Putumayo Presents:

Cover The World

EXIL 2315-2
LC 08972
VÖ: 24.2.2003
DISTRIBUTION: INDIGO

Bob Marley im Pazifik, Curtis Mayfield in Johannesburg, Jimi Hendrix in Benin — posthum entdeckte Konzertmitschnitte verstorbener Pop-Stars? Ein Tritt auf dem berühmten Holzweg. Stattdessen wiederum eine Pioniertat aus dem Hause Putumayo.

Denn während sich Pop und Rock seit langem gütlich tun an exotischen Klängen, haben nahezu unbemerkt auch Afrikaner, Latinos oder Asiaten die Hitparaden der westlichen Welt "geplündert". Die hier versammelten Tracks dokumentieren wie noch kein Album zuvor: Wer in Johannesburg, Dakar und Abidjan, in den Barrios von Barcelona oder gar im ostchinesischen Meer nach Remakes westlicher Chartbreaker forscht, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn er stößt auf einen Fundus, der natürliche Konsequenz eines weltweit florierenden Imports von Rockballaden, R&B-Evergreens, Reggae-Klassikern, Skiffle-Hits oder Disko-Hymnen ist. Und von dem übrigens auch in Europa die Latino- und World Lounge-Fraktionen zehren.

Katalonien fördert derzeit immer neue erstaunliche Gesichter und Klänge zutage. Seit kurzer Zeit macht mit Manu Chao und Wagner Pá, mit den Ojos de Brujo und Macaco die "Zona Bastarda" Barcelonas, jene knallige Szene in der Hauptstadt alternativer Latino-Musik europaweit Furore. Zu ihr darf nun auch die Neuentdeckung Albert Pla gerechnet werden. Der schrullige Songwriter und Schauspieler hat sich mit seinem "El Lado Mas Bestia de la Vida" trefflich an eines seiner großen Idole herangeschlichen. Zugleich zaubert er aber ein ganz eigenes Flair in den Klassiker aus dem Album "Transformer", mit dem Ex-Velvet Undergrounder Lou Reed 1972 seine Solokarriere anschürte: Die schlurfend-relaxte Attitüde von "Walk On The Wild Side" (1) wandelt sich zu einer Rumba-Grundierung der Gitarre, garniert mit flockiger Hammond-Orgel und einem kecken Trompetensolo. Und die "Doob-do-doob"-Mädels aus Reeds Backgroundchor haben eine Metamorphose zu Gypsy Girls durchgemacht.

Brazil-Sounds made in Germany — ein Tummelfeld für tropische Sehnsüchte mit sehr durchwachsenen Resultaten. Zu den Könnern unter den germanischen Tropenbastlern gehört zweifelsohne das DJ-Doppelgestirn Ralf Droesemeyer und Mark "Foh" Wetzler, besser bekannt unter Mo’Horizons. Und Leila Pantel heisst die Dame, die den beiden Deutschen mit eleganten portugiesischen Lyrics auf die Sprünge geholfen hat — und dies in einem locker groovenden Remake von Curtis Mayfields "Hit The Road Jack" (2), durch R&B-Meister Ray Charles 1961 an die Spitze der Charts katapultiert. Mit ihrem brillanten Retro-Sound knüpfen Mo’Horizons da an, wo Sergio Mendes und Marcos Valle in den späten Sechzigern mit ihren Easy Listening-Kreationen Brasilien und Black Music der Staaten vermählten.

Touré Kunda haben schon lange, bevor die sogenannte Worldmusic in Europa einschlug, eine Lanze für westafrikanische Klänge in der westlichen Welt gebrochen. Die drei Brüder Amadou, Ismael und Sixu Touré aus Senegals Tropenregion Casamance kommen ursprünglich von der traditionellen, zeremoniellen Trommelmusik. In den Siebzigern koppelten sie dann schon Soul und Salsa mit dem durch Youssou N’Dour gerade etablierten Mbalax, der neuen, rhythmisch aufgekratzten Popmusik Senegals. Ihre Popularität ist bis heute ungebrochen: kein geringerer als Santana coverte sie auf seinem Mega-Seller "Supernatural", und mit der Formation Touré Touré ist gerade die nächste Generation aus dem Musiker-Klan an den Start gegangen. Phil Collins’ dramatische Rockballade "In The Air Tonight" erweist sich unter dem Titel "Nobel" (3) als sehr adaptionsfähig: die handfesten Rockdrums des Genesis-Schlagzeugers wandeln sich in ein Geflecht aus den Trommeln tama (talking drum) und der sabar, aufgefüllt mit Balafonmustern und den flirrenden Linien der Kora-Harfe. Die in Wolof gesungene Version ist der Opener des 2000er Album "Terra Saabi".

Vom Süden in den Norden Senegals, wo ebenfalls eine Brüder-Band ihre Wurzeln hat. Nach ihren Roots, dem Minderheiten-Volk der Tukuleur, haben sie sich benannt, und das musikalische Aushängeschild dieser Region, Baaba Maal kann man in ihrem Vokalstil genauso ausmachen wie eine starke Vorliebe für Rap. Mit einem HipHop-Groove wurde auf diese Weise Totos Achtziger-Hit "Africa" (4) infiziert — die Pop-Ballade aus L.A. kommt mit engagierten Rapversen und glockenhellen Vokallinien im traditionellen Stil nach Hause.

Gleich zweimal werden wir Zeuge, wie die weltbekannten Männerstimmen von Ladysmith Black Mambazo es immer wieder verstehen, ihr Repertoire durch Cover-Versionen aufzustocken. Flankiert werden sie hier jeweils durch weibliche Prominenz. Auf "People Get Ready"(5), wiederum einem Klassiker von Curtis Mayfield, den er 1965 gospelgefärbt seinen Temptations auf den Leib schneiderte, ist es Phoebe Snow. Snow wusste schon in den Siebzigern als eine der wenigen US-amerikanischen Sängerinnen schlüssig zwischen Folk, Pop und Soul zu vermitteln. Es entspinnt sich ein reizvoller Wechsel zwischen ihren explosiven Soli und dem sanften Chor der Südafrikaner, die als Leidgeprüfte der Apartheid mit diesem Lied an den Soundtrack des American Civil Rights Movement erinnern. Die Zulu-Wurzeln der ursprünglich als A-Cappella-Formation agierenden Ladysmiths kommen dann im Intro zu "Ain’t No Sunshine" (11) zum Zuge. "Iscathamiya" nennt man diesen global einzigartigen Vokalstil, der in den 1920ern unter den Minen- und Fabrikarbeitern von Natal entstand und durch Joseph Shabalalas Formation in den Siebzigern landesweit popularisiert wurde. Auf Paul Simons "Graceland"-Album gelang 1986 schließlich der weltweite Siegeszug von LBM, die mittlerweile ihr Dreißigjähriges feiern können. Mit dem Bill Withers-Remake liefern die Herren aus Ladysmith eines der schönsten Teamworks der Worldmusic überhaupt ab, nicht zuletzt dank der karibisch-britischen Soulpop-Diva Des’ree. Nach dem südafrikanischen Eingang inklusive Vogelgezwitscher aus der Savanne gleitet die Atmosphäre mit ihrer vollen Altstimme unmerklich in einen wahrhaft seelenvollen Groove, bereichert durch tribale Zulu-Zutaten.

Einen wahren Narren scheint Chris Ardoins Band Double Clutchin’ an Cover-Versionen gefressen zu haben. Schon auf der Putumayo-Kollektion "Zydeco" (EXIL 9209-2) lieferten sie mit dem Bubblegum-Reggae "Pass The Dutchie" von Musical Youth eine höchst originelle Neuvertonung ab. Hier versuchen sie sich an Jackie Wilsons Top Ten Hit "Higher And Higher" (6) von 1967. Rhythm’n’Blues, druckvoll aufgemöbelt durch die akkordeonlastigen Swamp-Klänge Louisianas, die die Ardoins wie kaum eine andere Familie beherrschen. In der dritten Generation pflegen sie die kreolische Musik, die vor mehr als einem halben Jahrhundert aus der Tradition der französischstämmigen Cajuns, aus Blues und R&B entstand, und haben mit Urgroßvater Amede Ardoin einen der Genre-Begründer im Stammbaum...

Während die Popularität des Sixties-Soul oder des Reggae in Afrika offensichtlich ist, wurde offensichtlich unterschätzt, wie weitgehend die Popmusik der Achtziger in den Ländern südlich der Sahara Eingang gefunden hat. Überraschend, dass ausgerechnet ein Act wie das weiße Songwriter-Paar Daryl Hall & John Oates mit ihrem wenig afrikanisch anmutenden Material bei der malisch-guineanischen Band Les Go landen konnte. Vielleicht witterten die drei Frontfrauen Awa Sangho, Maate Keita und Alama Kante den Background von Hall & Oates, denn in ihren frühen Jahren hatten die sich intensiv in der schwarzen Szene Philadelphias getummelt. Der Dance-Knüller "I Can’t Go For That" (7) wird gekonnt in eine Popballade mit westafrikanischer Vokalfärbung transformiert.

Sonnenklar dagegen ist die Brücke zwischen Jimi Hendrix und Angélique Kidjo. Letztere ist stolz darauf, Nichte eines der mächtigsten Voodoo-Priester Benins und Anhängerin des Python-Kultes zu sein — auch wenn sie schon 1983 nach Paris kam, taucht sie in ihren Texten immer noch hinab in die Verehrung des Donnergottes Chango oder Oxossi, dem Gott der Jagd. Den Klassiker "Voodoo Child" (8) vom legendären Album Electric Ladyland des Gitarrengottes aus Seattle für sich zu reklamieren, erscheint somit nur logisch. Eine Rockhymne der Hippie-Generation kehrt höchst eindrücklich im Afropop-Stil der Spätneunziger an seine Quelle zurück.

Wer erinnert sich noch an die britische Band Mungo Jerry? Mit der Eintagsfliege verbindet man heute vor allem noch "In The Summertime" (9), jene zurückgelehnte Skiffle-Nummer von 1970, die es in den Staaten unter die Top 10 schaffte. Aus Montpellier kommt jetzt die Antwort auf das One-Hit-Wonder. Mag der Anfang der cajun-gefärbten Version von Fatal Mambo noch große Ähnlichkeit mit dem Original haben, driftet sie bald in Latino-Gefilde ab und wird zum Schaukasten für den launigen "Salsaioli". Dahinter verbirgt sich eine südfranzösische Eigenkreation, die sich aus Salsa, Cumbia, Merengue und Mambo komponiert und mit augenzwinkernden Lyrics versehen wird.

Soulig wird’s nochmal mit Yannick, einem Jungstar der französischen HipHop-Szene. Coole Rap-Passagen wechseln sich in "Ces Soirées Là" (10) mit einem hymnischen Chorus ab, der dann das Original erkennen lässt: den Mittsiebziger Disco-Hit "December 1963", den die Four Seasons in ihrer zweiten Erfolgsphase über ein halbes Jahr lang in den Charts platzieren konnten. Disco trifft auf French Rap — ein stimmiges Ergebnis, das an der Seine für unerwarteten Erfolg sorgte.

Abgegriffen mag man Bob Marleys Nummer "No Woman, No Cry" (12) getrost nennen — sie zählt zu den meistgecoverten Songs des Planeten. Wer könnte diesem Klassiker noch einen neuen Glanz verleihen, ihn in ungewöhnlichem Licht erstrahlen lassen? Das Damenquartett Nenes gibt einen originellen Beitrag ab, denn es bereinigt den Titel sogar von seiner Reggae-Grundierung und verpasst ihm fernöstlich-pazifisches Flair. Das tropische Okinawa-Archipel, nun zu Japan gehörend, zuvor lange Zeit unter amerikanischem Einfluss, wurde schon in den Siebzigern von Ry Cooder heimgesucht, später von David Lindley - beide erlagen dem folkigen Charme der einheimischen Musik. Kürzlich machte der inselfanatische Slidegitarrist Bob Brozman dort Aufnahmen. Mit Nenes präsentiert sich hier der international wohl bedeutsamste Act der Inseln, und neben den ungewöhnlichen Stimmen, die zwischen dem Originaltext und dem Okinawa-Idiom hin- und herzappen, zeichnet diese bezaubernde Version auch der Klang der dreisaitigen sanshin aus, das banjoartige, mit Schlangenhaut bezogene Nationalinstrument der Insulaner.

Bislang haben Afrikaner, Latinos oder Asiaten nahezu unbemerkt die Hitparaden der westlichen Welt "geplündert". Doch nun dokumentiert Putumayo wie US-Soul, Rock-Hymnen, Reggae-Klassiker und Pophits vergangener Jahrzehnte auf die kreativen Kräfte in Dakar, Johannesburg, Barcelona, ja gar im Pazifik stossen. Marley im ostchinesischen Meer, Jimi Hendrix in Benin oder Phil Collins im Senegal - man höre und staune!

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