Putumayo Presents:

Nuevo Latino

 

EXIL 3360-2 / LC 08972 / VÖ: 24.05.2004 / DISTRIBUTION: INDIGO

 

Das konnten Santana und Zeitgenossen seinerzeit nicht ahnen - seit etlichen Jahren flimmert der Latin-Sound derart agil durch Europa und die Amerikas, wie es auch zu den frühen Hochzeiten von Carlos und Kumpanen nicht der Fall war. Handgemachter Rock verbrüdert sich mit Ska und Reggae, gesäuselte Bossa und pathetischer Tango umklammern die HipHop-, Remix- und Club-Kultur. Die Protagonisten der Música Latina Alternativa meint man als Europäer in Barcelona auszumachen, doch auch in Übersee-Metropolen wie Bogotá und Buenos Aires vibriert es mestizenhaft. Um einen Panoramablick auf sämtliche Spielarten der neuen Latin-Sounds zu erhaschen, muss man schon global ansetzen. Genau dies tut Putumayo mit Nuevo Latino: Exil-Kubaner, Pioniere des neuen mexikanischen sowie kolumbianischen Untergrunds, Weltbürger zwischen Marokko, Havanna, Paris und London, transatlantische Bossa-Bastler und Sukzessoren des bluesigen Latinrocks à la Santana haben sich versammelt, um eine tönende Kartographie der neuen Latin-Ära anzufertigen.

Exilkubanische Klänge gehören in Europa mittlerweile zur Tagesordnung: Prominentestes Aushängeschild der Szene sind zweifelsohne die in Spanien ansässigen Orishas, doch auch in Frankreich hat vor einiger Zeit ein Sänger die Startlöcher verlassen, um die Gunst der Alten Welt zu gewinnen. RAUL PAZ kommt aus Kubas westlichster Provinz Pinar Del Rio und lebt seit 1997 an der Seine, wo er sich rapide zu einem heißen Act der urbanen Latin-Szene hoch hangelte. Oscar D’Léon, Ruben Blades, Los Van Van — neben all diesen Nestoren stand der 30jährige auf der Bühne. Sein Debüt Mulata hat er in Kuba eingespielt, dann in Frankreich und Deutschland von den Dance-Produzenten Danya Vodovoz und Ferry Ultra polieren lassen. Das Resultat: eine kantige nueva musica cubana para el mundo viejo, wie man schon im Titelstück der Scheibe feststellt. Hier bescheinigt er der Besungenen poetisch, ihr Kuss sei wie eine Wolke, die steigt und steigt...

Wer sie einmal live erleben durfte, wird Zeit seines Lebens in enthusiastischer Erinnerung schwelgen: LOS DE ABAJO ( "Die von unten"!) sind Mexikos Mestizo-Topstars und haben aus dem Untergrund den Mariachi- und Texmex-Klischees ein revolutionäres Ende gesetzt. Ein Gebräu aus Ska, Salsa, HipHop und fernen Folklorezitaten schlägt uns entgegen, ein stets knackiger Bläsersatz mit Sax, Trompete und Posaune heizt über einer dreifach bestückten Perkussionsriege ein, wurzelige Akkordeonpassagen verbrüdern sich mit Pogo-Tanz. Dazu gibt es Solidaritäts-Texte für die Zapatisten, ätzende Anprangerung der korrupten Heimatpolitik aus dem Munde des unermüdlichen Animators und Vokalisten Liber Teran. Los De Abajo pflegen gute Kontakte zur Alternativ-Szene Barcelonas: Macaco produzierten ihr aktuelles Werk Cybertropical Chilango Power und auch der hier dargebotene launig-loungige Remix von "El Indio" wurde von den katalanischen Geschwistern im Geiste besorgt.

Tango-Dancefloor ist derzeit hoch im Kurs — mit dem Gotan Project, dem argentinisch-deutsch-schweizerischen Ensemble Tango Crash und einer kürzlich erschienenen CD mit Piazzolla-Remixen hat das Genre endgültig die hochhackigen Schuhe zugunsten von Sneakers eingetauscht. Und wie sieht es am Geburtsort des Tanzes aus? Es hat eine ganze Weile gedauert bis der Beatles-, Kinks- und Ramones-Fan FEDERICO AUBELE die Musik seiner Heimat wahrnahm. Als Popgitarrist, Arrangeur und DJ begann der Musiker aus Buenos Aires, dann nahm er sein Soloprojekt in Angriff. Das Washingtoner Doppelgestirn Thievery Corporation - mit ihrem Namen Gütesiegel für Lounge-Perlen par excellence - waren von Aubeles Demos so begeistert, dass der Argentinier sein Debüt auf ihrem Label veröffentlichen konnte. "Postales" kombiniert zurückgelehnte Grooves mit der sehnsüchtigen Stimme von Gabriela Maiaru und einer wie von fern hereinwehenden Bandóneon-Nostalgie.

Auch wenn ihr Name — übersetzt "eine Tracht Prügel" — nicht gerade einladend erscheint, JARABE DE PALO sind in der spanischen Rockmusik die Platzhirsche. Seit ihrem abgefeierten Erstlingswerk La Flaca kann man die Mannen um den ehemaligen Pagen, Dressman und Kellner Pau Donés als legitime europäische Erben des Carlos Santana einordnen. Ihren bluesigen Midtempo-Rock mit internationalem Appeal bedampfen sie immer wieder mit cleveren Latin-Tönungen in Percussion und Piano. "Du wurdest im guten Teil der Welt geboren, ich im schlechten, ich trage das Mal der dunklen Seite" heisst es im lakonischen Lovesong "El Lado Oscuro", der ihrem oben genannten Millionenseller-Debüt von 1996 entnommen wurde.

Indie Bossa, kreiert zwischen Hudson und Ipanema liefert das New Yorker Trio MOSQUITOS. In Chris Root verkörpert sich der Zündfunke für den Dreier. Der Gitarrist, Sänger und Songwriter wurde in Manhattan auf die suave Stimme der gebürtigen Brasilianerin Juju Stulbach aufmerksam. Nahe des Ipanema-Strandes konkretisierte sich ihre Zusammenarbeit in einer Aufnahmesession. Zurück im Big Apple rekrutierte Root den Keyboarder Jon Marshall Smith aus East Village, der mit seinen cleveren Keyboard-Gimmicks den Nova Bossa-Sound spleenig auffüllte. Fertig war der espritvolle Stil der "Fliegen", mit dem sie sich in New Yorks alternativer Musikszene wachsender Beliebtheit erfreuen und auch in Werbespots zu hören sind.

Globalisierung einmal anders: In dem Stil-Amalgam von KAD ACHOURI treffen sich Jazz, Reggae, HipHop, Chanson und Anklänge an den Mestizenpop à la Barcelona. Kein Wunder, hat der in Südfrankreich Aufgewachsene doch sowohl spanisches als auch Berber-Blut in seinen Adern, lebte in Katalanien und jetzt in London. Damit nicht genug: Für sein Debüt Liberté steuerte er griechische Gestade an, wo er mit dem Produzenten Marc Eagleton einige erstklassige heimische Jazzgrößen zusammenbrachte. Für die Arrangements der Vokalsektion mietete man gar Lokua Kanza. "Mi Negra" kündet zweisprachig davon, wie in Achouris Naturell zwanglos Latin-Groove und jazzige Ausflüge unter einer Decke stecken.

"Salsamuffin" heißt seit der Millenniumwende der Lockruf für alle Nuevo Latino-Begeisterten am Eiffelturm, und es handelt sich hierbei nicht um ein süßes Teilchen. Den Stilhybrid prägte Bruno Garcia alias SERGENT GARCIA, der - französisches savoir vivre von der Mutter, spanisches Blut vom Vater - zunächst lange Jahre in einer Punkkapelle namens Ludwig Von 88 agierte. Auf eigene Faust verkuppelte er dann in seinem Heimstudio jamaikanischen Reggae und Ragga mit spanischen Texten und kubanischem Hüftschwung. Dann musste eine Combo her, um das neue Konzept auf die Bretter zu stellen: Im Pariser Vielvölkerquartier Belleville fand er seine LOCOS DEL BARRIO, die bislang auf drei Alben die höllischste Métissage von Latino-Klängen pflegen, die Europa wohl je zu Ohren bekommen hat. Auf dem aktuellen Opus La Semilla Escondida hat er nun Nägel mit Köpfen gemacht. Um seine Jamaika meets Cuba-Philosophie noch lebensechter zu designen, nistete er sich in Kingston ein, wo auch "Mi Ultima Volontad (Tonite)" entstand — "Forever Lovin Jah’"-Schnipsel als Verbeugung vor Marley inklusive.

Wer einmal in der Band von Fito Paez war, hat in Argentinien gute Karten, denn der Rocker gehört um den Rio de la Plata zu den absoluten Top-Acts der populären Musik. Zwei seiner ehemaligen Side-Musiker wollten es 1999 auf eigene Faust probieren und fahren gut damit: ALINA GANDINI und Ehemann TWEETY GONZÁLEZ aka ACIDA gruppieren Tango, Bossa und Jazz mit Triphop, Lounge und Rock zu einem geschmackvollen Nuevo Latino-Design, das auf ihrer Scheibe La Vida Real zu besichtigen ist. Zugute kommt dem Paar dabei nicht nur ihre Vergangenheit bei Señor Paez, sondern ebenso González´ langjährige Erfahrungen als Producer von über 50 Alben für prominente Landsleute und als Keyboarder bei den legendären Soda Stereo. Ein weiteres Mitglied dieser 80er und 90er Jahre-Recken findet sich mit Gitarrist Gustavo Cerati ebenfalls in den Reihen von Acida. Das retro-gestylte "Presente Permanente" erzählt non-chalant von einer mentalen Zeitschleife: "In deiner permanenten Gegenwart hat nichts ein Ende, jeder Tag, der vorübergeht, scheint nicht vorüberzugehen."

Das schwüle "Porque Te Vas" ist einigen von uns vielleicht noch in Erinnerung — 1977 landeten der spanische Popstar José Luis Perales und Teenie Jeanette damit einen Hit in europäischen Diskos. Ein sympathisches, minimalistisches Remake hat Perales’ Landsmann JAVIER ÁLVAREZ gezimmert: Understatement-Vocals, simple Gitarrenbegleitung, Akkordeonspritzer und Schlagzeugbesen — mehr braucht es nicht, um den Song in ein komplett neues Ambiente zu stellen. Die launige Coverversion stammt von Álvarez’ Album Greatest Hits, auf dem der junge Songwriter — von Kritikern als einer der neuen Kreativköpfe Iberiens zelebriert — Hits von The Police, Nancy Sinatra und ABBA frönt und damit keinen Hehl aus seinen poppigen Idolen macht.

Kolumbien hat mit Shakira und Juanes derzeit zwei Popstars hervorgebracht, die sich auch international in den pole positions der Charts eingerichtet haben. Stilistisch weitaus interessanter sind jedoch die Bands, die sich in der alternativen Gewichtsklasse tummeln: ATERCIOPELADOS sind die Gallionsfiguren des eher untergründigen Tropenpops. 1990 trafen sich Sängerin ANDREA ECHEVERRI und Bassist HECTOR BUITRAGO und spielten zunächst in den Bars von Bogotá. Nach der Rekrutierung eines Gitarristen und eines Drummers startete die Geschichte der "Samtigen" (Übersetzung!) dann in die Vollen: Als Radio- und MTV-Lieblinge bespielten sie den gesamten lateinamerikanischen Raum von Mexiko bis Argentinien, ihre Debüt-Scheibe Con El Corazón En La Mano im Gepäck. Auf anderen Touren traten sie an der Seite der Latinrockgiganten Heroes Del Silencio oder Maldita Vencidad auf. Für ihr drittes Opus La Pipa Del Paz begaben sie sich nach London, experimentierten bald darauf auch mit einer Verbindung von Latin-Sound, Retro-Loops und Electronica. Ihre innovative Perspektive wurde durch mehrmalige Nominierungen in der Alternativ-Sektion des Latin-Grammy honoriert. "Mañana" erfreut mit perkussivem Swing und dem allzu bekannten Versprechen, ein besserer Mensch zu werden — morgen: "Sobald morgen der Wecker schrillt, werde ich ein Beispiel sein, ich werde Diät machen und mit dem Rauchen aufhören, nicht mehr lügen und nichts mehr auf morgen verschieben."

Eine gewisse lazyness beherrscht auch den Rausschmeißer des Albums. KANA, ein französisches Reggae-Septett, hat immer wieder einen leichten Drall zum Latin- und Hispano-Sound, dank ihres Leadsängers Zip. Die fröhlichen Franzosen, die schon auf der Putumayo-Scheibe World Reggae mit ihrer relaxten Philosophie vertreten waren, präsentieren mit "Original" ein weiteres Elaborat aus ihrer Werkstatt. Die war 1999 in den Zuckerrohrfeldern der Insel Mauritius aufgebaut, wo man sich zum lauschigen Studio-Stelldichein traf und die Reggae-Revolution in der Heimat vorbereitete. Mit Erfolg: Kana zählen heute mit zwei beliebten Alben zu den Darlings der Rasta-Sparte bei unseren Nachbarn.

Frisch, frech und über alle Barrikaden der Musikindustrie hinweg-steigend — die neuen Latino-Cocktails vereinen respektlos ruppigen Rock, laid-back Reggae und elegantes Clubflair, große Gesten mit minimalistischer Initimität. Die ideale Schnittmenge aus den beiden Putumayo-Erfolgsalben Mo’ Vida und Latin Groove!

 

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