ist. Der Bluesmann, der mit Größen wie Robert Cray arbeitete, 2002 gar für Ray Charles im Vorprogramm auftrat, pflegt einen Stil, der sich immer wieder mit globalen Farbgebungen zwischen Gospel und Folk angereichert zeigt. Bibb lebt in Europa und erforscht von dort aus die Querverbindungen zwischen afrikanischer Musik und dem Blues. Mit "Judge Not Your Brother" stellt Putumayo zum Finale eine bislang unveröffentlichte Rarität des Ausnahmebluesers vor.

"New Acoustic Music", "Adult Contemporary", "Urban" oder "Progressive Folk" - der Eiertanz um den Terminus macht keinen Sinn mehr. Einigen wir uns einfach darauf, dass man, egal ob im Ballungs-raum Boston oder in "my private Idaho", ob im großen Konzertsaal oder im kleinen Club, mit geschliffenem Wort und cleveren akustischen Arrangements auch im 21. Jahrhundert großartige Musik machen kann.

 

 

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