Putumayo Presents:

French Café

EXIL 3166-2 | LC 08972 | VÖ: 10.11.2003 | DISTRIBUTION: INDIGO

 

Es brodelt an der Seine — das Schlagwort von der "nouvelle chanson française" ist in aller Munde, und der französische Chanson schmeichelt sich wie seit den Sechzigern nicht mehr in die Gehörgänge zwischen Paris, Berlin und Tokio. Kein Wunder, denn erstmals kann die neue Generation der Poeten mit den Klassikern von einst mithalten. Frauenschwarm Benjamin Biolay gilt schon als offizieller Nachfolger Serge Gainsbourgs, intimes Musette-Flair katapultiert sich durch Dancefloor-Beats ins 21.Jahrhundert oder wird — wie etwa durch den "Amélie"- und "Good Bye Lenin"-Sound-tracker Yann Tiersen - auf cineastischen Hochglanz gebracht. Im Melting Pot Paris haben die Farben des Orient oder der Latin- und Afro-Gemeinden keine Berührungsängste mehr vor den Liedern aus den Cafés und Cabarets. Viel Neues also im Westen, doch auch die Alten kommen wieder zum Zuge: Wie es der Zufall will, jährten sich gerade die Todestage von Edith Piaf und Jacques Brel zum vierzigsten und fünfundzwanzigsten Male, und Frankreich ehrt die Ikonen mit großem Brimborium.

French Café versammelt passend zur neuen Blüte des französischen Liedes all die verschiedenen Gewächse, für die wir unsere Nachbarn so lieben: Große Namen von damals wie Gainsbourg, Jane Birkin, oder Georges Brassens präsentieren sich neben globalisiertem Neo-Chanson mit World-Tupfern, schlitzohriger Poesie zu zarten Electronica-Anflügen nebst Gypsy- und Musette-Urständen. Keine großartigen, satt orchestrierten Gesten, sondern kleine, sympathische Alltagsgeschichten stehen im Mittelpunkt — frei nach dem Motto: An der kleinen Ecke im Montmartre spiegelt sich die große weite Welt!


Die bunte Truppe des espritgeladenen Quintetts PARIS COMBO ist einerseits ein Kind des Cabarets-Revivals, andererseits spiegeln sie die multikulturellen Realitäten des heutigen Frankreichs wider: Die charismatische Sängerin Belle Du Berry, Schlagzeuger François-François sowie Gitarrist Potzi sind französischer Herkunft. Trompeter David Lewis hingegen, einst schon in Diensten von Manu Dibango, kam den weiten Weg aus Australien in die "Douce France", und Bassist Mano hat madagassisches Blut in seinen Adern. Auch das Repertoire entfaltet exotische Beigeschmäcker: Neben dem klassischen Chanson und dem Flair der Zwanziger siedelt in Potzis Gitarre unverkennbare Django Reinhardt-Attitüde, und hin und wieder begibt man sich auf Exkursionen in den Nahen Osten oder Lateinamerika. Gleich zweimal spielt der spritzige Fünfer im Café auf: In "Fibre De Verre" vereinigen sich Manouche-Gitarre, gestopfte Trompete und schlurfende Rhythmen mit den schmachtenden, auf "Mr.Perfect" wartenden Vocals von Belle. "On N’a Pas Besoin", ein Klassiker vom Debütalbum, lässt ihre geschmeidige Stimme vor katzenpfotigem Schlagzeugbesen noch mehr brillieren.

Charmeur, Bürgerschreck, zärtlicher Chaot, Dichtergenie — um ein angemessenes Bild von SERGE GAINSBOURG zu zeichnen, benötigt man mehr als Schlagworte. Der Sohn russischer Juden, die nach der Revolution nach Frankreich emigriert waren, ist sicherlich der vielgesichtigste Chansonnier überhaupt. In den dreieinhalb Dekaden seines Wirkens vollführte er mit seiner metapherreichen Poesie einen permanenten Seiltanz zwischen zarter Zynik und rabaukenhafter Obszönität, bediente sich dabei - je nach musikalischer Epoche — bei schwülen Streichern, Rock-Power oder Afro —, Reggae- und Latin-Anklängen. Der schwindelerregende Lebenswandel allerdings blieb nicht ohne Folgen für die Gesundheit: 1991 starb Gainsbourg an einem Herzinfarkt. French Café legt am Grab der Ikone des französischen Lieds eine eher schlichte Blume nieder: "Marilou Sous La Neige" ist ein liebenswerter, balladesk-erotischer Lobgesang auf die Geliebte, die Gainsbourg in einen Comic verpflanzt.

Eine weitere Chanson-Legende lässt sich im Café nieder, auch sie — mit einer ukrainischen Mutter — teils osteuropäischen Ursprungs. BARBARA unterzog sich einer klassischen Konservatoriums-Ausbildung, tauchte aber schon zu Beginn ihrer Karriere in die Live-Erfahrung der Music Halls und Cabarets ein. Die Shows der "Dame en Noir" wurden schnell ein Publikumsrenner, ebenso ihre Vinyl-Einspielungen, die 1960 mit einer LP von Adaptionen des Kollegen George Brassens starteten. Vier Jahre später komponierte sie ihre berühmte Zeilen für "Göttingen", eine sehr pers-önliche, deutsch-französische Versöhnung in ergreifender Lyrik. "Si La Photo Est Bonne" wiederum ist ein schlichter, aber einprägsamer Chanson mit reduzierter Piano-Begleitung von 1965 und erzählt, wie Barbaras Mitleid mit einem jungen Kriminellen erregt wird, nachdem sie sein schniekes Konterfei in der Zeitung erblickt hat.

Eine charmante Vertreterin der jüngeren Chanson-Szene ist Korin Ternovtzeff, die sich 1984 von ihrem Zungenbrecher-Namen verabschiedet hat und seitdem als ENZO ENZO aus klassischen französischen Zutaten, aber auch deutschen Cabaret-Tupfern, jazzigen und poppigen Prisen einen luftig-lockeren Cocktail zaubert. Kaum zu glauben, dass die Dame mit dem leicht verhangenen Timbre einst als Punk- und Rock-Lady durch die Lande zog. "Juste Quelqu’un De Bien" war 1994 ein immenser Erfolg und bescherte ihr damals den Titel "Meilleure Interprète Feminine De L’Année". Äußerst clever ist die Nummer, für die das Prädikat "Hit" so gar nicht passen will, schon: Elegant-unterschwellige Vibraphonphrasen, swingende Pianoriffs und eine kaum hörbare E-Gitarre bilden ein angemessenes Backing für die Tagträumereien der Vokalistin.

Nicht weniger als vier Jahrzehnte geht die Reise zurück in die französische Chansongeschichte, wo einer der Ikonen in den Fünfzigern seine ersten Publikumserfolge verbuchen konnte. GEORGES BRASSENS verkörpert mit seiner Gitarre und seinem getrimmten Schnauzer nicht nur äußerlich die Ideale französischer Caféhaus-Poesie. Seine scharfsinnige, aber nie verletzende Lyrik, stets von schlichter Menschlichkeit geprägt, brachte ihn sogar auf die Französisch-Lehrpläne im In- und Ausland. Brassens siedelte bis zu seinem Tod 1981 stets nahe am Herzschlag des Chanson, nahm mit der Gréco, Jacques Brel oder Charles Trenet auf. In "Je M’Suis Fait Tout Petit" charakterisiert er treffend, wie ein Großmaul an der Seite der richtigen Frau urplötzlich handzahm wird.

Schade, dass sich beim Namen JANE BIRKIN viele immer nur an den lasziven Stöhngesang aus "Je T’Aime...Moi Non Plus" mit Studio- und Lebenspartner Gainsbourg erinnern. Die Britin war und ist weit mehr als Serges Gespielin, hat nach seinem Tod ihre Karriere als famose Schauspielerin und Interpretin der Gainsbourg-Stücke weitergeführt. Erst kürzlich überraschte sie mit dem orientalisch ummantelten Programm "Arabesque" und schon 1995 lancierte sie auf "Versions Jane" ungewöhnliche Umformungen von Klassikern ihres Ex-Partners. Aus den frühen Sechzigern stammt die wortspielerische Miniatur "Elaeudanla Téïtéïa", in dem zum Klang der Hammond-Orgel die Tasten der Schreibmaschine den Namen der Geliebten hämmern.

Sie zählt die Birkin unverkennbar zu ihren vokalen Vorbildern: CORALIE CLÉMENT aus Lyon, ein weiteres Gesicht der nouvelle chanson française, vereint die schmachtend-hauchende Stimmenbrise mit hippen Arrangements, und bietet so auch relaxten Sound für Clubgänger. Durch ihren Bruder Benjamin ins Rampenlicht gerückt, gelang der früh durch Musiktheorie und Violine geschulten Coralie mit dem Debüt ein Erfolg jenseits des Mainstreams — "La Mer Opale" ist eine verträumte Kostprobe daraus: "Nomadische Liebe ist wie ein Heißluftballon, der zum Horizont entschwebt, die Liebe des Bohemien kümmert sich nicht um Tiefgründig-keit." Flatterhaft wie der Text ist auch das leichtfüßige Arrangement mit Flöten, Flügelhorn und dem sanften Schlag der Begleitgitarre.

Ganz ein Kind des modernen Paris verquickt MATHIEU BOOGAERTS Anklänge an die Nonchalance des französischen Chanson mit Reggae-Flair und Electronics, die er unterschwellig in seine Songkreationen schmuggelt. Auf diese Weise gelang dem Marley-Fan, der sechs Jahre lang in Kenia an seinem Stil feilte, 1996 ein Hit mit "Ondulé", seinem Debüt "Super" entkoppelt. Überraschende Randnotiz: Der Minimalismus von Monsieur Boogaerts fiel sogar in Japan auf fruchtbaren Boden, wo er mit seinem Erstling beträchtliches Aufsehen erregte.

Jüngst wetterte sie sowohl in einer Talkshow als auch ihrem neuen Buch gegen muslimische Immigranten und Schwule - eine unrühmliches Ende einer Karriere als Film- und Plattenstar. Da waren die Skandale der BRIGITTE BARDOT in den Fünfzigern und Sechzigern doch von erträglicherem Zuschnitt. Im Rest der Welt eher als cineastisches Busenwunder wahrgenommen, konnte sie in Frankreich auch Erfolge als Sängerin aufweisen, allen voran mit Gainsbourg, der sie noch vor der Birkin zu seiner ersten Muse erkor. Von den besseren Zeiten der "BB" kündet die melancholische Trennungsballade "Un Jour Comme Un Autre" aus dem Jahre 1964, wo sich ihre naive Stimme einen spielerischen Dialog mit dem beiläufigen Flügelhorn liefert.

Bevor er endgültig zur Musik kam, erprobte er seine Talente innerhalb eines despektierlichen und satirischen Straßentheaters — seine spontane Schrulligkeit hat er sich jedoch auch als Sänger erhalten: Stéphane SANSEVERINO nahm sich zunächst in seiner Band Les Voleurs de Poules ("Hühnerdiebe", ein unter Franzosen gebräuchliches, abwertendes Synonym für das fahrende Volk), experimentellen Cover-Versionen der Zwanziger bis Fünfziger Jahre an, als Solist verquickt er seit 1999 nun seine weit ausufernden Vorlieben, namentlich Sinti-Jazz, Musette, osteuropäische Folklore und Bluegrass zu einem beschwipsten Gebräu. "Mal Ô Mains" erzählt augenzwinkernd von den mühsamen Versuchen eines französischen Musikers, Swing in seine Lieder zu integrieren und ist eine unverblümte Reminiszenz an die Hot Club de France-Riege um Stéphane Grappelli und Django Reinhardt.

BAGUETTE QUARTETTE pflegen die Musette an einem Ort, wo man sie nicht zuerst vermuten würde, in San Franciscos Bay Area. Dort nämlich ist die Wahlheimat der Pariserin Odile Lavault — sie rief die Formation 1993 mit versierten US-Musikern ins Leben, die von R&B über Tango Nuevo bis hin zur Klassik aktiv sind. Das Repertoire des Quartetts ist eine schöne Reverenz an die Musik der Pariser Zwanziger bis Vierziger, wo sich in den Kneipen und Cafés des Bastille-Quartiers die alte Musik der Emigranten aus der Auvergne mit dem durch Italiener eingeführten Akkordeonspiel zu lupfigen Walzern, Tangos und Foxtrots verbandelte.

Zum Schluss nochmals eine wundersame Wandlung vom Punk zum Chansonnier: In den Achtzigern tummelte sich POLO zunächst als Sänger und Gitarrist bei den legendären Satellites, die sich in der Alternative Rock-Szene Frankreichs in der ersten Liga eingependelt hatten. Mit zwei Kumpeln aus der alten Band startete er dann in eine äußerst erfolgreiche Solokarriere (mittlerweile auf drei Scheiben dokumentiert), für die er charmante, légère Arrangements aus dem Hut zauberte, gespeist aus Gypsy-Musik, Blues, Jazz, Chanson, und immer noch Platz bietend für seine surrealistisch angehauchte Textkunst. "La Fée Clochette" stammt aus seinem 1996er-Debüt "Bienvenue À L’Univers" und erzählt von den enttäuschten Erwartungen einer Liebesnacht.

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