Putumayo Presents:

Brazilian Groove

EXIL 2769-2 | LC 08972 | VÖ: 01.09.2003 | DISTRIBUTION: INDIGO

"Es ist, als ob die klassische Bossa wie auf Bestellung für die heutigen Rhythmen gemacht worden wäre. Mit unserer Arbeit wird hoffentlich klar, dass auch wir, im Land der Bossa-Wiege, der Welt dies zeigen können", so Marcio Menescal, Mitbegründer des innovativen Projekts Bossacucanova. Damit formulierte er im Jahre 2001 eine Erkenntnis, die den Pult-Meistern in London, Berlin und Tokio schon lange zuvor gedämmert hat. Spätestens seit Mitte der Neunziger gingen im Rest der Club-Welt brasilianische Rhythmen runter wie Öl, groovte das Tanzpublikum zu elektronisch frisierten Sambas und Bossas, die für einen Extra-Schuss Exotik mit Easy Listening- und Retro-Flair einerseits, packender Percussion andererseits auf dem Parkett sorgten. Emigrierte brasilianische Vokalisten kamen den DJs gerade recht und setzten in portugiesischer Zunge dann die I-Tüpfelchen auf die Tropenkreationen für den Dancefloor. Jahre später erst schwappte die Elektronik-Szene nach Rio, São Paulo und Bahia zurück, wo sich mittlerweile mit kreativen Höhenflügen des Drum&Bass und einer zeitgemäßen Renaissance des Samba Soul das Club-Fieber ebenso ausgebreitet hat. Brazilian Groove bietet eine transatlantische Führung durch die Klänge, die sich hinter abenteuerlichen Begriffen wie "Drum&Bossa" oder "Brazilectro" verbergen.

Zwar ist Rosalia De Souza in unmittelbiarer Nachbarschaft zur berühmten Sambaschule Beija Flor aufgewachsen, doch wie so viele brasilianische Musiker entdeckte sie den reichen Schatz ihrer Kultur erst in der Fremde. In Italien weilend, stolperte die Sängerin in den Neunzigern mitten hinein in die blühende Retro-Szene, die vorzugsweise für coole Bossa-Rhythmen entbrannt war. Kein Wunder, dass sich De Souza binnen kurzem als begehrte Brasil-Vokalistin in Rom etablieren konnte. Nicola Conte ist mit seinen Klangkreationen für Werbefilm und —fernsehen einer der führenden DJs und Tüftler der nostalgischen Easy Listening-Welle des Stiefels, und er war es auch, der schließlich Rosalias Debütalbum produzierte. "Maria Moita", ein spitz-züngiger Kommentar über die traditionelle Frauenrolle in Brasilien aus der Feder des Poetenvater der Bossa, Vinicius De Moraes, verquickt geschickt coole Flöte und Piano mit einem dezenten Hauch von Drum & Bass-Flair.

"Bossa ist hier eine Musik der Elite. Wir geben durch unsere Mixtur den jungen Leuten die Chance, die großen Kompositionen kennen zu lernen, mit deren Originalversionen sie nie in Kontakt gekommen wären", meint Márcio Menescal, Sohn des legendären Roberto Menescal, der sich mit Kompositionen wie "O Barquinho" in den Sechzigern ins Geschichtsbuch der Bossa einschrieb. Zusammen mit DJ Marcelinho Da Lua und Keyboarder Alexandre Moreira bildet er den Kern von Bossacucanova. Wahre Pionierarbeit haben die drei geleistet, denn vor ihnen gab es kaum Landsmänner, die die Preziosen der Sechziger mit zeitgemäßen Beats aufgemotzt hatten. Bossacucanova sampeln die historischen Originaltracks in ihr neues clubbiges Gerüst hinein, spielen aber auch komplette Neuversionen der Copacabana-Hits ein, wobei ihnen mittlerweile — generationenübergreifend — der gar nicht greise Roberto Menescal an der Gitarre unter die Arme greift. Eingebettet in das peppige Neuarrangement von "Consolação" sind die vom Vinyl heruntergezogenen Vocals des Sylvio Cesar, einem romantischen Crooner der Fünfziger und Sechziger.

Sie wollen sich keinesfalls unter das Schlagwort "Brazilectro" subsumieren lassen, wie Stefan Kruger vom Amsterdamer Trio Zuco 103 erklärt: "Unsere Palette reicht weiter, Drum & Bass, R&B, Techno, HipHop, auf ein Genre lassen wir uns nicht festklopfen." Und Lilian Vieira ergänzt schmunzelnd: "Wenn du ein Kind machst, überlegst du dir in dem Moment auch nicht, wie es heißen soll, oder welche Laufbahn es einschlagen wird. So ist das mit unseren Songs." Die Tochter eines Sambaschuldirektors aus Petrópolis kam vor fünfzehn Jahren nach Holland und studierte in Rotterdam Gesang. In der Jazz-Szene schließlich traf sie auf Drummer und Programmer Kruger sowie den Keyboarder Stefan Schmid aus München. Die beiden Stefans kreieren nun als Aktionsfläche für Lilians vollmundige Stimme mal funkig angekratzte Clubsounds, mal harsche elektronische Verformung brasilianischer Folklore. Ein weltweites Publikum von São Paulo über Montreux bis Yokohama goutiert die Shows der Zucos mittlerweile, bei der Hochzeit des niederländischen Thronfolgers begeisterten sie gar Nelson Mandela. "Outro Lado" ist das soulige Titelstück ihres Debüts.

Wer erinnert sich noch daran, dass in Brasilien schon vor Jahrzehnten eine tropische Fusion mit Black Music aus den Staaten für Furore sorgte? Mit den Kindern der einstigen Protagonisten kehrt der R&B brasilianischer Prägung nun auf die internationale Bildfläche zurück. Eine seiner Galionsfiguren heißt Max De Castro, dem das Time Magazine bescheinigt, er sei "das originellste brasilianische Talent der letzten dreißig Jahre." Die Liebe zum Soul hat er vom Vater Wilson Simonal, in den Sechzigern einer der ersten Mittler zwischen Tropen-Pop und schwarzer US-Musik. Auf seinem Debüt "Samba Raro" von 1999 visiert der Spross die nächste Dimension des Samba-Soul an: "Mein Ziel war es, den Leuten zu zeigen, dass es möglich ist, eine auf Elektronik beruhende Platte mit populärer brasilianischer Musik zu füllen."

Auf "Orkestra Klaxon", dessen Titel er von einer Zeitschrift der brasilianischen Modernisten übernommen hat, geht es wieder handgemachter zu, samba-infizierter R&B stößt auf orchestrale Passagen und Bläsersätze. Mit dem ironischen Drum&Bass-Funk "A História Da Morena Nua Que Abalou As Estruturas Do Esplendor Do Carnaval" (Die Geschichte von der nackten Dunkelhäutigen, die an den Strukturen der Herrlichkeit des Karnevals rüttelte") nimmt er ein nicht nur typisch brasilianisches Phänomen aufs Korn: den Kult um Möchtegern-Superstars und —Berühmtheiten, die - unbeleckt von jeglichem Talent - um jeden Preis ins Rampenlicht wollen.

In der brodelnden Pop-Szene São Paulos war Miriam Maria seit langem eine feste Größe als Backgroundsängerin, zum Beispiel bei Chico César oder Itamar Assumpção. Als sie schließlich ihr eigenes Album "Rosa Fervida Em Mel" im Jahre 2000 lancierte, ließen es sich viele ihre prominenten Kollegen nicht nehmen, Gastauftritte beizusteuern. So machen die progressiven Kollegen Lenine, Chico César oder der unorthodoxe Songwriter Zeca Baleiro das Debüt Marias zu einem kleinen Ereignis jenseits der ausgeleierten Brasilpop-Schiene. Baleiro aus dem tropischen Nordstaat Maranhão ist es dann auch, der als Autor für "Banguela" verantwortlich zeichnet, eine ausgeklügelte Ballade mit brummendem Bariton-Sax, zackigen Streichern und einem ordentlichen Schuss elektronischer Beats.

Die atemberaubende Klangphilosophie des Bahianers Carlinhos Brown hält die Fans brasilianischer Musik schon seit Mitte der Neunziger in Atem. Sein Heimatviertel Candeal in Salvador da Bahia, ist dank seiner Umtriebigkeit zum Nabel moderner afro-brasilianischer Musik geworden. Zahlreiche Jugendprojekte zur Erhaltung der perkussiven Tradition hat er zudem auf den Weg gebracht, Timbalada ist nur die Bekannteste von ihnen. Mit Pop-Appeal kämpft er spielerisch darum, die schwarzafrikanische Spiritualität global zu verkünden und der touristischen Folklorisierung entgegenzusteuern. Hier ist ein moderner Medizinmann am Werk, der mit seinen Zauberkünsten schon auf Platten von Sergio Mendes bis Daniela Mercury gewirkt, für viele Brasilstars sage und schreibe 200 Songs geschrieben hat. Auf seinen mittlerweile vier Solo-Alben kollidieren betörende Trommelorchester mit süffigen Streicherballaden und Sommerhymnen, Popsongs à la Beatles und Funk mit karnevalesken Rhythmen des Nordostens. "Lagoinha" stammt vom dritten Opus "Bahia Do Mundo" und koppelt zu einer balladesken Melodie asiatisches Violinenflair mit afro-brasilianischer Perkussion, halb programmiert, halb real eingespielt.

Dank eines Werbespots während der Fussball-WM in Frankreich 1998 hat sich Jorge Bens Hit "Mas Que Nada" ein für alle mal in unseren Gehörgängen festgesetzt. Die vom Boogaloo infizierte Nummer gelangte allerdings schon in den Sechzigern durch das Tamba Trio und Sergio Mendes zum Welterfolg. Ihre elektronische Wiederauferstehung erfährt sie bei Bab & Rolando 808. Der afrikanische DJ Alioume Ba holte sich für dieses schlagkräftige Teamwork den schon vor geraumer Zeit nach Europa emigrierten Sänger Roberto Farias ins Boot. Farias wirkt von Paris aus an einer Vielzahl von Electronica-Projekten mit, die die Dancefloor-Knaller mit souligen Stimmen zugänglicher machen wollen.

Das beschauliche, etwas marode Viertel Lapa in Rio De Janeiro war von jeher Brutstätte für Aktivitäten von Künstlern aller Gesellschaftsschichten und Genres. Hier bildete sich schon im 19.Jahrhundert aus einem Crossover von europäischen Tänzen und afrikanischen Rhythmen der Chorro heraus, Vorläufer des Samba. Heute treffen sich dort in lockerer Kneipenatmosphäre Musiker aus allen Stadtteilen Rios zum Jammen, Lenine empfing hier wichtige Inspirationen. Der 23jährige Dos Santos ist ebenfalls ein Kind von Lapa, und ist dabei, einen persönlichen, elektronisch aufgepeppten Stil innerhalb der Música Popular Brasileira zu formen. "Laura" ist eine eingängige, einschmeichelnde Liebesballade, deren songhafter Charakter mit feinsinnigen und zugleich satten Perkussions-Samples eine besondere Note erhält.

Maßgeblich beteiligt an Dos Santos’ Studioarbeit ist Produzent Alexandre Ferreira, der sich vorzugsweise Aleh nennt und auf Brazilian Groove auch mit einer eigenen Kreation in Erscheinung tritt. Aleh wirkte Mitte der Neunziger in der Samba-Reggae-Band Bantus. Als Modell für seine Fusion im Dreieck Samba-Soul-Funk dient ihm unüberhörbar der Rio-Sound der frühen Achtziger, als begleitend zum politischen Black Rio Movement eine besondere Variante schwarzer Musik entstand. Deren Protagonisten waren seinerzeit die Banda Black Rio, ihr Comeback hat Aleh 1997 in die Wege geleitet. "Sou Do Bem" ist Alehs Solodebüt von 2001 entnommen, ein entspannter Funk, der seine besondere Atmosphäre durch seine charismatische soulful voice erhält.

Mit der "Linda Canção" kehren wir für den finalen Dreierpack auf den tropisch infizierten Boden der Alten Welt zurück. Der Song ist ein typisch grooviges Beispiel für die Koppelung von Brasil-Flair mit Downbeats, wie sie europäische DJ‘s zwischen London und Rom bevorzugt aus ihren Pulten zaubern. Hinter der Barrio Jazz Gang stecken die italienischen Produzenten und DJs Roby Colella und Stefano Micarelli, die sich für die handwerkliche Bereicherung ihres "Nu-Jazz-House" etablierte Jazzer wie Aldo Bassi (Trompete) oder Paolo Innarella (Sax, Flöte) an Land gezogen haben. Für die vokalen Tupfer sorgt Paola Fortina.

Wiederum einem Werbespot hat Marcello seine Popularität in Frankreich zu verdanken. Der in Belo Horizonte geborene Vokalist begeisterte sich in jungen Jahren für Stevie Wonder, Bob Marley, Jorge Ben und Gilberto Gil, und besonders letztere scheinen einen besonderen Einfluss auf den Titeltrack seines 2003er-Albums "Beleza" ausgeübt zu haben. Marcello klingt in der Tat wie ein verjüngte Kreuzung aus Ben und Gil, und sein Tropen-Pop blüht auf durch eine raffinierte Verschmelzung von sonniger Vokalpräsenz, einem funky Groove, Scratching und perkussivem Sampling.

Zum Finale steht nochmals ein multinationales Trio aus Amsterdam im Brennpunkt: Electro Coco gruppiert sich mit der Sängerin Viviani Godoy und dem holländischen Programmer Alain Eskinasi um den britischen DJ Graham B., der seit den Achtzigern in der Jazzdance-Szene der Metropole mitmischte und für den legendären Club 802 Partys organisierte. Den durch seinen Hüpfschritt so einzigartigen Coco-Tanz aus dem Nordosten Brasiliens hat der schon oben erwähnte Ausnahme-Songschreiber Zeca Baleiro in seinem "Côco Do Mundo" aufgegriffen — das Trio injiziert der auf regionaler Folklore basierenden Nummer nun eine aufputschende Dancefloor-Spritze.

Ob Rom oder Rio, Amsterdam, São Paulo oder Paris — Bossa und Samba und ihre Verwandten verführen die Club-Besucher global - auch die junge Generation brasilianischer Musiker hat dies nun verinnerlicht. Was lange währt, wird endlich Groove.

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