Putumayo Presents:

South Pacific Islands


EXIL 5475-2 / LC 08972 / VÖ: 22.11.2004 / DISTRIBUTION: INDIGO

 

Korallenriffs, palmenbekränzte weiße Strände und blaue Lagunen — dazu passen natürlich die wimmernde Hawaii-Gitarre und die süßlichen Gesänge von Schönheiten, für die sich schon Paul Gauguin erwärmte, wie das Deckelchen aufs Töpfchen. Schade, dass bei uns allzu oft die reiche Kultur der Südsee ausgeblendet wird zugunsten behäbiger Multikolor-Klischees. Mela-, Mikro- und Polynesien warteten schon immer mit ganz handfesten Traditionen wie dem herausfordernden, gebärdenreichen Haka-Tanz der Maoris auf, oder mit mythischen Geschichten über Meeresgottheiten und Ahnen.

Die spirituelle Seite der ozeanischen Überlieferungen lebt nun neu auf, in einer Popmusik, die selbstbewusst ihre Wurzeln pflegt. Zugleich unterstützt sie den Unabhängigkeitskampf der Inselwelt, die seit Magellan scheibchenweise den verschiedenen Kolonialmächten zugeschlagen wurde und bis heute als Übungsplatz etwa für Atomversuche herhalten muss. Putumayos Reise durch pazifische Breiten bietet erheblich mehr als Sonnenuntergangs-Tapete aus Papeete.

Als unsere immer wiederkehrenden Reiseführer auf der Tour durchs weite Areal der Südsee fungieren die Musiker von TE VAKA, die hier gleich viermal vertreten sind. Opetata Foa’i ist der Leader der zehnköpfigen Band, die seit 1995 als mit Abstand prominenteste Popgruppe des Pazifiks gelten darf. Ganz aktuell rangieren sie mit ihrem neuen Opus auf Platz 7 der EBU World Music Charts Europe (September 2004) und im letzten Jahr wurden sie gleich in zwei

Kate-gorien von der BBC für den World Music Award nominiert. Te Vaka bedeutet "Kanu" — der Name greift ein zentrales Motiv der mythenbeladenen polynesischen Historie auf, denn immer wieder fuhren die Südseebewohner wagemutig auf der Suche nach neuem Land aufs Meer hinaus. Das Nomadentum setzt sich sowohl in Opetatas Musik als auch in seiner Vita als quirliges Inselhopping fort: Der Sänger und Komponist hat eine Mutter aus Tuvalu und einen

Vater aus Tokelau (Atoll-Archipel nördlich von Samoa, zu Neuseeland gehörend), wo man die weichste alle pazifischen Sprachen spricht, wurde in West Samoa geboren, lebt aber seit Mitte der 1960er in Neuseeland. Viele der Bandmitglieder von Te Vaka zählen zur Foa’i-Familie und mit ihnen sowie weiteren Musikern, die verschiedenste Maori-Wurzeln von den Cook Islands bis nach Samoa besitzen, wird eine polynesische Rundumschau zelebriert. Traditionelle Baum- und Schlitztrommeln schlägt man, Ukulele und Gitarre treten als Erbe europäischer Seefahrer hinzu. Die alten, provozierenden vokalen Drohgebärden der Haka-Zeremonie gehen eine Synthese mit Opetatas lyrischer, bildgewaltiger Dichtung im Tokelau-Idiom ein. Bereitwillig gibt Opetata zu, dass er von Jimi Hendrix und Joan Armatrading beeinflusst wurde, genauso aber tiefgründige Archiv-Recherchen über seine Vorfahren betrieben hat. Und so präsentieren Te Vaka einen eingängigen Pazifik-Pop, der trotzdem mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Jahrtausende alten Geschichte steht. In über 30 Ländern konnte das ein begeistertes Publikum schon während ihrer unvergesslichen Liveshows goutieren.

Die hier ausgewählten Stücke aus Te Vakas Repertoire stammen aus dem aktuellen Alben Tutuki und seinem Vorgänger, dem dritten Opus Nukuhehe. In "Iuliana" (1) offenbart sich eine swingende und liebevolle Widmung Opetatas an seine Ehefrau, "Sei Ma Le Losa" (3) ist eine hymnische Chorperle, die die Gruppe dem 2001 verunglückten Greenpeace-Mitbegründer David McTaggart als Dank für sein Engagement gegen die französischen Atomtests im Südpazifik zugeeignet hat. In "Haloa Olohega" (5) wird mit schlurfender Rhythmik das nahe Tokelau gelegene Swain‘s Island besungen, das sich die USA 1925 unrechtmäßig unter den Nagel gerissen haben. "Nukuhehe" (8) schließlich beschreibt ebenfalls die Einwirkungen der "Zivilisation" auf die Inselwelt Polynesiens: "Ich wurde traurig, als ich zu Dir zurückkehrte, denn ich kam ein bisschen zu spät, Dein Stolz ist vergangen, nun ist dies ein anderer Ort, vom Neuen verdorben, seine Leute kümmern sich nicht mehr um das Land, sondern haben sich für Bequemlichkeit entschieden."

Und nun zu den entdeckenswerten weiteren Beiträgen, die Te Vakas Lieder flankieren:

Von fern schon grüßen die geheimnisvollen Steinköpfe namens Moai, die auf den Hängen der Osterinseln stehen. Von Rapa Nui, wie dieser östlichste Außenposten Ozeaniens, politisch Chile angehörig, in der Landessprache heißt, kommen MATATO’A. Vor rund 1600 Jahren wurden die Inseln von Polynesiern erreicht und besiedelt, im 19. Jahrhundert war ihre Bevölkerung durch Überbeanspruchung der Ressourcen, Krankheiten und Sklaverei auf 111 Einwohner dezimiert. Mittlerweile ist ihre Zahl wieder auf rund 2000 gestiegen und Matato’a ("das wachsame Auge des Kriegers") leisten ihren musikalischen Beitrag zum Überleben der Kultur von Rapa Nui. "Mana Ma’Ohi" (2) hat sich der allgegenwärtigen Naturkraft Mana verschrieben, die sich nach dem Glauben viele Pazifik-Völker sowohl in Personen als auch im Wind, dem Meer und der Erde manifestiert.

George Mamua TELEK stammt von der melanesischen Insel New Britain im Bismarck-Archipel und ist der erste Exponent der Tolai-Kultur Papuas in der westlichen Welt. Sagenhaft ist sein Lebenslauf: Seit er in der Kindheit eine heilige Betelnuss verzehrt hat, soll er im Kontakt mit seinen Vorfahren stehen, und die erzählen ihm ihre Geschichten, die er nun in seinen Liedern wiedergibt. Traditionelle Percussionmuster, Ukulelen-Klang und dreistimmigen Gesang fügt Telek mit australischen und britischen Produzenten zu einem zeitgenössischen Sound zusammen, der 1999 bis in die Real World-Studios vordrang, wo er das Album Serious Tam aufnahm. Die Akustik-Miniatur "Abebe" (4)stammt von einem noch älteren Album und besingt in der Kuanuan-Sprache zwei Schmetterlinge, denen der Geist der Ahnen innewohnt. Ein kleiner Einblick für uns in die immer noch weitestgehend unentdeckte Welt Papuas mit ihren 700 Ethnien und 800 Sprachen.

Auf zum anderen Ende der Inselkette Melanesiens: Eine besonders schlagkräftige Koppelung von Tradition, Pop, Reggae und Worldmusic haben etliche kanakische Bands seit den 1980ern auf New Caledonia aus der Taufe gehoben, um ihre aussterbende Musik am Leben zu erhalten. Das idyllische Neukaledonien, das u.a. die größte Lagune der Welt beherbergt, kämpft seit langem für seine Unabhängigkeit, verbleibt aber bis heute ein Territoire d’Outre-Mer Frankreichs. Deshalb fließen in der Musik von

OK! RYOS auch immer wieder französische Zeilen in die Texte ein, die in der Sprache Nengone gedichtet sind. Die Heimat von Bandleader Edouard Mamejo und seinen beiden Schwestern ist das Eiland Maré in den Îles Loyautés, nordöstlich der Hauptinsel. OK! Ryos sind zweimal zu hören: "Nengone Nodegu" (6) ist die perfekte Hängematten-Musik und preist die Schönheiten Marés, während "Co Era So" (10) mit einem traditionellen Chor-Intro startet. Das Video zu diesem Song ist als Bonus im Enhanced-Teil dieser CD enthalten.

WHIRIMAKO BLACK zählt zu den herausragenden Vertreterinnen moderner Maori-Musik. Vom neuseeländischen Auckland aus macht sie mit ihren clever modernisierten traditionellen Liedern auf die problematische politische Lage der Maori aufmerksam. Mit internationalem Appeal gelang ihr dies kürzlich gar in den Reihen des globalen 1 Giant Leap-Projektes von Jamie Catto (Faithless) und Duncan Bridgeman. Mit flinkem Schlagzeugbesen und Slidegitarre entwirft sie in "Wahine Whakairo" (7) ein Tribut an jene Maori-Frauen, die die alte Sitte des Steineritzens aufrecht erhalten.

Mit Jason Hershey aka O-SHEN kehren wir nochmals in die Welt Papua-Neuguineas zurück. Hershey wuchs als Kind amerikanischer Missionare in Papua auf, wo er mit der Kultur des Yabim-Volkes groß wurde. Bis er 15 war, konnte er nur das lokale melanesische Idiom sprechen, dann sandten ihn seine Eltern in den Bundesstaat Washington auf die Hochschule. Heute lebt Hershey auf Hawaii und unterhält weiterhin engen Kontakt zur pazifischen Welt: Er hat zwei äußerst erfolgreiche Alben veröffentlicht, die ihn inselauf, inselab bekannt machten und auf denen er eine "urbane Inselmusik" pflegt, um es mit seinen eigenen Worten zu illustrieren. HipHop und Reggae begegnen traditionellen Elemente, die auch mal in etwas puristischer Spielart auftreten können, wie "Siasi" (9) beweist: eine in Yabim getextete Klage eines Mannes, der seine Frau auf der Insel Siasi zurücklässt. Hershey greift hiermit einen alten Hit Papuas aus den 1980ern auf.

Die kanakische Popmusik Neu-Kaledoniens zeigt sich erneut mit der Formation GUREJELE um Dick Buama und seiner Frau Hnatr von ihrer besten Seite. Gurejele gibt es seit 1993 und auch sie stammen wie ihre Mitstreiter OK! Ryos von der Insel Maré. Die eingängige, tanzbare Stimmung ihrer Nummern kann leicht darüber hinweg täuschen, dass in den Texten oft heiße Eisen angepackt werden. Das ist auch in "Watolea" (11), einem enormen Hit aus ihrem dritten Opus der Fall, denn hier wird Tacheles über die Kolonisation durch Frankreich geredet: "Er kam an wie ein Dieb, seine Flagge war blau, weiß und rot, und er hat einfach erklärt, dass dieses Land für immer seines sein wird."

Überraschend konstatieren wir: Die Südsee hat mehr zu bieten als wiegende Palmenhaine und hüftschwingende Blumenmädchen. Pop aus Polynesien und eine moderne melanesische Mélange dürften auch bald hiesige Ohren erobern.

 

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