Organic Records & Exil Musik present:

Barcelona Zona Bastarda

EXIL 2084-2
LC 08972
VÖ: 28.10.2002
DISTRIBUTION: INDIGO

In keiner anderen Stadt hätte Antoni Gaudí seine eigenwilligen architektonischen Jugendstilträume ähnlich eindrucksvoll verwirklichen können. Denn Barcelona hat ein spezielles Flair, eine Mischung aus mediterranem Freigeist und fröhlicher Bestimmtheit, die ungewöhnliche Projekte begünstigt. Das hat viele Gründe. Die Geschichte der Stadt zum Beispiel, die bis in die Zeit der Karthager zurückreicht, dann über die Römer, Westgoten, Mauren und Franken bis zur spanisch-katalanischen Gegenwart reicht. Die Geographie natürlich, die mit dem Nebeneinander von Bergland und fruchtbaren Tälern angenehme klimatischen Bedingungen zum Leben schafft. Außerdem ist Barcelona das größte Wirtschaftszentrum und die zweitgrößte Stadt in Spanien, eine Metropole besonderen Zuschnitts, deren Stimmung nicht nur Künstler aus aller Welt anzieht, sondern auch eine eigene kulturelle Szene mit charakteristischen Klangmixturen fördert.

Der künstlerische Aufschwung begann in den frühen Neunzigern. Damals sprach es sich herum, dass man in Barcelona nicht nur auf allerlei Kulturweltenbummler treffen konnte, die die angenehme Stimmung in der Stadt schätzen, sondern außerdem vergleichsweise preiswert leben konnte. Solange man nicht in den Edelvierteln der Touristenboulevards flanierte, sondern im Barrio Chino oder Barrio Gótico sich in den Bardschungel schlug, gab es reichlich kleine Clubs, die mit Stil und Atmosphäre lockten. Damals konnte man einen Jazzanfänger wie Brad Mehldau am Honky Tonk-Piano dudeln hören, der sich am Mittelmeer vom Stress amerikanischer Hochschulen erholte. Oder man begegnete schrillen Figuren wie dem jungen Manu Chao, der gerade seine Combo Mano Negra hinter sich gelassen hatte und auf dem Sprung nach Lateinamerika noch ein paar Inspirationen an der Mittelmeerküste sammelte.

Im Unterschied zu den durchorganisieren Szenen in Madrid oder Paris, wo die großen Konzerne ihre Künstler herumreichten, hatte Barcelona noch etwas Unverbrauchtes, Authentisches. Die meisten Gruppen, die dort spielten, sammelten ihre ersten musikalischen Erfahrungen bei Festen und Feiern. Es gab immer einen Grund, die Instrumente auszupacken: Hochzeiten und Jahrmärkte, Dorffeste, aber auch alternative Clubs und Insidertreffen. Dusminguet, heute eine der bekanntesten Combos dieser Szene, begann zum Beispiel anno 1994, mit ihrer schrillen Mischung aus regionalen und karibischen, partytauglichen und alternativ geprägten Sounds durch die Clubs zu ziehen. Die spaßbetonten Songs fanden eine enthusiastische Fangemeinde. Es kam zum Album Vafalungo (1998), dem zwei Jahre später Postrof (2000) folgte. Der Sound von Dusminuet wurde typisch für die neuen Stimmen Barcelonas. Denn hier mischte sich katalanischer Rumba mit karibischem Reggae, mediterrane Gypsy-Überlieferung mit Freak-Appeal. Das Ganze wurde mit reichlich Latin-Grooves verschnitten und so entstand eine akustische Charakteristik, die man bei Manu Chao ebenso wie bei Sergent Garcia oder Fermin Muguruza wiederfinden konnte.

Die Szene wuchs und sie hatte Spaß daran, sich aus dem Kuchen der Stilingredienzien sich die Rosinen herauszupicken. Dabei war den Beteiligten klar, dass sie sich nicht um die popmusikalische Nachfolge der spanischen Kunstfolklore kümmern wollte. Der Flamenco blieb daher als Impulsgeber eine Marginalie und seine klassisch eruptiven Gitarrenläufe finden in der katalanischen Variante bestenfalls Derivate nach Gypsy-Pop-Manier. Viel wichtiger waren die Hörgewohnheiten der einzelnen Musiker. Daher klingt "Barcelona Zona Bastarda" auch weniger nach dem hispanischen Ethnogedudel der Hitparaden, sondern eher wie eine kulturübergreifende Quersumme latingefärbter Partytakes. Da findet man Rap und Drum & Bass, Patchanga und Rumba, Maghreb-Pop und Música Popular Brasileira, je nach individuellen Vorlieben der Künstler. Da trifft man auf bereits halbwegs etablierte Combos wie Cheb Balowski, Wagner Pá, Dusminguet oder Goldfinger neben zahlreichen Newcomern, deren stilistische Zukunft noch offen ist.

Aber das gerade macht den Reiz einer Sammlung wie Barcelona Zona Bastarda aus. Sie ist die gelungene Bestandsaufnahme eines immens kreativen Schmelztiegels paneuropäischer, spanisch geprägter Popularmusik. Sie vereinigt raue Stellen und Momente des Übergangs ebenso wie bereits fest gefügte künstlerische Persönlichkeiten, deren Orientierungsphase bereits der Vergangenheit angehört. Sie ist eine Entdeckungsreise in die Klangwelt einer Metropole, die noch von keinem egalisierenden Filter globaler Musiktrends verfälscht wurde. Hybrid sei das, sagt der Ethnologe, eine Kreuzung der Entwicklungslinien jenseits der geschmacksnormierenden Vorgaben des formatierten Marktes. Spannend nennt es der Fan, der seinen Spaß an Barcelonas Popeskapaden hat.

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