Putumayo Presents:

Women of Latin America

EXIL 5460-2 / LC 08972 / VÖ: 20.09.2004 / DISTRIBUTION: INDIGO

 

Back To The Roots — das gilt immer mehr auch für die Musik der Frauen Lateinamerikas. Zwar sind glitzernde Popstars wie Shakira oder Gloria Estefan weiterhin in den Charts präsent, doch kann niemand leugnen, dass immer mehr ihrer Kolleginnen durch profunde Beschäftigung mit den Afro- und Indio-Wurzeln ihrer Kultur eine neue akustisch dominierte Sphäre der Música Latina ins Rampenlicht bringen. Statt tobenden Megashows scheint allmählich die ruhigere Ader von Amerikas Süden hervorzutreten. Stimmgewaltige Latinas wie Jacqueline Fuentes oder Landsfrau Mariana Montalva orientieren sich an der Nueva Canción-Bewegung Chiles, Lila Downs und Lhasa tauchen ihre Schöpfkelle in den reichen Mutterboden Mexikos, Susana Baca packt peruanische Musik an ihren schwarzen Wurzeln und die Brasilianerin Mônica Salmaso kehrt die lyrische Seite ihres Landes heraus.

Mit Women of Latin America nimmt uns Putumayo als Fortsetzung zu den beliebten Latinas (Putumayo 2000) auf eine Reise von São Paulo bis Santiago und von Mexiko bis Montréal mit, lässt uns neue frauliche Facetten Südamerikas entdecken.

Eines Tages flatterte ein Demo-Tape in den Putumayo-Briefkasten und schnell erkannte das Label-Team, das damit ein besonderes Talent seine Visitenkarte abgab: MARTA GÓMEZ begann in ihrer Heimat Kolumbien mit sechs Jahren als Chorsängerin ihre musikalische Laufbahn, besuchte später in Caracas die Javeriana-Universität, um Musik zu studieren. Nach ihrer Emigration in die USA schrieb sie sich am renommierten Berklee College of Music ein und brachte ihre Karriere auch in Übersee in Schwung: 2001 erblickte ihr CD-Debüt Solo Es Vivir das Licht der Welt, auf dem sie kolumbia-nische Cumbias und Bambucos vorstellt, andererseits auch souverän argentinische Zambas und den kubanischen Son beherrscht, ebenso Ausflüge in den afro-peruanischen Lando-Rhythmus unternimmt. "La Ronda", basierend auf einem Kinderlied ihrer Heimat, ist rhythmisch gesehen ein solcher Flirt mit der schwarzen Musik Perus. Gómez machte auch in jüngster Zeit von sich reden: Sie schrieb den Song "Paula Ausente", inspiriert durch Isabel Allendes Buch Paula, der schließlich auf einer CD Seite an Seite mit Tom Waits- und David Bowie-Beiträgen landete. Außerdem agierte sie als Opener für ein Bonnie Raitt-Konzert in Boston, in der gleichen Stadt trat sie auch mit Mercedes Sosa auf.

Die romantischen Klänge, die ihr Vater bei seinen Radio-Shows spielte, waren die frühesten musikalischen Kindheitseindrücke von JACQUELINE FUENTES. Mit 14 gab die gebürtige Chilenin aus Santiago ihr Debüt mit dem National Folklore Ballet, mit dem sie vor Tausenden von Zuhörern beim berühmten Vina del Mar-Festival auftrat. Die Nueva Canción-Bewegung, Ausdruck des Protests gegen das von Ungerechtigkeit und Gewalt geprägte Regime, war Vorbild für die Lieder von Jacqueline, die als eines ihrer Idole die legendäre Liedermacherin Violeta Parra nennt. Auch die grenz- und sprachübergreifende Solidarität der Bewegung findet sich in ihrer Musik wieder, wie sich im Konzept ihres Albums Amo La Vida zeigt. Das von wunderbar schwelgendem Cello eingeleitete, von balladesken Gitarren und Fuentes’ ausdrucksstarker Stimme geprägte "Sinuoso Trópico" stammt aus diesem Release: "Lass den Wind dich mitnehmen, öffne deine Arme, öffne dein Herz, so wie die Möwe es tut, frei und schön, löse dein Haar und lass es im Wind wehen, koste das Leben aus."

Aus Brasiliens Süden, der Metropole Porto Alegre, stammt eine der rührigsten aktuellen Songwriterinnen des Landes: ADRIANA CALCANHOTTO (sprich:Kau-kan-’jo-tu) verließ, geprägt vom Bossa und Jazz spielenden Vater, Ende der 1980er ihre Heimatstadt, um in Rio de Janeiro ihre Karriere zu lancieren. Der Erfolg kam mit dem zweiten Album Senhas (1992), auf dem sie ihr Songschreibertalent auf der schlichten Basis von Stimme und Gitarre eindrücklich unter Beweis stellte. Es folgten Ausflüge in eher experimentelle Gefilde, wie der Vertonung von Versen Gertrude Steins und der brasilianischen Modernisten der 1920er. Auf ihren mittlerweile sechs Alben wechselt Calcanhotto spielerisch zwischen folkloristisch-schlichter Klangmalerei, anspruchsvollen Collagen und Dancefloor-Anklängen. "Justo Agora" stammt aus ihrem aktuellen Album Cantada (2002), den Cellobogen führt hier Caetano Velosos Sohn Moreno.

Mit ihrem unverwechselbaren, geheimnisvollem Alt kreiert MÔNICA SALMASO sprich: Sau-`ma-su) aus São Paulo eine pan-brasilianische Klangwelt, die den Samba, die afrikanisch geprägten Lieder Bahias, die Rhythmen des nordöstlichen Hinterlandes oder gar Amazonisches einfängt, sich von der folkigen Luftigkeit ihrer Landsfrau Joyce genau wie von der melancholischen Mystik eines Milton Nascimento beeinflusst zeigt. Übers Theater und intensives Stimmtraining wuchs sie in den kreativen Künstlerzirkel ihrer Stadt hinein, spielte mit Paulo Bellinati, einem der renommiertesten brasilianischen Gitarristen, Baden Powells Afro-Sambas ein, wofür sie 1997 prompt den Sharp-Preis gewann. Das zwischen Jazz und Folk agierende Orquestra Popular de Câmara schließlich wurde zum Sprungbrett für ihre Solokarriere. Mittlerweile hat die Frau, die heute wie keine andere Sängerin Brasiliens lyrische Seele verkörpert, drei Soloalben veröffentlicht. Arbeiterlieder der Sklaven, die Spiritualität des afro-brasilianischen Candomblé, indianische Elemente und Volkslegenden residieren auf diesen CDs Seite an Seite mit Klassikern der Música Popular von Chico Buarque, Joyce, Chico César oder dem bahianischen Heimatdichter Dorival Caymmi. "Dançapé" (sprich: Dan-sa-`pä)vom zweiten Opus Voadeira (EXIL 2002) ist u.a. von ihrem langjährigen Begleiter, dem Produzenten und Bassisten Rodolfo Stroeter geschrieben: Ein sich im Dreiertakt wiegender Song mit Anklängen an die Musik des Nordostens (Ferraguttis Akkordeon) und an indianische Tradition (Bambusflöten von Teco Cardoso). Im Text wird verschiedensten Tänzen wie der Ciranda, der Zabumba oder dem Baião gehuldigt.

Als Augusto Pinochet 1973 durch einen Militärstreich an die Macht kam, verließ MARIANA MONTALVO ihre Heimat Chile. Von Frankreich aus hat sie seitdem an ihrer ganz eigenen Version zeitgenössischer chilenischer Musik gearbeitet, zunächst in den Reihen der Los Machucambos, später solo. Sie steht der Nueva Canción-Bewegung mit ihren Autoren Violeta Para, Victor Jara und Mercedes Sosa sehr nahe, integriert aber auch immer wieder Folklore-Farben in ihr musikalisches Universum oder auch mal einen der latino-gefärbten Chansons von Serge Gainsbourg. Der "India Song" aus ihrem aktuellen Album Cantos Del Alma (2003) ist ihre Version des Titelsongs aus der gleichnamigen Romanverfilmung von Marguerite Duras von 1975. Durch die Quena-Flöte bekommt die ursprünglich in Kalkutta angesiedelte Liebesgeschichte hier einen indianischen Einschlag: "Lied meines fernen Landes, du wirst von ihr erzählen, die heute verschwunden ist, du erzählst mir von ihr, von ihrem ausgelöschten Körper, von diesen Nächten, von der Langeweile, von diesem Verlangen. Du Lied, das nichts bedeutet, du erzählst mir von ihr und sagst mir alles."

Als jüngstes von neun Kindern und Tochter eines musikliebenden Bohemiens und einer Krankenschwester wurde TANIA LIBERDAD im kleinen Ort Zaña an der Nordküste Perus geboren, der Costa Negra, wie sie wegen der dort einstmals eintreffenden schwarzen Sklaven genannt wird. Schon mit fünf sang sie in der Schule den Bolero "La Historia De Un Amor" (den sie vier Jahrzehnte später mit Cesaria Evora einspielen sollte!) und hatte sich schon als Teenagerin ein Repertoire von 300 Songs erarbeitet. Rasch erfolgte ihr Aufstieg zu einer nationalen Größe und sie verschuf sich breite Kenntnisse in der afro-peruanischen Kultur. Mit 21 musste sie von zuhause ausbüchsen, da ihr Vater die musikalische Karriere missbilligte. Sie landete in Havanna, sang dort an der Seite von Omara Portuondo und dem Orquesta Aragon. In den späten Siebzigern führte ihr Nomadenleben sie nach Mexiko, wo sie eine eigene Gruppe auf die Beine stellte und sowohl mit der schwarzen Musik ihrer Heimat als auch mit Boleros beim Publikum Anklang fand. Weiter führte ihr Lebenspfad über Brasilien, wo sie mit Elis Reginas Ex-Gatten Cesar Maria Camargo zusammenarbeitete, später nach London. Mittlerweile lebt sie in Mexiko und hat ihren Ruf in ganz Lateinamerika gefestigt. Ihr aktueller Fokus liegt wiederum auf afro-peruanischem Repertoire, wie sich auch im heiter-perkussiven "Anda Mareando" unschwer herauslauschen lässt.

Die Erforschung und Neubelebung der Musik der schwarzen Peruaner — dies ist auch seit langem die Lebensaufgabe von SUSANA BACA. Wie keine andere Vokalistin hat die Künstlerin aus Lima die Lieder der Sklaven und Bauern der Küstenregionen durch die Gründung des Instituto Negro Cintinuo bewahrt. Resolut und leidenschaftlich, aber auch die bitteren Schicksale ihrer Vorfahren nachfühlend — in ihrem Timbre vereinen sich viele Färbungen. Mit ihren neuen Produktionen auf David Byrnes Luaka Bop-Label hat sie zusammen mit New Yorker Jazz-Koryphäen wie John Medeski oder Marc Ribot ein internationales Weltmusik-Publikum angesprochen. "Caras Lindas" jedoch stammt aus den älteren Schätzen ihrer Diskographie und greift eine Hymne auf die Schönheit der Afro-Latino-Kultur auf. Geschrieben wurde der Song von Tite Curet Alonso und popularisiert durch den Salsero Ismael Rivera in den 1970ern.

Ihr Auftritt an der Seite von Salma Hayek im preisgekrönten Filmgemälde Frida ist unvergesslich. Doch dieser Ausflug nach Hollywood offenbart nur einen Bruchteil der Talente von LILA DOWNS. Mütterlicherseits mit indianischem Mixteken-Blut ausgestattet erschafft die in Oaxaca (sprich: Oa-`ha-ka)(Südmexiko) aufgewachsene und an der University of Minnesota in Gesang und Anthropologie graduierte Sängerin eine unvergleich-liche Klangwelt: Spanisch- und englischsprachige Lieder interpretiert sie genauso überzeugend wie Kleinode in indigenen Idiomen (Mixtec, Zapotec, Náhuatl) und beschwört ein hispano-amerikanisches Tableau zwischen alten Mythen, Folklore à la "Cucaracha" und "La Bamba" und der US-Songwriter-Tradition im Geiste Guthries herauf. "Icnocuicatl" ist ihrem 1999er-Album Arbol De La Vida — Tree of Life entnommen und wurde von Natalio Hernandez in Náhuatl geschrieben, linguistisch gesehen ein direkter Abkömmling der alten Azteken-Sprache.

 

Eine Liebeserklärung an die Leute aus Bahia und ihre feierliche Wochenendstim-mung ist "Toda Sexta-Feira" (sprich: Sesch-ta-`feh-ra)("Jeden Freitag"). Dargebracht wird sie von BELÔ VELLOSO, selbst ein Kind dieser afrikanischsten aller Regionen Brasiliens. Und der Name trügt nicht: Belô ist die Nichte des Superstars Caetano Veloso, wuchs wie ihr Onkel und die Tante Maria Bethânia im Städtchen mit dem klangvollen Namen Santo Amaro da Purificação auf. Mit 19 kam sie nach Rio, wo sie ihre Plattenkarriere mithilfe der berühmten Verwandtschaft auf Kurs brachte. Die entspannte, von Sambaperkussion gestützte Ballade ist ihrem Debüt von 1997 entnommen. Seitdem hat das Nachwuchstal-ent weitere fünf Alben veröffentlicht.

Die Klangnomadin ist zurück: Sieben Jahre nach ihrem betörenden Debütalbum La Llorona entführt die mexikanisch-kanadische Songwriterin LHASA de Sela wiederum in ihre Welt voller Vagabunden, Mythen und bitterer Liebesgeschichten. Sie schöpft aus Chanson, Zirkusmusik, mexikanischer Ranchera, Blues, Chanson und Zigeunerklängen und spiegelt in ihrer Musik ihre eigene abenteuerliche Biographie wider: Ihre Kindheit verbringt sie mit ihrem mexikanischen Vater, einem Philosophen und ihrer schau-spielernden, amerikanischen Mutter in einem Wohnwagen, zwischen den beiden Ländern hin- und herpendelnd. Über die Zwischenstation San Francisco gelangt sie Anfang der Neunziger nach Montréal, wo sie mit dem Gitarristen Yves Desroisiers ihre ureigenen Musikkreationen entwickelt. Dann verstummt ihre raue und melancholische Stimme wieder für eine ganze Zeit, da sie sich ihren Artistenschwestern anschließt und mit einem Zirkus durch Frankreich tingelt. Das bittersüße "La Frontera", aufgeladen mit Streicherschmelz und Reminiszenzen an Mexikos Trompetenpassion ist nun ein Exzerpt aus dem neuen Werk The Living Road und könnte autobiographischer nicht sein: "Heute kehre ich zur Grenze zurück, die ich wieder überqueren muss, es ist der Wind, der mir befiehlt und mich dorthin treibt, und den Pfad verweht, der hinter mir wieder verschwindet."

Wir kehren wieder zum Ausgangspunkt unserer Reise durch lateinamerikanische Frauenstimmen zurück: Wie Marta Gómez` hat auch TOTÓ LA MOMPOSINAs Musik ihre Wurzeln in Kolumbien, im Speziellen an der atlantischen Nordküste. Die wohl bedeutend-ste und weltweit bekannte Sängerin ihres Landes zog als junge Frau von Dorf zu Dorf, um die reichen Schätze lokaler Rhythmen und Tänze auszuloten und vor allem die Bedeutung der Frau in der afro-kolumbianischen Kultur aufzuzeigen. Seit 1968 steht sie auf der Bühne, bestritt sogar bei der Verleihung des Literaturnobelpreises an ihren Landsmann Gabriel Garcia Marquez das musikalische Rahmenprogramm. Mit "Yo Me Llamo Cumbia" liefert uns Putumayo als besonderes finales Häppchen eine bislang unver-öffentlichte Aufnahme von Totó: Eine locker arrangierte Cumbia von Mario Gareña und zugleich ein schönes Tribut an Kolumbiens wichtigsten Rhythmus: "Mein Name ist Cumbia, wo immer ich hingehe, bin ich die Königin, keine Hüfte kann ruhig gehalten werden, wo immer ich auftauche, meine Haut ist braun wie die Haut der Trommel, und meine Schultern sind ein Paar Maracas, das die Sonne küsst."

Ob Afro-Perkussion von Perus und Kolumbiens Küsten, lyrische Klanggebilde aus São Paulos Kreativstätte, melancholische Balladen aus Chile oder mythisch aufgeladene Naturbilder aus dem Herzen Mexikos - der erdig-poetische Klangkosmos lateinamerikanischer Frauen schlägt uns einmal mehr in den Bann.

 

 

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