Putumayo Presents:

Blues Lounge


EXIL 5445-2 / LC 08972 / VÖ: 11.10.2004 / DISTRIBUTION: INDIGO


2003 hat man in den USA "The Year Of The Blues" ausgerufen. Seitdem zieht ein kleines Blues-Revival seine globalen Kreise. Martin Scorcese beglückt seit diesem Sommer deutsche Lichtspielhäuser mit seiner Blues-Filmreihe - auch ein Wim Wenders hat bekanntermaßen mitgedreht und sich mit modernster Filmtechnik der frühen Zeit des Rural Blues verschrieben. Genau diese Brücke zwischen den Zeiten wird derzeit auch akustisch geschlagen. Neue Stars des Blues-Zirkels wie Corey Harris orientieren sich an den historischen Figuren der Genre-Historie und die Faszination von urbanen Musikern für die alten Tonkonserven nimmt immer mehr zu. Rap- und Dub-Veteran Skip MacDonald trickst unter dem Namen Little Axe mit Dub-Papst Adrian Sherwood an neuen bluesigen Soundscapes, Tangle Eye haben für ein gerade mit höchstem Kritikerlob bedachtes Remix-Projekt Feldaufnahmen aus der sagenhaften Alan Lomax Collection verjüngt. Selbst DJs von der Techno-Sparte bis zum Easy Listening-Umfeld verfallen dem ruppigen Archaik-Charme eines Robert Johnson, Howlin’ Wolf oder Johnny Farmer. Dass dieser neudesignte Blues alles andere als eine sterile, entwurzelte Angelegenheit ist, offenbart uns Putumayo.

Wollte man eine Galionsfigur des neuen Blues-Stylings ausfindig machen, dann müsste dieser Titel in jedem Fall Skip McDonald zugesprochen werden. Unter dem Pseudonym LITTLE AXE hat er den Blues in revolutionärer Weise der Zukunft über-geben, ohne ihn dabei zu verraten — im Gegenteil: Er überträgt das Feeling des Blues adäquater ins 21. Jahrhundert als viele der zahllosen Gitarrenheroen, die sich immer noch — oft ungesegnet von echter Kreativität — am 12-Takt-Schema abarbeiten. Der Produzent und Gitarrist McDonald hielt sich Ende der 1970er im Fokus der aufstreben-den Rap-Bewegung auf: Mit Drummer Keith Le Blanc und Bassist Doug Wimbish spielte er unter anderem die legendären Tracks der Sugar Hill Gang ein. Die Sprechpassagen aus "Rapper’s Delight", dem von McDonald mitverantworteten ersten HipHop-Hit überhaupt, sind heute jedem noch im Ohr (und werden zu unserem größten Leidwesen heute bei Las Ketchup recycelt). In den Achtzigern taten sich MacDonald und seine Kollegen mit dem britischen Dub-Papst Adrian Sherwood (On-U Sound) unter dem Projektnamen Tackhead zusammen und siedelten alsdann ins UK über. Bis Anfang der Neunziger brachten Tackhead Platten mit Titeln wie Friendly As A Hand Grenade heraus, von untergründigem Funk-Rock und radikalem Dub bis knapp an die Grenze zum Mainstream reichte ihr stilistisches Spektrum, unter Sherwoods Schirmherrschaft ver-arbeiteten sie Einflüsse von Captain Beefheart, Hendrix und King Tubby. Diese grenz-überschreitende Philosophie durchtränkte auch McDonalds weitere Produktionen, ob mit African Headcharge, Sinéad O’Connor oder dem soften Indo-Dub von Bim Sherman.

1994 schließlich kristallisieren sich zwei der Essenzen aus McDonalds Setzkasten, Blues und Dub, in einer neuen Marke heraus, und die kanalisierte unter dem Namen LITTLE AXE (inspiriert von Bob Marleys "Small Axe" und Gospelsänger Willmer "Little Ax" Broadnax). In akribischen Hör-Sessions filtert sich McDonald Vokal- und Gitarrenpassagen seiner Bluesheroen wie Leadbelly, Howlin’ Wolf oder Blind Willie Johnson heraus, gibt ihnen eine völlig neue Heimat mit Dub-Ummantelungen und spacigen Loops. Seine Kollegen Sherwood und Le Blanc unterstützen ihn dabei weiterhin tatkräftig. Kritiker sind sich einig: Dies ist die Zukunft des Blues. Sowohl "Midnight Dream" (1) als auch "Long Way To Go" (5) wurden dem dritten Little Axe Album Hard Grind aus dem Jahre 2002 entnommen, das sich auch dem Vermächtnis von Blind Willie Johnson widmet.

Zwischen den 1930ern und 1960ern bereiste Amerikas berühmtester Ethnomusikologe Alan Lomax die Südstaaten, um dort — teils mit den ersten mobilen Aufnahmegeräten überhaupt — den gewaltigen Fundus der größtenteils nur mündlich überlieferten Lieder von weißen und schwarzen Amerikanern aufzunehmen und zu archivieren. Er baute seine Mikrofone in Kirchen, bei Dorffesten und auch in Gefängnissen auf, um die Gesänge der dort oft unter unwürdigen Bedingungen inhaftierten Schwarzen zu dokumentieren. In diesen Liedern sah er eine enge Verwandtschaft zu den Worksongs, die einst die Sklaven auf den Feldern und im Eisenbahnbau intoniert hatten. Lomax’ Tondokumente erschienen in umfangreichen LP-Sammlungen. etwa die Serien Southern Journey (1959/60) und Prison Songs (1947), und sie stellen zusammen mit vielen anderen seiner nun von der Library Of Congress verwalteten Feldaufnahmen das zentrale Gedächtnis US-amerikanischer Folk- und Blueshistorie dar. Ein Sakrileg, diese heiligen Schätze für Remixes zu plündern? Nein, denn sie sind in die feinfühligen Hände von Scott Billingtons und Steve Reynolds Projekt TANGLE EYE geraten und das riskante Unternehmen glückte auf dem von der Kritik durchweg gelobten Alan Lomax’s Southern Journey Remixed (2004) tadellos. Die beiden Köpfe hinter der Idee stammen ursprünglich aus Houston/Texas, haben sich in der Vergangenheit schon mit remixten Zydeco-Stücken in New Orleans einen Namen erworben. Die archaischen Stimmen sind hier nicht patinareicher Zierrat in einer Retro-Möblierung, nein, sie stehen vielmehr im absoluten Zentrum der Arrangements, die wiederum mit ganz handwerklichen Beigaben und großen Namen aufwarten. Neo-Blues-Held Corey Harris ist zum Beispiel mit von der Partie, oder George Porter Jr., der Funkbasser von den Meters. Im schlurfenden "Parchman Blues" (4), der auf das von Herny Jimson Wallace gesungene "No More, My Lord" (Prison Songs) zurückgreift und in der Parchman-Haftanstalt in Mississippi eingefangen wurde, steuert gar einer aus dem berühmten Marsalis-Klan seine Künste bei: Delfeayo Marsalis ist es, der mit einem Posaunensolo hervortritt. "John Henry’s Blues" (2) wiederum ist eine Wiedergeburt des von Ed Lewis interpretierten "John Henry" aus der 5. LP der Southern Journey namens Bad Man Ballads, einem der fast archetypischen afro-amerikanischen Folk-Klassiker mit lockeren Piano- und Fender Rhodes-Beigaben sowie Tony Trischkas charakteristischem Banjospiel. Vom Original bewahrt wurde auch der Axtschlag, der Lewis damals den natürlichen Rhythmus für seinen Gesang lieferte.

ORGANIC GROOVES ist das Kind des Basler DJs Sasha Crnobrnja und des italienischen Gitarristen und Produzenten Zeb. Ersterer kam über die Gitarre und ein Schlagzeugstudium zum DJing, sein mediterraner Kollege entdeckte während seiner Zeit in Brixton Dub und Reggae, arbeitete später mit The Future Sound Of London. Beide kamen 1993 nach New York, wo sie sich 1995/96 bei informellen wöchentlichen Sessions mit Party-Charakter namens Organic Grooves trafen und mit anderen DJs und Musikern zusammen an Funk, Reggae, Afro-Pop und Latino-Sounds bastelten. "Banal Reality" (3) stammt aus einem in Pennsylvania entstandenen Projekt der beiden Euro-Exilanten und featuret zusätzlich zur Gitarre und den Drum-Loops Samples aus einer alten Blues-Scheibe.

Wer ein Nachfahre des berühmten Schriftstellers Herman Melville ist, darf sich auch nach einem seiner Protagonisten nennen. Und so huldigt Richard Melville Hall also dem ominösen weißen Wal mit seinem Pseudonym MOBY. Die vier Buchstaben stehen weltweit für einen der größten Acts der Techno- und Electronica-Szene; wenige verstehen es, Rock, Soul und Blues mit soviel Flow auf ein Club-Publikum zuzuscheiden wie der eigensinnige Pultphantast aus Connecticut. Seit Ende der Achtziger ist er mit etlichen Hits vor allem in den UK-Charts vertreten gewesen, hat Remixes für Michael Jackson, Depeche Mode, die Pet Shop Boys und viele andere Promis erstellt. Ob er nun Techno mit Ambient und Gospel verzwirbelt oder mal plötzlich ein Punk-Intermezzo einlegt, Moby ist für Überraschungen immer wieder gut. Mit seinem vorwärtstreibenden Remake von "Run On" (6) holt er sich aus der Tiefe der Zeit einen Gospelklassiker von 1943, den damals Bill Landford & The Landfordaires eingespielt hatten. Kinogänger werden den Song dieser Tage womöglich wiederhören: Das Lied wurde von T-Bone Burnett für den Soundtrack zu Ladykillers, dem neuen Streifen der Coen-Brüder (O Brother, Where Art Thou?) kompiliert.

An "Foto Viva" mögen sich viele deutsche Clubgänger noch erinnern: Die entspannte Sommernummer war wohl die Eintrittskarte von Mark "Foh" Wetzler und Ralf Droesemeyer aka MO’ HORIZONS in die Lounge-Zone, in der sie etliche kultige Folge-Maxis platzierten. Auf das Doppel geht der schöne Begriff "Bosshannover" zurück, denn eine der wichtigsten Beimengungen der beiden Niedersachsen in ihren Teig aus jazzigen Harmonien und tanzbar-relaxtem Latin-Flair sind immer wieder Samples vom Zuckerhut und brasilianische Vokallinien. Dazu treten Schnipsel aus Boogaloo, Funk, Afro, indischer Musik und Soul — und fertig ist das äußerst erfolgreiche Rezept, mit dem das Duo sich zum Zugpferd unter den deutschen Lounge-Acts vorangearbeitet hat. Kein Wunder, dass Cunnie Williams oder gar eine Randy Crawford schon mit Droesemeyer zu produzieren wünschten. Mit "Gonna Be" (7) aus ihrem dritten Werk ...And The New Bohemian Freedom haben sie eine Phrase aus einem alten Soul-Titel ihrer neuen Bestimmung zugeführt - remixt wird das Teil hier von DJ Ben Human, einem Acid-Jazz-Recken von der Formation Corduroy.

Wir bleiben in heimischen Gefilden: Aus Nürnberg stammen Peter Heider und Florian Seyberth, die sich als BOOZOO BAJOU seit 1997 international in Electronica-Kreisen eingeführt haben. Bossa Nova, indische Duftnoten und eine ordentliche Portion Soul und Blues siedeln in ihren Downtempo-Konstrukten. Nelly Furtado und Mary J. Blige zählen zu ihren Remix-Kunden. Den Stimmenpart von "Camioux" (8), einem ihrer beliebtesten Stücke aus dem Album Satta, übernimmt Wayne Martin — schon im Kindesalter war er im Gospel aktiv, hat sich von New Orleans bis Schweden einen Namen in der Soul- und Blues-Szene ersungen. Seit 1990 lebt der expressive Vokalist in Deutschland.

Das Pariser Picasso Museum ist Ausgangspunkt für unsere nächste kleine Geschichte: Dort begegneten sich die Produzenten und Musiker François Inca und Dinant Lance. Nach einer fruchtbaren Diskussion über ihre gemeinsamen Interessen, die sich vom Pop und Rock der Sechziger bis zu Miles und Gainsbourg erstreckten, entschied man, in Lances Heimatstadt Brüssel ins Heimstudio zu gehen und mit der dortigen anachronistischen Ausstattung einen prädigitalen Sound zu prägen. Das Projekt GARE DU NORD war geboren und befasste sich fortan mit einer feinen Mélange aus Jazz, Latin und Blues. "Pablo’s Blues" (9) koppelt Samples des altehrwürdigen Robert Johnson mit Slidegitarre und einem urbanen, jazzy Setting.

Ein weiterer Clash des ruralen US-Südens mit der urbanen Technologie von 2004 steht als markantes Ausrufezeichen am Ende der Blues Lounge. Rico Wade, Ray Murray und Pat "Sleepy" Brown aka ORGANIZED NOIZE sind ein Kollektiv aus Atlanta, das schon für Asse des R&B und HipHop gearbeitet hat, unter ihnen Outkast und TLC. Hier haben sie sich eines Worksongs von JOHNNY FARMER angenommen. Der Bluesmann wurde 1932 in Holly Ridge, Mississippi geboren und schuftete Zeit seines Lebens als Pachtarbeiter, Straßenbauer und Bulldozer-Fahrer. In den wenigen freien Abendstunden griff er gelegentlich zur Gitarre, spielte seinen ganz persönlichen Blues. Fat Possum Records haben seine Musik auf dem Album Wrong Doers Respect Me veröffentlicht, aus dem auch das Original von "Death Letter" (10) stammt.

Von den Feldern, Gefängniszellen und Bahnlinien der Südstaaten in die Clubs der Metropolen, vom Delta zum Mixing Desk — diese hochspannende Zeitreise verhilft dem Blues zu neuer Geltung.

 

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