Gérald Toto, Richard Bona & Lokua Kanza

Toto Bona Lokua

EXIL 5555-2 LC 08972 VÖ: 8.11.2004 DISTRIBUTION: INDIGO

Längst sind sie vorbei, die Zeiten, in denen Afrika vor unserem geistigen Auge das Bild des Trommlers, der wilden Zeremonien und magischen Rituale hervorrief. Wir haben die stillen musikalischen Seiten des afrikanischen Kontinents schätzen und lieben gelernt, die lyrischen, soulgeladenen Stimmen der Songschreiber von Kinshasa und Douala, den ruhigen Puls der Savannen-Poesie, die zarten Pygmäen-Jodler, Bogenharfen und Daumenklaviere. Afrika ist nicht nur die Wiege kräftiger Beats, sondern auch der seelenvollen Vokalkunst und feingesponnenen Akustik. Ebendiese Facetten des Kontinents und seine elegant geschwungenen Brücken zu Blues, Soul und Pop feiern nun drei Herren aus dem Kongo, aus Kamerun und Martinique mit einem grandiosen Vocal Summit-Album. In ungezwungenem und gerade deshalb so bezwingendem Unplugged-Setting haben sich drei Koryphäen der Black Vocal Music, LOKUA KANZA, RICHARD BONA und GÉRALD TOTO im Calm Studio zu Paris getroffen — und als sie herauskamen, war eine der schönsten Huldigungen an Afrikas Stimme seit etlichen Jahren geboren.

Im trüben Pariser Dezember 2003 fand das Rendezvous der drei Vokalstars statt. Für das junge jazzorientierte, jenseits von Genregrenzen operierende Label No Format erprobte man zunächst eine lockere Session. "Wir wollten schauen, was wir dem anderen enthüllen konnten, Dinge, von denen wir selbst nicht wussten, dass wir sie besaßen", bekennt das Trio rückschauend. "Nackt, ungeschminkt und aufrichtig. Herz an Herz. A Cappella." Bevor wir jedoch staunen, was die drei Protagonisten als Resultat ihres Gipfeltreffens zuwege brachten, seien sie hier erst einmal jeder für sich vorgestellt:

LOKUA KANZA hat das lyrische Gesicht des heutigen Afro-Pop entscheidend mitgeprägt: 1958 als Sohn eines Vaters aus dem Mongo-Volk und einer Tutsi-Mutter im Osten Zaires geboren, beginnt er in Kinshasa als Knabe, in Kirchenchören zu singen, wirkt bald in zahlreichen Rumba-Ensembles mit und besucht das Konservatorium der Hauptstadt. Mit der Diva Abeti entdeckt er den ganzen schwarzen Kontinent, und über die Zwischenstation Abidjan, wo er seine Talente in einem Hotelorchester ausformt, kommt er 1984 nach Paris. Am C.I.M., der größten Jazz-Hochschule Europas schreibt er sich ein, und in den Folgejahren gastiert er auf zwei Alben des großen Ray Lema, kollaboriert mit Manu Dibangos Soul Makossa Gang und bestreitet die Eröffnungen für die Konzerte von Angélique Kidjo. Seine Songwriting-Brillanz spricht sich herum, und 1992 spielt er auf eigene Faust in einem geliehenen Studio sein Debüt ein, die begleitende Tournee mit seinem Bruder und der Senegalesin Julia Sarr wird zum Erfolg. Der Name Lokua Kanza ist nun in aller Munde, sowohl Youssou N’Dour lässt den jungen Kongolesen auf seinem Album Womat singen, Landsmann Papa Wemba überträgt ihm für sein RealWorld-Œuvre Emotion gleich die Schirmherrschaft über etliche Songs und die Produktion. Mit Wapi Yo, Kanzas zweitem Wurf von 1995, kommt auch der Solo-Durchbruch und der Songschmied etabliert sein Markenzeichen: Balladen mit unverblümt westlichem, geschmeidigem Pop-Appeal, die aber zumeist in den Landessprachen Lingala und Swahili gesungen werden. Von Geoffrey Oryema bis zu Natalie Merchant, von Djavan bis Miriam Makeba reicht die Liste seiner teaming ups bis zum Jahre 2000. Sein letzte Scheibe Toyebi Te markiert eine Hinwendung zu den akustischen Wurzeln Zentralafrikas nebst magisch-ritueller Interludien, vereint seine typisch fließenden Chorsätze mit einer urwüchsigeren Seite. Ohne Zweifel ist Kanza einer der kreativsten Köpfe nicht nur des Kongo sondern ganz Afrikas.

Bassist, Komponist und Multi-Instrumentalist RICHARD BONA ist beim Jazzpublikum durch prominente Teamworks schon lange bestens eingeführt, hat in letzter Zeit aber auch die Weltmusikaudienz angepeilt. 1967 erblickt er in Ostkamerun das Licht der Welt und es sind die Töne des Balafon, die ihn schon als kleinen Jungen faszinieren. Seine erste Gitarre baut er sich selbst mit Saiten aus Fahrradbremszügen und bekommt in der Stadt Douala schließlich noch als Knabe die Chance, ein Jazzorchester auf die Beine zu stellen. Als Idol macht er, der bislang nie etwas vom Jazz gehört hatte, Jaco Pastorius ausfindig und erwärmt sich, beeindruckt von der tieftönenden Virtuosität, für den Bass. Mit 22 kommt er nach Europa, studiert in Düsseldorf, wächst anschließend an der Seite von Manu Dibango, Didier Lockwood und Jacques Higelin in die Pariser Szene hinein. Frankreich allerdings verlängert 1995 seine Aufenthaltserlaubnis nicht, mit der Begründung, es gäbe schon zu viele heimische Bassisten ohne Arbeit. Bona siedelt in die USA über wo seine Karriere schnell an Fahrt gewinnt: Er spielt zunächst in Jazzclubs, wird bald musical director für Harry Belafonte-Shows, kollaboriert mit Joe Zawinul, Herbie Hancock, Pat Metheny und Bobby McFerrin. Bona schnuppert neben dem Jazz bei Tito Puente auch in die Salsa hinein. Durch Branford Marsalis bekommt er seinen Plattenvertrag bei Columbia. Auf drei Soloalben hat Bona bislang seine Synthese aus kamerunischen Roots und den Erfahrungen in Paris und den USA vorgestellt, mit Pat Metheny, Michael Brecker und Salif Keita als prominenten Sidemen. Erst letztes Jahr bekam er bei den Victoires du Jazz den Preis für den besten internationalen Künstler.

Der dritte im stimmlichen Rund ist der gebürtige Martinikaner GÉRALD TOTO. Seit geraumer Zeit jammte er in den Clubs der Pariser Nachtszene, tobte sich im Funk- und Acidjazz-Milieu aus und kollaborierte mit dem Chanson-Youngster Mathieu Chedid alias "
M", war ebenso als Songwriter für den Raï-Newcomer Faudel tätig. Jüngst ist der Karibianer mit dem smarten Falsett auf eine akustischere Laufbahn eingeschwenkt, hat auf seinem Album Les Premiers Jours einen Vokalstil intimer Métissage herausgebildet, der sich leichterhand bei Reggae, Cajun, Folk, französischem Chanson und verschiedenen kreolischen Klanggewürzen bedient. Toto ist mit seinen cleveren Vokalminiaturen noch eine echte Neuentdeckung fürs deutsche Publikum — sitzt hier eine der nächsten Weltmusik-Offenbarungen in den Startlöchern?

TOTO BONA LOKUA — schon der Titel des Werks aus der Werkstatt unseres Terzetts klingt wie ein wohlklingender Zauberspruch. Und in der Tat: Wie die drei Herren in vorweihnachtlicher Stimmung (am Heilig Abend beendeten sie die Session!) eine Verschmelzung ihrer Vokalkünste vollbracht haben, da könnten durchaus alchimistische Kniffe im Spiel gewesen zu sein. Die gospel- und soulinspirierten, smarten Chorsätze von Kanza fließen ein, mystisch grüßt ein uriger Blues, kecke Mundperkussion treibt voran, hier und da eine Anlehnung an Bobby McFerrins Vokalorchester und an die überschwänglichen, gutturalen Lautmalereien à la Zap Mama. Doch Lokua, Richard und Gérald machen aus der A-Cappella-Attitüde keine Ideologie. Und so treten ganz unbekümmert folkige Gitarren, ein knackiger Flageolett-Bass, reduziertes Schlagwerk und ein einzelner Piano-Einwurf hinzu.

Es fiel uns alles andere als leicht, aus diesem grandiosen Werk einige wenige Stücke heraus zu picken. Deshalb gibt es diesmal gleich eine ganze Ladung von Anspieltipps:

- Lamuka (3): Ein schlichter Meisterstreich aus Lokuas Kanzas Feder. Die Gitarre beschwört Klänge des Berber-Instruments Guembri herauf, dazu vereinigen sich Solostimmen und der Chor in gospelartigen Harmonien.

- L’Endormie (4): "Die Schlafmütze" übersetzen wir korrekt und überlassen uns dem schläfrigen Groove dieser zugleich geheimnisvollen und beruhigend atmenden Miniatur. Wiegenlied für die Hängematte oder archaischer Blues? Gérald Totos Stückchen trägt beides in sich - und löst sich in eine gefiederte Schlußszenerie!

- Na Ye (7): Ein fröhlicher Rundgesang, der unverkennbar Monsieur Kanzas Handschrift trägt, alle drei Herren brillieren abwechselnd in den Strophen.

- Where I Came From (10): Das dezente Stimmenorchester liefert hier Percussion, Bass und harmonische Begleitung. Ferne Reminiszenzen an einen Bobby McFerrin durchstreifen diese Perle, die sich Gérald Toto erdacht hat.

- Seven Beats (11): Eine perfekter Schaukasten für Richard Bonas flinke Bassvirtuosität und die persönliche Adaption von lebendiger afrikanischer Polyrhythmie.

Lisanga (12): Ein geschmeidiges Finale: "Lisanga" bedeutet in Lokua Kanzas Muttersprache Lingala "Einheit", und nichts könnte die zwanglose vokale Union des Trios schöner demonstrieren, als dieser groovige, mouth percussion-schwangere Ohrwurm, in dem die drei zu pygmäenartigem Jodeln in einer vollmundigen Fantasiesprache kommunizieren.

Verbeugen wir uns vor diesem Ausnahme-Trio! Mit dem einfachsten aber schönsten Mittel, der menschlichen Stimme, entwerfen Toto, Bona und Lokua eine neue Landkarte schwarzer Vokalkunst und verknüpfen pan-afrikanisch und tri-kontinental ihre Lebensläufe.

 

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