Putumayo Presents:

French Caribbean

EXIL 2605-2 | LC 08972 | VÖ: 19.05.2003 | DISTRIBUTION: INDIGO

Sie ist das süße Geheimnis der Karibik — die Musik der ehemals französischen Kolonien Haiti, Martinique und Guadeloupe. Wo Salsa, Son und Merengue sich längst im globalen Vokabular des weltgewandten Musik-Kosmopoliten verankert haben, kommen Worte wie Compas, Zouk und Beguine hierzulande noch schwerer über die Lippen. Dabei ist die Geschichte der französischen Antillen-Musik mindestens ebenso spannend wie die der hispanischen Terrains, und die zeit-genössische Variante dieser Kreolen-Stile klingt ebenso packend und partygemäß. In Haiti, das sich schon 1804 in einer einmaligen Sklavenrevolte vom Mutterland lösen konnte, residiert - stolz auf seine afrikanischen Wurzeln - der Compas: ein Unikat mit Anteilen aus Merengue, Calypso, Swing und neuerdings gar HipHop, das nicht nur seiner anzüglichen Texte wegen seit den Sechzigern im gesamten karibischen Raum populär wurde. Und von der Inselwelt Guadeloupes und Martiniques kennen wir aus den Plattenregalen unseres französischen Nachbarns vor allem den Zouk (="Party"). Aus Folklorerhythmen entwachsen und mit Salsa, Reggae und Compas verfeinert, führte ihn vor rund zwanzig Jahren die Supergruppe Kassav’ zum pan-karibischen Siegeszug. Putumayo stellt nach "Caribbean Party" und "CARIBE! CARIBE!" neue verborgene Seiten kreolischer Popmusik vor, zwischen knallig bunter Partylaune und intimen Akustiknummern.

Auch wenn sie eine der progressivsten Zouk-Bands sein mögen, halten Taxikréol immer noch große Stücke auf ihre afro-martinikanischen Wurzeln. Salsa, Funk und Rock sind ebenso fester Bestandteil ihrer Hits wie die Perkussion des Belé und Danmyé der Maroons, jener Sklaven, die einst in die Bergwelt der Insel geflüchtet waren. Die Symbiose funktioniert, wie "Mandolin" (1) zeigt: Über federndem Zweier-Rhythmus, zum Pluckern des Banjo und den lebendigen Schleifen des Sax, singen und rappen sie vom einfachen Leben eines Musikanten, geprägt durch eine Hängematte, ein wenig Fruchtsaft und die Mandoline.

Der innovativen Zouk-Formation Malavoi entstammend, wo er ob seiner geschmeidigen Präsenz den schmeichelhaften Spitznamen "The Crooner of the Caribbean" davontrug, hat sich Ralph Tamar bereits 1987 in die Dienste von Kassav’ gestellt. Einen Wimpernschlag später allerdings beschritt er schon den Solopfad und wurde mit dem "Karib D’Or"-Preis dekoriert. Beguine, Chanson und Funk vermählen sich völlig ungezwungen auf seinen Alben, die allesamt randvoll mit Zouk-Klassikern sind, wie etwa dem schwerelos trabenden "Me Se La" (2).

Eine kreolische Brücke zwischen Cabo Verde und der Karibik bauen Michel Martelly und Haiti Twoubadou in "Pa Manyan Fanm Nan" (3). Wer ein Faible für die barfüßige Diva Cesaria Evora hat, wird in diesem Cover unschwer die kapverdische Hymne "Angola" wiedererkennen. "Sweet Micky", wie der Top-Star des haitianischen Compas liebevoll betitelt wird, hat Evoras Hit auf der anderen Seite des Atlantiks in eine entspannt swingende Nummer mit munterem Akkordeon und bassiger Akustikgitarre umgewandelt. Wunderbare kreolische Vokalkunst mit mehrstimmigem Chorsatz verleiht ihr den Feinschliff.

Von der eierschalenbedeckten Comic-Figur Kalimero bekam der Martinikaner Kali seinen Namen weg. Dabei ist der Banjo-Virtuose, der mit bürgerlichem Namen Jean-Marc Monnerville heißt, längst trocken hinter den Ohren. Schon in den Siebzigern stellte er am Pariser Konservatorium seine musikalische Karriere auf ein akademisches Fundament und mischte im Anschluss die Musikszene seiner Inselheimat mit der Gruppe Sixième Continent auf, als er Folk mit Reggae mixte. Mit seinem Banjo verschrieb er sich dann unter anderem dem Beguine, einem Genre, das schon in den Zwanzigern durch die Liaison von Folklore und kolonialen Salontänzen wie Mazurka und Quadrille geboren wurde. Seit einer Dekade sitzt der Saitenmeister mit feinsinnigen Instrumentals fest im Sattel und nutzt seine Popularität, um für Anti-Globalisation und die Weitergabe des kreolischen Erbes an die junge Generation der Insel einzutreten. Wunderschön sind die Dialoge zwischen Banjo und Sopransax in "Parfum des Îles" (4).

Um für eine besseres Erziehungssystem einzutreten und gegen AIDS zu kämpfen, nutzen auch die Mitglieder der Allstars-Formation Haiti Twoubadou ihre Popularität - wir begegnen ihnen im relaxten "Ki Demon Sa-a" (5) zum zweiten Mal. Zu ihrem Line-Up zählen neben dem schon vertrauten Michel Martelly auch Produzent Fabrice Rouzier oder der smarte Crooner Beethova Obas. Der unglaubliche Erfolg der Truppe führte zu einem richtigen Revival akustischer Musik auf Haiti und beglückt die Fans mit mittlerweile vier Alben. Seinen Namen verdankt das Kollektiv einem gitarrenorientierten Stil, den kubanische Gastarbeiter der Zuckerplantagen schon vor hundert Jahren auf die benachbarte Heimatinsel zurücktrugen. Nicht immer leisten sich Zouk-Bands eine veritable Bläser-Sektion, Vieles im kreolischen Party-Sound Nummer Eins kommt gewöhnlich aus dem Synthi.

Nicht so bei Jean-Luc Alger, der immer richtige Horns in seiner Band vorweist, wie unschwer in "Man Biswenw’" (6) herauszuhören ist. Alger zählt zu den Kultfiguren des martinikanischen Zouk: Bereits in den Siebzigern war er mit den Sympas unterwegs, setzte später mit der Vokalistin Edith Lefel Hitmaterial in die karibische Welt und fand zu seiner packenden Zouk-Nuance mit der Gruppe Klima. Seine jüngsten Produktionen gehen auf das Konto des allseits respektierten und richtungsweisenden Produzenten Ronald Rubinel.

Die "Königin des haitianischen Liedes" Emeline Michel wird ihrem Ruf mehr als gerecht. Nach anfänglichen Gospel-Vorlieben und einem Musikstudium in Detroit kletterte die Dame aus Gonaives mit sieben CDs und einer bezwingenden Melange aus Compas, Twoubadou, Blues, Bossa und Rock zum leuchtenden Star haitianischer Sangeskunst empor. "Mos Manman" (7) entspringt ihrem Konzeptalbum "Cordes et Âme", auf dem sie sich anhand akustischer Verpackung politischer und sozialer Belange ihrer Heimat annimmt. Der Song, getragen von jazzigen Piano-Accompagnement ist eine Ode an die Mütter: "Tanz mit mir Mutter, nicht einmal mit Diamanten kann ich das zurückzahlen, was du mir gabst."

Der Sound der größten haitianischen Exil-Gemeinde, Brooklyn, spiegelt sich in der Arbeit von Zin wieder. Deren Gründer, Alex Abellard, trachtete in den späten Achtzigern danach, die Tradition seiner Heimat mit dem Puls der Zeit zu verknüpfen, der in seiner zweiten Heimat schlug: Disco und HipHop. In "Kampe Sou Yon Bit" (8) ist spürbar, wie der Compas in der "Neuen Welt" ankam — mit einer ordentlichen Portion funkigen Keyboards und Rap-Einlagen.

Ebenfalls in New York schufen Carimi ein Derivat des Compas. Als Basis diente ihnen ihre profunde Kenntnis des traditionellen Materials, das dann mit Zouk, Reggae und HipHop bestückt wurde. Der Opener ihres Debüts namens "Ayiti (Bang Bang)" (9) bescherte dem Männertrio einen unerwarteten Erfolg und führte 2001 zum Gewinn des "Album of the Year"-Titels der Haitian Music Awards. Wohl nicht zuletzt wegen der ätzenden Kritik an der ökonomischen Misere, verursacht durch die Politik in ihrem Heimatland: "Mein Land gleicht einem Cowboy-Film, Bang Bang, hört auf mit meinem Land herumzuspielen."

Für Aficionados der Supergruppe Kassav’ gibt es einen Live-Leckerbissen auf der Zielgeraden! 1986 war es, als ihr legendäres Konzert im Pariser Zénith stattfand, aus dem vorliegender Outtake stammt. Die Band, die mit der Kernbesetzung Pierre-Edouard und Georges Decimus sowie Jacob Desvarieux den Zouk aus der Taufe hob und die Vorherrschaft des Compas beendete, befand sich damals gerade auf einem ersten Gipfel ihres Ruhmes, sie füllten Stadien und tourten auf sechs Kontinenten. Und dies mit einem Sound, der so geschmeidig runtergeht, wie das kreolische Nationalgericht, nachdem sie sich benannt haben: Maniokpaste mit Kokosnuss.

French Caribbean birgt funkelnde Schätze der kreolischen Partymusik - dank dieses Albums könnten die Kleinode von den Antillen nun auch gleichberechtigt neben den Hits aus Kuba oder der DomRep - ihren Weg in unsere Breiten finden.

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