Issa Bagayogo

Tassoumakan

EXIL 5375-2 | LC 08972 | VÖ: 11.10.2004 | DISTRIBUTION: INDIGO

Die Geschichte aus dem Studio Bogolan in Malis Hauptstadt Bamako wird immer wieder gerne erzählt: Nachdem der Wassoulou-Sänger mit seinem Gitarristen in drei Tagen sämtliche Stücke für ein neues Album eingespielt hat, kehrt er am nächsten Morgen in den Mischraum zurück. Da tönt ihm zwar seine eigene Stimme entgegen, drum herum allerdings jede Menge Computerfrickeleien des Tontechnikers Yves Wernert, die über Nacht um die Vocals gebastelt wurden. Ungläubig, ja entsetzt flieht der Afrikaner aus dem Studio, glaubt, man habe ihn mit einer Hexerei belegt. Doch dieser Moment ist die Geburtsstunde seiner neuen Karriere. Der Sänger heißt Issa Bagayogo, und heute ist er es, der das Weltmusik-Publikum global verhext. Six Degrees präsentiert sein drittes Opus Tassoumakan.

Issa Bagayogo wird 1961 in Korin, einem kleinen Dorf südlich von Bamako geboren. Er ist das jüngste von 14 Kindern einer Farmerfamilie, die auf ihren Feldern Hirse anbaut. Schon als Kind singt er, begleitet sich dazu selbst auf der Daro, einer Eisenglocke, die auf dem Feld eingesetzt wird, um den Arbeitsrhythmus zu halten. Mit 12 versucht er sich ganz unstandesgemäß am Ngoni: Issa gehört dem Volk der Bozo an, und die stellen in der malischen Gesellschaft die Schmiede - der Ngoni, eine drei- bis fünfsaitige Laute und einer der Vorväter des US-Banjo, ist jedoch von jeher das Instrument der Jäger. Schließlich perfektioniert er seine Spielkunst auf dem Kamalengoni, einer sechssaitigen Weiterentwicklung, äußerst beliebt bei den Youngsters als "Harfe der Jugend". Selbstbewusst taucht er 1991 in Bamako auf, um eine musikalische Karriere zu beginnen. Er trifft auf zwei verrückte Franzosen, Yves Wernert und Philippe Berthier, die im Vorort Quinzambougou in zwei benachbarten Gebäuden das Studio Bogolan und die Firma Mali K7 hochgezogen haben, um Musikern des Landes vor Ort produktions-technisch auf die Sprünge zu helfen. Zwei rudimentäre, von Stimme und Harfe bestimmte Kassetten spielt er unter dem Zepter von Wernert ein, beide floppen. Enttäuscht verdient er danach seine Brötchen als Minibus-Fahrers, seine Frau verlässt ihn und er greift zur Flasche. Als gebrochener Mann kehrt er in sein Dorf zurück.

1997 klopft der hoch aufgeschossene Issa wieder an der Studio-Tür der Hauptstadt an. Yves Wernert ist mittlerweile besessen von der Idee, experimentelle Tracks mit malischen Sängern zu produzieren. Bei der Archivierung und Digitalisierung der vorhandenen Aufnahmen des Studios ist er immer wieder auf Issas Stimme gestoßen, die ihn nach wie vor in den Bann zieht. Also einigt man sich auf eine neuerliche Kollaboration. Mit dem Gitarristen Moussa Koné legt Issa die Basistracks und in Nachtarbeit gibt Yves erste elektronische Zutaten bei. Das eingangs beschriebene Entsetzen des Maliers weicht. Er findet Gefallen am neuen Gewand seiner Songs, das Album Sya (1999) nimmt Gestalt an. Wasoulou-Sounds in innovativer Kumpanei mit Dub und House, digitale Trance aus der Savanne, die bald seine Landsleute aufhorchen lässt. Die Musik dringt aus den Taxis, Cafés und schallt von den Marktständen, klettert auf die Nummer 1 der Mali-Charts. Besonders die Kids fahren auf die neue Mélange ab: "Techno-Issa" taufen sie ihr neues Idol mit der tiefen, ruppigen Stimme. Der Groove hat in Bamako Einzug gehalten. Doch der Erfolg stoppt nicht an den Landesgrenzen Malis. BBC-Guru Charlie Gillett bekommt Wind von Issas Tracks, ebenso finden sie sich in den Playlisten der Londoner Afro-DJane Rita Ray und ihres Kollegen Max Reinhardt.

Ein zweites Album wird in Angriff genommen. Timbuktu (2002) wird es heißen und offenbart sich als das — wiederum mit Yves Wernert eingespielte — Masterpiece des aufstrebenden Weltmusik-Stars, der Ali Farka Touré als sein großes Vorbild zitiert. Timbuktu erscheint auf Six Degrees und übertrumpft das Gesellenstück Sya, trägt nun mehr Flow in die bis dato noch ein wenig nach dem Optimum suchende Koppelung von Savanne und Dancefloor. Zu zahmen House-Rhythmen und zurückgelehntem Dub zirpt knochentrocken die Buschharfe, gleißende E-Gitarren streiten mit dem Ngoni um die Vorherrschaft, und die Rufe der Nomadenflöte tönen immer wieder flirrend zwischen den Antwortchören der Frauen heraus. Issa selbst, mit leicht nasalem gepresstem Gesang, beschwört die Krieger des legendären Mande-Reiches, setzt sich in seinen selbst-verfassten Lyrik aber auch mit zeitgemäßen Themen wie Drogen, AIDS oder Umweltver-schmutzung auseinander. Und in den gesprochenen Passagen erweist sich der Klangreichtum seiner Muttersprache Bamanan gar als höchst raptauglich. Timbuktu erobert im Januar 2002 den Spitzenplatz der europäischen Weltmusikcharts. Der Journalist Thorsten Bednarz schrieb damals über das magnum opus: "Timbuktu ist sicherlich eines der wichtigsten Alben, das seit einigen Jahren in Afrika produziert wurde. Nach dieser Platte steht der Name Issa Bagayogo neben dem eines Youssou N’Dour, Ali Farka Toure oder auch Manu Dibango."

Und auf den europäischen Bühnen sorgt Issa Bagayogo im darauffolgenden Sommer mit seiner von ihm selbst weiterentwickelten Kamalengoni, seiner Backing Band und den programmierten Zutaten für begeisterte Reaktionen. Bei den ersten Adressen der Weltmusik-Festivals wie WOMAD enthusiasmiert er das Auditorium, auch als Eröffnungs-Act für Femi Kuti wird er gebucht.

Nun tritt der Pionier des Afro-Electro mit seiner dritten Scheibe ins Rampenlicht. Das bewährte Teamwork mit Yves Wernert führt zu neuen Ufern, noch lange sind nicht alle Variationen des Afro-Electro ausgeschöpft. Mal tönt es majestätisch stampfend im rhythmischen Fundament, mal eher funky oder transparent mit einem rockigen Drumkit. Dann wiederum fehlt die elektronische Grundierung ganz oder tritt sphärisch in die zweite Reihe zurück und Issa steht mit seinem Kamalengoni ganz im naturbelassenen Brennpunkt. Dazwischen glitzert immer wieder die bluesig getönte Saitenkunst von Mama Sissoko, einem der gefragtesten Sessiongitarristen Westafrikas.

Für das I-Tüpfelchen auf der traditionellen Seite der Waagschale sorgen clever eingebaute Flötenpassagen. Und nicht zu vergessen die reizenden Background-sängerinnen: Issa verfügt über deren 10 (!) und in den unterschiedlichsten Konstellation-en schaffen sie — je nach Flair des Tracks — eine fröhliche, soulig-samtige oder anheizende vokale Entourage zu Issas nasal-rituellen Strophen. Deutsche Konzertbesucher mögen sich außerdem freuen, dass mit Adama Yalomba Traoré einer der innovativsten Kräfte der südmalischen Musik mit von der Partie ist: An zwei Tracks hat der 2003 auf dem Afro-Festival Würzburg umjubelte Newcomer als Komponist und Harfenspieler mitgebastelt.

Anspieltipps:

- Diama Don" (2): Ein superber Schaukasten für den Savannen-Groove à la Bagayogo: Eine trancehaft kreisende Melodie, ruppige E-Gitarren-Einlagen und abwechslungsreiche Timbres im rhythmischen Programming, dazu raffiniert spacige Keyboards.

- "Koroto" (3): Mali-Funk at it’s best - hier zeigt sich besonders, dass Issas Musik nicht nur im Kontext harscher Beats funktioniert. Wernert und sein Schützling lösen sich vom Afro-Electro-Schema und setzen ein lockeres Drumkit als Basis zu diesem leichtfüßigen call-and-response-Song. Der malische Jungstar Adama Yalomba hat an diesem Track mitgeschrieben und sich mit seinem Kamalengoni in die Session eingebracht.

- "Touba" (11): Nochmals ein funkiger Titel mit einer etwas mehr ins House-Flair driftenden Rhythmik, mit vielen vorantreibenden Perkussionsspuren ausgekleidet.

- "Joola" (14): Ein gemächliches, chill-out-haftes Finale mit ernstem Hintergrund: Die sanfte Brandung des Meeres, Issas dezenter Sprechgesang und die bluesigen Riffs von Sissoko erinnern an das tragische Unglück der senegalesischen Fähre Joola. Am 26.September 2002 sank das wichtige Verbindungsboot zwischen der Casamance und Dakar und riss 1200 Menschen in den Tod. Bagayogo und seine Band erinnern einfühlam an Opfer und Hinterbliebene und prangern die Betreiber altersschwacher Schiffe an.

Mit souveräner Handhabung des von ihnen begründeten Afro-Electro-Genres melden sich Issa Bagayogo und Mixmaster Wernert zurück. Ein elektrisierender, groovender Soundtrack mitten aus der Savanne für die Tanzflächen auf allen Kontinenten.

 

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