Putumayo Presents:

Los Mocosos

 

American Us

EXIL 5955-2 LC 08972 VÖ: 9.5.2005 DISTRIBUTION: INDIGO


1. Bandolera Era (J.M.Martinez & G:Ramos) 4‘43"
2. Hey Mama (J.M.Martinez. S.Carter & M.Castro) 5‘04"
3. Vele / El Tango Adios (J.M.Martinez, G:Ramos, G. Sandino & S.Carter) 5‘30"
4. I’m Your Puppet (Lindan Oldham & Don Pennington) 4‘28"
5. Amigos Y Amantes (J.M.Martinez & G:Ramos) 5‘56"
6. Genius (J.M.Martinez & G. Sandino) 5‘14"
7. Señor Presidente (J.M.Martinez) 4‘49"
8. In The House (J.M.Martinez & G:Ramos) 4‘49"
9. Volvieron (S.Carter & J.M.Martinez) 4‘33"
10. The Beast (S.Carter, J.M.Martinez & G.Ramos) 5‘11"
11. Bacalao (J.M.Martinez & G:Ramos) 4‘54"
12. Blind Talk (G.Sandino, J.M.Martinez, G:Ramos & S.Carter) 4"58"

 

"Say It Loud — I’m Black And Proud!", schrie es Ende der 1960er Sex Machine James Brown heraus. Während schwarze Künstler aus Soul, Funk und Jazz über die ganzen Staaten die Forderungen der Black Panther unterstützten, propagierte in Kalifornien die Chicano Power-Szene um den jungen Carlos Santana und um Bands wie Malo und War das musikalische Mestizentum, die "shades of black and brown" im Gefüge der US-amerikanischen Gesellschaft. Der Mission District von San Francisco bildete dabei den kulturellen Brennpunkt. Drei Dekaden nach der Chicano-Blütezeit kann ein Sextett aus eben jenem Stadtviertel noch immer die Früchte von Carlos und Konsorten ernten. Der Rock Mestizo feiert bei Los Mocosos ein funkiges Revival, integriert dabei mit einem Agglomerat aus R&B, HipHop und Música Latina-Facetten von Cumbia bis Cuba mühelos alle klanglichen Errungenschaften der Zwischenzeit. American Us, der Mocosos dritter Streich, geht darüber hinaus auch textlich scharfzüngig gegen einen Staat vor, in dem nach Ansicht von Prominenten wie Harry Belafonte die Sache der Schwarzen mittlerweile verraten wurde. Willkommen zu einem tönenden sowie verbalen Kraftpaket aus "Cali".

George Clinton, Santana, War, die Fania All Stars, eine gesunde Kakophonie wie diese war es, die aus den Garagen des Barrios herausschallte, wenn man vor den Tagen der Mocosos-Gründung durch die Straßen des Mission Districts zog. Wer hier aufwuchs, wie einige der Knaben aus dem späteren Line-Up der Combo, der klinkte sich ganz automatisch in den vielfarbigen Vibe ein. "‘Los Mocosos übersetzen wir gerne mit kleine ‘Latin-Frechdachse’, eine Bande von hinterhältigen Rotznasen, die Chaos verursachen", erläuterte Bassist Happy Sanchez seinerzeit hintersinnig. Er ist dafür verantwortlich, dass die musizierenden Schlingel überhaupt zueinander gefunden haben. Als er eines Tages eine Kompilation produzierte, fehlte ihm noch ein Track für den schlüssigen Ablauf der Platte. Er trommelte ein paar Kumpels aus der Neighborhood zusammen, um den Lückenfüller einzuspielen, der - schwupps! - zum Radiohit wurde. Die Nachfrage nach einer Liveshow dieser zufällig zusammengewürfelten Truppe wurde so immens, dass die kurzfristigen Studiokumpanen im Nu auf der Bühne standen und sich nach der Blitzgeburt verwundert die Eierschalen von den Ohren streiften.

Seitdem sind Los Mocosos die volksnahen Helden des Districts. 1998 bereits veröffentlichen sie ihr Debüt Mocos Locos auf dem Label Aztlan Records, das vom Latin Beat-Magazin als "überraschendes Kontinuum der Immigrantenwurzeln" gewürdigt wird, in dem "New School-Swing und Ska-Einflüsse eine knallige Kollektion urbaner Latino-Themen schaffen". Um Happy Sánchez herum agierten damals noch u.a. der kratzbürstige Sänger Piero El Malo und Karl Perazzo, ein leibhaftiger Santana-Perkussionist. Man eskandierte in Anlehnung an den Godfather of Soul "Brown and Proud", zwang Herb Alpert zur Metamorphose, groovte mit James Bonds Thunderball-Thema. Kritiker sehen die "Rotznasen" sofort auf gleicher Höhe mit ihren Neo Chicano-Kollegen Ozomatli aus L.A.

Das zweite Elaborat, Shades Of Brown, markierte den Wechsel der Barrio-Bande zum Label Six Degrees und trieb die Melting Pot-Philosophie des Sextetts weiter voran, die sich schon lange nicht mehr exklusiv aus Latin-Trögen speiste. "Auf Shades Of Brown wollten wir zeigen, dass wir alle im selben Boot sitzen", stellte Sánchez fest. "Es handelt nicht davon, ein Latino zu sein. In unserem Viertel gibt es Iren, asiatische Immigranten, Internet-Kids. Es ist kein Ghetto, eher ein fruchtbarer Garten, ein Ort für Leute, die im Aufbruch begriffen sind." So tobten Tower Of Power-artige Bläser neben einer Tito Puente-Widmung durchs Tracklisting, die Fania All Stars standen genauso Pate für den Sound wie Earth, Wind & Fire oder jamaikanischer Ska. Und das Line-Up ließ am multikulturellen Background keinen Zweifel. Am Sax etwa fand sich mit
Shorty Ramos ein in Hawaii geborener, italo-puertoricanischer Tattookünstler, der glatzköpfige Sänger Manny Martinez war vom puertoricanischen Umfeld des Big Apple in die Bay Area übergesiedelt. Und die Lyrics streuten Salz in offene Wunden: So packte man heiße Eisen wie ungeklärte Morde an der US-mexikanischen Grenze an, aber man beherrschte auch den kubanisch-balladesken Buena Vista-Style. Soviel Engagement für die Chicano-Sache lohnte sich: Beim San Francisco Wammy Award wurden Los Mocosos mit dem Preis für die beste internationale Band bedacht und den California Music Award verlieh man ihnen für ein "Outstanding Latin Album". Ach ja, und wie könnten wir vergessen zu erwähnen, dass unsere Jungs ganz nebenbei auch mit Los Lobos und Santana auf Tour gingen, das Kennedy Center genauso rockten wie den Central Park?

American Us knüpft an all diese nervösen Synapsen an und lässt in unseren Hörzentralen erneut funkige Funkenschläge entstehen, oder wie es die Dayton Daily News formulierten: "Get ready to be swept up by Soulatino!" Mittlerweile zählen wir neun Rotznasen, die sich um Sänger Manny Martinez und Shorty Ramos geschart haben: Mit Drummer Fabian Paredes, Gitarrist Gabriel Sandino, Keyboarder Steve Carter, den Perkussionisten Enrique Padilla und Mio Flores, Posaunist Victor Castro und Bassist Ayla Davila sind ein Peruaner, ein Honduras-Kubaner, ein weißer Oaklander, ein jüdischer Guatemalteke sowie zwei Nicaraguaner im musizierenden Chicano-Zirkel aufgenommen worden. Für soviel Wirbel hat die Band in den letzten Jahren gesorgt, dass sie sich nun für die Produktion mit dem begehrten Pult-Zauberer Greg Landau (Susana Baca, Bobi Cespedes, Pete Seeger, Omar Sosa) schmücken können.

Stilistisch wird die Achterbahnfahrt noch ein wenig rasanter. Ein HipHop-getränkter Merengue eröffnet den Rundkurs durchs Barrio, Chicano-Rock wird auf den Stand des 21.Säkulums gehoben, klassischer R&B latinisiert, gemütliche und verschmitzte Reggae-Einschübe lassen verschnaufen, eine bläserschwangere Cumbia nimmt die Bush-Administration auseinander, Boogaloo-Referenzen schwirren herum, und bilingual, im besten Spanglish, wird vor Salsero Hector Lavoe der Hut gehoben. Greg Landau und Manny Martinez fassen die Mission des Mission Districts für uns zusammen: "American Us ist ein Tribut an unsere Vorfahren, die uns eine Kultur mit auf den Weg gegeben haben, die überdauert und uns die Stärke verliehen hat, den Anfeindungen um uns herum mit einer ausgelassenen Party zu begegnen und unsere eigene Vision der Welt durch unsere Musik zu zeichnen."

Anspieltipps:

- Bandolera Era (1): Ein funky Merengue-Mix mit satten Hörnern, Rap-Einlagen und einem unwiderstehlichen Piano-Riff — was will man als Opener mehr?

- Amigos Y Amantes (5): Ein Paradebeispiel, wie sexy sich funky Grooves der Siebziger à la Earth, Wind & Fire mit sanfter elektronischer Unterfütterung, afro-kubanischen Perkussions-Intermezzi und spanischen Lyrics verquicken lassen.

- Señor Presidente (7): An welche Adresse das geht, muss man ja nicht noch mal betonen. Salsa verbündet sich mit Reggae, um dem Herrn im Weißen Haus den Marsch zu blasen und ihn mit der Stimme eines anderen Amerika zu konfrontieren.

- Bacalao (11): Zweisprachig wird die Geschichte des Barrios erzählt, in Sekundenschnelle der Hebel von HipHop auf Salsa umgelegt. Eine Reverenz an die Vorfahren und zugleich an die urbane street culture der Latinos von heute.

"We’re Latinos on a Mission - and we’re ready to rock the house!" heißt es in einer ihrer Zeilen. Schöner könnte man das Credo des Neuners aus Frisco nicht zusammenfassen. Mit den Mocosos hat sich die Bay Area neben NY und L.A. als weitere Andockstation der US-Latinomusik des 21. Jahrhunderts etabliert.

 

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