CUBA - I AM TIME

4 CD-Box mit 112seitigem, farbig illustriertem Buch und Musik aus Cuba von 1927 bis 1997

EXIL 5010

LC 08972

Distribution: INDIGO

INTRO
CD 1: CUBAN INVOCATION

CD 2: CANTAR EN CUBA

CD 3: BAILAR CON CUBA
CD 4: CUBANO JAZZ
 

"Wann immer ich Jazz, Pop- oder Rockmusik höre, entdecke ich darin etwas aus Cuba", meinte der geniale Komponist, Arrangeur und Orchesterchef Mario Bauzá einmal - und Recht hatte er! Wohl kaum ein anderes Land hat - gemessen an seiner Größe - so gewaltigen Einfluß auf die populäre Musik des 20. Jahrhunderts ausgeübt wie die karibische Zuckerinsel.

Ohne Cuba gäbe es weder die New Yorker Salsa-Szene noch den Latin Rock eines Carlos Santana oder die Pop-Klänge der Miami Sound Machine. Der Jazz, der schon im alten New Orleans von eingewanderten Cubanern mitgeschaffen wurde (ebenso wie der Reggae in Jamaica) wäre ganz andere Wege gegangen; auch die populäre Musik Westafrikas vom Senegal bis zum Kongobecken hätte auf einen ihrer prägenden Einflüsse der letzten fünf Jahrzehnte verzichten müssen (z.B. singt Youssou N'Dour auf seinen ersten Aufnahmen in Spanisch!). Selbst der argentinische Tango hat seine Wurzeln zum Teil in der cubanischen Habañera.

Auch wenn die ganze Karibik zu Recht als kultureller Schmelztiegel gilt - Cuba, die größte Insel der Antillen, spielt eine Sonderrolle, denn nirgendwo sonst gibt es eine derartige Mischung. Schon die iberischen Kolonisatoren verkörperten eine Fusion von europäischer und nordafrikanischer Kultur. Schließlich ging die jahrhundertelange maurische Herrschaft über Spanien erst im Columbus-Jahr 1492 endgültig zu Ende. Französisches kam vor 200 Jahren auf die Insel, als schwarze Sklaven in Haiti die Macht übernommen hatten und viele ihrer ehemaligen Herren über die Meerenge der Winde in den nahegelegenen Osten Cubas flüchteten. Weniger ins Gewicht fallende aber trotzdem nachhaltige kulturelle Beiträge lieferten die im Lauf der Zeit fast vollständig vernichteten Indianer sowie die relativ kleinen Gruppen der chinesischen, indischen und arabischen Einwanderer.

Und schließlich ist da der kaum zu überschätzende Einfluß Afrikas, der immer wieder neue Nahrung erhielt. Denn auch wenn Spanien 1820 ein Verbot der Einfuhr von Sklaven erließ, wurde diese - illegal - praktisch bis zur Aufhebung der Sklaverei 1880 fortgesetzt.

All diese Elemente haben sich in immer wieder neuen Mischungsverhältnissen verbunden und dabei eine ungeheure Vielfalt künstlerischer, nicht zuletzt musikalischer Ausdrucksformen entstehen lassen. Und weil einer Gesellschaft mit so komplexer Kultur jeglicher Purismus zwangsläufig fremd ist, fallen im Zeitalter globaler Kommunikation (US-Radio und -TV kann in Havanna z.B. mit normalen Antennen empfangen werden) auch neue Einflüsse wie Funk oder HipHop auf fruchtbaren Boden und zwar nicht als schematische Übernahmen, sondern als zusätzliche Steine, die kreativ in das Mosaik der eigenen Musik eingefügt werden.

Schon vor Monaten wurde deutlich, daß sich 1997 zum Boom-Jahr für die Música Cubana entwickeln würde. Nie zuvor waren derartig viele Bands international auf Tour, und die Flut der Plattenveröffentlichungen hat kaum überschaubare Ausmaße angenommen. Höchste Zeit also für eine Edition wie CUBA - I AM TIME, die in zweijähriger intensivster Arbeit entstand und dem Einsteiger ein ideales Panorama der cubanischen Musik bietet. Aber auch Experten und Aficinados werden auf eine ganze Reihe von Perlen stoßen, die mit dieser CD-Box erstmals einem großen Publikum zugänglich gemacht werden.

Selbst wenn der Kenner den einen oder anderen persönlichen Favoriten vermissen mag (selbst ein moderner Silberling faßt nur knapp 80 Minuten), so dürfte sich CUBA - I AM TIME schnell als Standardwerk etablieren, denn keine andere Tonträger-Edition hat bisher einen so ausführlichen Überblick über die Música Cubana von den 2Oer Jahren bis zur Gegenwart ermöglicht. 57 Titel stellen alle wichtigen Genres dieser Musik vor, von Rumba und Guaguancó über Trova, Mambo und Son bis zum Latin Jazz, gespielt von den renommiertesten Bands und Solisten der Insel.

Und weil sich vieles erst bei näherer Kenntnis der historischen, sozialen und kulturellen Zusammenhänge erschließt, enthält das 112seitige, aufwendig illustrierte Buch zur Box neben detaillierten Informationen über die einzelnen Künst1er zu jeder der vier thematisch gegliederten CDs ein umfangreiches Einführungskapitel

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CD 1: CUBAN INVOCATION

CUBAN INVOCATION präsentiert die afrikanischste Spielart cubanischer Musik: authentische Rumba (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Gesellschaftstanz) und Lieder zu Ehren der Gottheiten afro-cubanischer Religionen.

Die schwarzen Sklaven, die man über drei Jahrhunderte hinweg auf die Insel verschleppt hatte, wurden zwangsmissioniert, fanden aber Mittel und Wege, um ihr kulturelles Erbe einschließlich ihrer Götter in feindlicher Umgebung zu erhalten. Die Angehörigen einzelner Stämme, der Yoruba, Abakuá, Arará und vieler anderer, fanden sich dazu in besonderen Vereinigungen, den "Cabildos", zusammen. Hier wurden verschiedenste Zeremonien durchgeführt und die alten afrikanischen Rhythmen an die nächste Generation weitergegeben (im Unterschied zu den USA, wo man den Sklaven auch das Trommeln verbot, weshalb Jazz, Blues und Soul rhythmisch wesentlich simpler gestrickt sind als afro-cubanische oder auch afro-brasilianische Musik).

Unter dem Deckmantel der Anbetung katholischer Heiliger huldigte man den eigenen traditionellen Gottheiten. Im Lauf der Zeit entstanden daraus sogenannte synkretistische, also Misch-Religionen, wie auch in anderen Teilen Lateinamerikas z.B. in Haiti (Voodoo), Brasilien (Candomblé, Umbanda) oder Uruguay (Candombe). Als einflußreichste schwarze Gruppe auf Cuba erwiesen sich die Lucumí, Nachkommen von Yoruba aus dem heutigen Südnigeria, und ihre "Santeria" genannte Religion mit einem ganzen Pantheon verschiedener Gottheiten (Orishas), von denen jede ein Pendant in Gestalt eines oder einer katholischen Heiligen besitzt. Und wie für viele Religionen afrikanischen Ursprungs ist Musik auch für die Santeria essentiell: Nur über die tradierten Rhythmen verschiedener Perkussionsinstrumente, vor allem der Batá-Trommeln, können die Gläubigen mit den einzelnen Orishas kommunizieren, ihnen huldigen, sie um Beistand bitten oder sich für geleistete Dienste bedanken. Gesungen werden dabei noch heute zumeist alte Texte in Yoruba und nicht in spanischer Sprache.

CUBAN INVOCATION beginnt mit der Gruppe Añag 7 des Perkussionisten Pancho Quinto. Er genießt ausreichend Autorität, um - wie bei "El Sinsonte"- Rhythmen und Instrumente verschiedener afro-cubanischer Religionen zu mischen und mit weltlicher Rumba zu fusionieren. Nach dem Sieg der Revolution gehörte Pancho Quinto zu den Gründern des berühmten Ensembles Conjunto Folklórico Nacional de Cuba, das auf CUBAN INVOCATION mit einem Lied zu Ehren der Meeresgöttin Yemaya zu hören ist (Track 5).

Mit zwei Titeln ist die 1996 verstorbene große Sängerin Merceditas Valdés vertreten. Auf traditionelle Weise, begleitet von den drei doppelfelligen Batá-Trommeln Iyá (groß), Itotelé (mittelgroß) und Okónkolo (klein) huldigt sie "Obatalá", dem König der Orishas (Track 2). Jazzig arrangiert dagegen ist die Hommage an "Osain", den Herrscher über die Pflanzenwelt, aufgenommen mit der Gruppe des Pianisten José Maria Vitier (Track 10).

Cubas beste Rumba-Bands werden mit den Tracks 3, 4 und 6 vorgestellt. Clave y Guaguancó wurde 1960 von Amado Dedéu gegründet, einem Priester der Abakuá, die sich auf die Kultur der Efik im Grenzgebiet von Nigeria und Kamerun beziehen. Jeden Sonntagnachmittag kann man in Centro Habana, in der Callejon de Hamel, wo sich ein afro-cubanisches Kulturzentrum befindet, Amado Dedéu und seine Band live erleben. Die Straße ist dann voller Menschen, und jeder Rumbero ist eingeladen mitzumachen, um so die Rumba, die einst als Straßenmusik entstanden war, am Leben zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Der größte Zuckerhafen Cubas, etwa 100 Kilometer östlich von Havanna, ist seit 1952 die Heimat der legendären Los Muñequitos de Matanzas, deren Gründer "Goyo" Diaz im Frühjahr 1997 starb. Die 14 Perkussionisten, Sänger und Tänzer haben die authentische Rumba auf zahllosen Tourneen um den ganzen Erdball getragen.

Und schließlich sind da noch die weltberühmten Los Papines (hier gemeinsam mit Celeste Mendoza, der "Königin des Guaguancó" zu hören): vier Brüder, die seit 1959 unzählige Male ihre Qualitäten als Sänger, Trommler und Showmen unter Beweis gestellt haben.

Musikalisch etwas aus dem Rahmen fällt Track 7 mit Celina Gonzales, die als beste Vetreterin der Guajira, der ländlichen Folklore Cubas, gilt. Ihr Song "Santa Barbara (Que Viva Changó)" von 1948 sollte cubanische Musikgeschichte schreiben, denn erstmals wurden der Donnergott Changó und sein katholisches Pendant, die Heilige Barbara, in ein und demselben Lied erwähnt, was ihre "Partnerschaft" auch bei Nichteingeweihten bekannt machte.

Die letzten beiden Titel auf CUBAN INVOCATION demonstrieren, daß die Götter Afrikas auch in der heutigen cubanischen Popmusik präsent sind. "Soy Todo" ist die Hommage von Los Van Van (seit 1969 eine der beliebtesten Salsa-Gruppen) an die Orishas. Die Rockband Sintesis, die bereits 2 Alben mit modern arrangierten Santeria-Songs produziert hat, wird mit "Assokere" vorgestellt, einem Lied für Eléggua, den Herren der Kreuzwege und Hauseingänge, den Bewacher des Tors zum Reich der Götter.

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CD 2: CANTAR EN CUBA

CANTAR EN CUBA ist der cubanischen Cancion-Tradition gewidmet, Liedern, die in der Regel für sich stehen und nicht der Begleitung von Tänzen dienen. Im vergangenen Jahrhundert entstand die Gruppe der Trovadores: Straßensänger, die sich auf der Gitarre begleiteten und deren Lieder von Mund zu Mund gingen. Daraus entwickelte sich die Tradition der Trova, deren Zentrum nicht Havanna war, sondern Santiago de Cuba, die Metropole des Ostens der Insel. Bis auf den heutigen Tag steht in Santiagos Calle Heredia die ,,Casa de la Trova", wo sich regelmäßig die besten Liedermacher der Region treffen. Einer Region, die viele wichtige Stilformen hervorgebracht hat wie die Guaracha, den Bolero, den Son, die Habañera oder den Clave. Letzterer ist auch die Bezeichnung sowohl für ein Paar Klanghölzer als auch für den damit geschlagenen zweitaktigen Grundrhythmus der cubanischen Musik, der sich, auch wenn er nicht direkt gespielt wird, in den Baßlinien, den Pianofiguren oder den Bläsersätzen und auf jeden Fall im Kopf der Musiker wiederfindet.

Nachdem die Trova seit den 3Oer Jahren etwas in Vergessenheit geraten war, fanden sich in den 6Oern junge Künstler in Havanna zusammen, um die Tradition wiederzubeleben, diesmal allerdings auch mit politisch engagierten Texten. Die Nueva Trova war geboren, 1972 offiziell als Bewegung etabliert und mit prägendem Einfluß auf Liedermacher im gesamten spanisch-sprachigen Raum.

CANTAR EN CUBA stellt einige der wichtigsten Solisten und Gruppen sowohl der Trova als auch der Nueva Trova vor, z.B. Joseito Fernandez mit dem von ihm komponierten Welthit ,,Guantanamera", dem vielleicht bekanntesten cubanischen Lied überhaupt (Track 5); oder das legendäre Trio Matamoros um den Gitarristen und Sänger Miguel Matamoros, dem die cubanische Musik über 200 Songs und das Genre des Bolero-Son verdankt (Track 6).

Fünf Künstler repräsentieren die Nueva Trova und angrenzende musikalische Bereiche. Pablo Milanes (Track 16) ist einer der Initiatoren der Neuen Liedbewegung und zusammen mit Silvio Rodriguez deren bekanntester Vertreter.

Als bester Gitarrist der Nueva Trova gilt Pedro Luis Ferrer (Track 15), der außerdem (als Sproß einer Familie von Literaten) für die poetische Qualität seiner Texte berühmt ist, die auch von vielen anderen interpretiert werden.

Zur jüngeren Generation der cubanischen Singer/Songwriter zählt Gerardo Alfonso. Er verbindet die Liedstrukturen der Nueva Trova mit Elementen aus brasilianischer und Rock-Musik. ,,Sabanas Blancas" (Track 14) ist der Titelsong eines beliebten TV-Programms mit Geschichten aus der Altstadt von Havanna.

CANTAR EN CUBA schließt mit zwei Künstlern, die eher der Salsa-Szene zuzurechnen sind, aber trotzdem (was nicht selbstverständlich ist) großen Wert auf Texte mit Niveau legen:

Adalberto Alvarez (Track 17), seit über 25 Jahren einer der populärsten Soñeros des Landes, und Issac Delgado (Track 18), der seine Karriere im Jazz-Ensemble des Pianisten Gonzalo Rubalcaba begann und heute als einer der besten Salsa-Sänger Cubas gilt.

 

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 CD 3: BAILAR CON CUBA

Mit BAILAR CON CUBA stellt CUBA - I AM TIME den wohl bekanntesten Aspekt cubanischer Musik vor: ihre tanzbare und wahrscheinlich international einflußreichste Seite. Schon 1930 hatte Don Apiazu's Havana Casino Orchestra bei einem Broadway-Gastspiel mit dem Hit "El Manisero" bzw. "The Peanut Vendor" (der Erdnußverkäufer), der sofort von Louis Armstrong gecovert wurde, in den USA das Rumba-Fieber ausgelöst (obwohl die meisten Titel, die in den USA als 'Rumba" kursierten, eigentlich Sons waren). Anfang der 5Oer schlug dann die aus Cuba kommende Mambo-Welle über den USA und dem Rest der Welt zusammen, gefolgt vom Siegeszug des Chachacha. Und wie fast alles in Funk, Soul oder Jazz letztlich auf den Blues zurückgeht, so haben die meisten Genres cubanischer Tanzmusik ihre Wurzeln im Son, einem stark afrikanisch geprägten Stil, der um 1900 in der Provinz Oriente entstand und von Anfang an den Musikern viel Raum zur Improvisation bot.

In den 6Oer Jahren schränkte die von den USA gegen das Cuba unter Castro verhängte Blockade auch den Musikexport der Insel ein, und verschiedene Wissenschaftler vermuten, daß dieser Boykott eine Voraussetzung für den internationalen Erfolg des jamaicanischen Reggae war, der die entstandene Lücke ausfüllte. Mittlerweile ist in den USA jedoch begriffen worden, daß man sich in musikalischer Hinsicht durch die Blockade vor allem selbst von den Entwicklungen in Cuba isoliert hatte, während die Künstler dort immer über die internationalen Trends Bescheid wußten. Und lassen die USA nun mehr und mehr cubanische Bands zu Tourneen ins Land, so hat man auf der Insel inzwischen seinen Frieden mit dem aus New York stammenden Begriff ,,Salsa" gemacht, dem lange unterstellt worden war, lediglich über die cubanischen Wurzeln dieser Musik hinwegtäuschen zu sollen.

BAILAR CON CUBA beginnt mit dem wohl größten Soñero (Son-Interpreten) aller Zeiten, Beny Moré (1919-1963), einem genialen Komponisten, Sänger und Performer, der auch für seine Fähigkeit berühmt war, geistreiche Texte auf der Bühne improvisieren zu können. Mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod ist Beny Morés Popularität ungebrochen, genießt er den Status eines Nationalhelden und ist seinem Andenken ein großes Festival gewidmet.

Der Perkussionist Elio Revé (Track 2) leitet seit 40 Jahren seine eigene Big Band, die nach wie vor -auch unter jüngeren Leuten- zu den beliebtesten Orchestern in Cuba gehört.

Pedro Izquierdo alias Pello El Afrikan, ebenfalls Perkussionist, kreierte 1963 einen besonders stark afrikanisch geprägten Rhythmus, der schnell populär wurde: den Mozambique. "Iliana Quiere Chocolate" (Track 3) ist dafür ein exzellentes Beispiel.

Weit zurück in die 2Oer Jahre, in die Goldene Zeit der sogenannten Sextetos und Septetos, führen die nächsten beiden Titel. Ignacio Piñeiro, der vor 70 Jahren sein Septeto Nacional gründete (Track 4), erweiterte die musikalischen Strukturen des Son und beeindruckte George Gershwin so sehr, daß dieser Kompositionen von Piñeiro in seiner ,,Cuban Overture" verarbeitete. 1926 bereits hatte der Gitarrist Guillermo Castillo das Septeto Habanero zusammengestellt. Seine im gleichen Jahr geschriebene Komposition ,,Tres Lindas Cubanas" (Track 5) ist einer der populärsten cubanischen Songs aller Zeiten.

Zu den Besonderheiten der Musikszene Cubas gehören Ensembles, die seit Jahrzehnten existieren und immer wieder durch neue Mitglieder verjüngt werden wie das Orquesta Aragón (Track 6), das 1939 in Cienfuegos vom Bassisten Orestes Aragón gegründet wurde und vor allem durch seine Chachacha-Interpretationen Weltruhm erlangt hat.

Eine der schillerndsten Figuren der cubanischen Musikgeschichte ist Israel "Cachao" Lopez (Track 7), der schon 1931, mit 13 Jahren, im Sinfonie-Orchester von Havanna den Kontrabaß bediente (er stammt aus einer musikalischen Dynastie, die bisher etwa 35 Bassisten hervorgebracht hat). Sein Hauptbetätigungsfeld sollte allerdings nicht die Klassik werden, sondern Popmusik - er gilt als Schöpfer des Mambo - und der Jazz (seine Platten mit "Descargas", cubanischen Jam Sessions, aus den 50ern waren Vorbild für zahllose weitere Aufnahmen dieser Art).

Zu den großen Komponisten der afro-cubanischen Musik zählt ohne Zweifel der mit Track 9 vorgestellte Arsenio Rodriguez (1911-1971), dessen Großvater noch als Sklave vom Kongo nach Cuba verschleppt worden war. Der blinde Rodriguez, der 1953 in die USA ging, erlangte auch Berühmtheit als Virtuose auf dem Tres, einer kleinen cubanischen Gitarre mit drei Doppelsaiten, und gilt als Wegbereiter der New Yorker Salsa-Szene.

Seit 30 Jahren liefern Juan Formell und seine Gruppe Los Van Van einen Hit nach dem anderen. Der Bassist Formell, der seine Karriere im Orchester von Elio Revé begann, hat mit dem Keyboarder Cesar Pedroso und seinem langjährigen Perkussionisten Changuito mehrere Kapitel cubanischer Musikgeschichte geschrieben, vor allem mit der Kreation des Songo, einer Fusion von Son, Jazz und Rock (Track 11).

Nach jahrelanger Arbeit bei Los Van Van und Cubas Kult-Band Irakere gründete der Flötist José Luis Cortés Ende der 80er das Ensemble NG La Banda, das sofort in die Spitzengruppe der cubanischen Salsa-Szene vorstieß und bisher etwa 20 Alben einspielte (Track13).

Geradezu beängstigend schnell stellte sich auch der Erfolg von Manuel Gonzales Hernandes ein, der 1994 seinen Arztkittel an den Nagel hängte, um als El Medico de la Salsa musikalisch Karriere zu machen. "La Bola" (Track 14) war 1996 der Top-Hit im cubanischen Radio.

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CD 4: CUBANO JAZZ

Cubas Einfluß auf den Jazz reicht weit zurück hinter die 40er Jahre, als Dizzy Gillespie den Conga-Spieler Chano Pozo für seine Big Band engagierte und Machito mit seinem Orchester in New York Triumphe feierte. Zwischen New Orleans und Havanna herrschte seit jeher intensiver Verkehr. Auch nach ihrer Zeit als wichtigste Sklavenhäfen der Karibik lagen beide Städte an einer dicht befahrenen Schiffsroute, und bis zur US-Blockade gegen die Insel existierte zwischen der cubanischen Metropole und der Jazzwiege im Mississippi - Delta, die auch nicht viel weiter entfernt war als San-tiago, eine regelmäßige Eisenbahn-Fähr-Verbindung.

Vor gut 100 Jahren, nach Aufhebung der Sklaverei in Cuba, emigrierten viele jetzt persönlich freie jedoch arbeitslose Schwarze nach New Orleans, darunter zahlreiche Musiker, während sich so mancher Kollege aus den USA bei Tourneen durch Cuba mit neuen Ideen versorgte, z.B. der Trompeter W.C. Handy, Schöpfer des weltberühmten St. Louis Blues, dessen Mittelteil eigentlich eine Habañera ist. Und als Jelly Roll Morton, einer der ersten großen Jazzmusiker, bemerkte: "wenn du es nicht schaffst, deinen Stücken eine spanische Tönung zu geben, dann wirst du nie richtigen Jazz spielen können", da meinte er mit der "spanischen Tönung" vor allem den Einfluß der Musik des gerade von Spanien unabhängig gewordenen Cuba.

Der cubanische Saxophonist Alberto Socarras griff 1927 bei einer Plattenaufnahme des Clarence Williams Orchestra als erster Jazzmusiker zur Flöte, um auf diesem Instrument ein Solo einzuspielen. Und 1930 kam der Mann nach New York, der vielleicht den größten Anteil an der "Cubanisierung" des Jazz hatte: Mario Bauzá. Als Leiter des Orchesters von Machito schuf er das erste ernsthafte Konzept einer Fusion beider Musiken, indem er die cubanischen Rhythmen und Strukturen durch Jazzelemente erweiterte. Er bediente sich dabei einer cubanischen Rhythmusgruppe und renommierter Jazz-Bläser und -Arrangeure. Zahllose Musiker aus beiden Lagern sollten in den kommenden Jahrzehnten in seine Fußstapfen treten: Dizzy Gillespie, Stan Kenton, Cal Tjader, Perez Prado, Mongo Santamaria oder Chucho Valdés, um nur einige zu nennen.

CUBANO JAZZ beginnt daher nicht von ungefähr mit Mario Bauzá, dessen Bedeutung kaum zu überschätzen ist. Als musikalischer Leiter des Orchesters von Chick Webb entdeckte er 1934 bei der Amateur Night im Harlemer Apollo Theatre eine junge Sängerin namens Ella Fitzgerald, die anschließend zur First Lady of Jazz aufsteigen sollte. Als Chef der Big Band von Cab Calloway engagierte Bauzá 1939 den gerade in New York eingetroffenen John Birks "Dizzy" Gillespie, der damit seinen ersten Job im Big Apple erhielt. Und als Dizzy acht Jahre später sein eigenes Orchester gründete, war es wieder Mario Bauzá, der helfend zur Seite stand und ihn mit dem cubanischen Conguero Chano Pozo bekannt machte, womit die vielleicht berühmteste Partnerschaft des Latin Jazz geboren war. Über drei Jahrzehnte war Bauzá musikalischer Direktor der erfolgreichsten Latin Band der USA: von Machito & his Afro-Cubans. Und wenn der eher introvertiert veranlagte Künstler auch selten vom breiten Publikum zur Kenntnis genommen und nicht zu den "Mambo Kings" gezählt wurde, so war er doch mit Sicherheit eines: "The Mambo´s Prime Minister". In den drei Jahren vor seinem Tod 1993 nahm er (für ein deutsches Independant Label!) endlich Platten unter seinem eigenen Namen auf. Das erste Album enthielt u.a. seine wohl berühmteste Komposition "Tanga", eingespielt in vier verschiedenen cubanischen Rhythmen. Track 1 von CUBANO JAZZ präsentiert die "Mambo" Version.

Die Arrangements für Mario Bauzás "Tanga"-Suite schrieb Chico O´Farrill, der 1921 als Sohn einer deutschen Mutter und eines irischen Vaters in Havanna zur Welt kam. Als Trompeter spielte er in verschiedenen Bands der Hauptstadt, bevor er 1948 nach New York ging und sich auf das Arrangieren konzentrierte. Seine Handschrift tragen viele Aufnahmen mit Stars wie Count Basie, Benny Goodman, Dizzy Gillespie oder gar David Bowie. Als Mitte der 50er der Rock `n`Roll den Big Bands heftig zusetzte, ging Chico O`Farrill für ein paar Jahre zurück nach Cuba. Auf der Farm seines Vaters entstand 1956 mit Cachao, Peruchin und anderen Cracks der Szene von Havanna eine legendäre Session-Aufnahme: "Descarga Numero Dos" (Track 2).

Track 3 präsentiert eines der besten und vielseitigsten Ensembles unseres Planeten: Irakere. Diese Band kann einfach alles! Ob afro-cubanische Tradition, Salsa, Klassik, moderne E-Musik oder eben Jazz - Irakere spielt all das und mehr mit bewundernswerter Perfektion. 1972 gründete Chucho Valdés, der als einer der weltbesten Jazzpianisten gilt, die Gruppe (deren Name sich vom Yoruba-Wort für "Dschungel" herleitet) mit Kollegen vom damaligen Orquesta Cubana de Música Moderna; und Schlagzeuger Enrique Pla sowie Carlos Emilio Morales, der die Gitarre spielt, sind noch heute mit von der Partie. Die rasanten, messerscharfen Bläsersätze der meisten cubanischen Salsa-Bands gehen auf Irakere zurück, wo sich viele Musiker das Rüstzeug für eine Solo-Karriere holten, z.B. "Maraca" Valle (Track 8), José Luis Cortés (vgl. CD 3, Track 13) oder zwei Stars, die heute in den USA leben: der Saxophonist Paquito D`Rivera und der Trompeter Arturo Sandoval. Beide gehörten zu Irakere, als Anfang der 70er "Juana Mil Ciento" (Track 3) aufgenommen wurde. Der Titel beginnt mit einem langen Batá-Solo zu Ehren der afro-cubanischen Meeresgöttin Yemayá.

Sandoval und D`Rivera sind auch auf "Nueva Vision" (Track 4) zu hören, dem Titelstück der 1979 produzierten Debüt-Platte des Pianisten Emiliano Salvador (1951-1992), der auch musikalischer Direktor der Band des Liedermachers Pablo Milanés (vgl. CD 2, Track 13) war. Letzterer übernahm zusammen mit Bobby Carcassés die Vokal-Parts auf "Nueva Vision", einem Album das noch heute als Meilenstein der Entwicklung des modernen cubanischen Jazz gilt.

Der Pianist, Perkussionist, Trompeter und vor allem Kontrabassist Israel "Cachao" Lopez (Jahrgang 1918) ist nicht nur einer der größten lebenden cubanischen Musiker, sondern auch einer der vielseitigsten. In den 30ern spielte er im Sinfonie-Orchester von Havanna unter dem Berliner Dirigenten Erich Kleiber, wurde als Schöpfer des Mambo zu einem Star der Tanzmusik und schrieb in den 50ern mit seinen berühmten Descargas ein ganzes Kapitel cubanischer Jazzgeschichte. 1994 und 1995 knüpfte er - mittlerweile seit langem in Miami lebend - mit den CDs "Mastersessions I & II", produziert vom Schauspieler und Musiker Andy Garcia, wieder an die alten Descarga-Tage an. Bemba é Cuchara/Spoon Lips" (Track 5), u.a. mit dem legendären Trompeter Alfredo "Chocolate" Armenteros, ist dafür ein glänzendes Beispiel.

Auch Jesus Alemañy, der 15 Jahre in Cubas bester Son-Band Sierra Maestra die Trompete spielte, entdeckte, nachdem er sich 1994 einen zweiten Wohnsitz in London zugelegt hatte, die Descarga-Tradition wieder. Mit einigen der besten Musiker Havannas produzierte er u.a. "Tumbao de Coqueta" (Track 6) für die CD "Cubanismo", die zum meistverkauften Weltmusik-Album des Jahres 1996 werden sollte.

Die Gruppe Afro-Cuba existiert seit 20 Jahren und widmet sich - dem Namen entsprechend - einer besonders roots-verbundenen Latin Jazz-Variante. Track 7 ist ein Song für die Yoruba-Gottheit Eleggua, Orisha der Kreuzwege, Hauseingänge und des Tors zum Reich der Götter.

Einer der interessantesten jungen Jazzmusiker Cubas ist ohne Zweifel der 31jährige Orlando "Maraca" Valle, Absolvent der "Irakere-Schule". 1995 spielte er seine erste Solo-CD "Formula Uno" ein, die den Preis für das beste Latin Jazz-Album des Jahres erhielt. "Parraga" (Track 8) gibt Maraca die Möglichkeit, sich als glänzender Flötist zu beweisen.

Ebenso wie Afro-Cuba steht auch Los Terry für eine Stilistik mit massiven Bindungen zur Tradition. Den Kern der Gruppe aus der Provinz Camaguey bilden Mitglieder der Familie Terry. "El Noticiero" (Track 9) stellt eines der wichtigsten cubanischen Rhythmusinstrumente vor: das Chekeré, eine mit einem Perlennetz überzogene Kalebasse, die - richtig geschüttelt - einen charakteristischen Sound produziert.

Der Pianist Gonzalo Rubalcaba (geb. 1963) ist der vielleicht international erfolgreichste Jazzmusiker Cubas. Als 22jähriger jammte er in Havanna bereits mit Dizzy Gillespie, und dieser bezeichnete ihn als "das Beste, was ich seit langem gehört habe". Nach Aufnahmen für das cubanische Egrem- und das deutsche Messidor-Label erhielt Rubalcaba als erster in Cuba lebender Musiker einen Platten-Vertrag mit Blue Note und tourte mit US-Größen wie Charlie Haden oder Jack DeJohnette in aller Welt - bis 1994 aber nicht im Mutterland des Jazz, denn dem stand Washingtons Blockade-Politik entgegen. Mit seinem cubanischen Quartett spielte er nicht nur die Live-Aufnahme des Dizzy Gillespie-Klassikers "Woody ´n You" (Track 10) ein, son- dern auch das Album "Rapsodia", das 1995 in der Kategorie Best Small Jazz Group für einen Grammy nominiert wurde.

Eine Produktion besonderer Art beschließt CUBANO JAZZ: Der aus New Yorker M-Base-Kreisen bestens bekannte Saxophonist Steve Coleman spielte mit seiner Band im Februar 1996 beim jährlichen Jazz Plaza Festival in Havanna und traf dort auf das traditionelle Ensemble Afro-Cuba de Matanzas. Daraus ergab sich nicht nur ein gemeinsamer Auftritt im Teatro Nacional, sondern auch eine Plattenproduktion, bei der sich moderne Jazz- und HipHop-Klänge auf originelle Weise mit afro-cubanischen Grooves und Gesängen mischen und damit vielleicht ein Tor zu neuen musikalischen Trends öffnen.

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