P 18

ELECTROPICA

EXIL 1827-2
LC 08972
VÖ: 17.06.2002

DISTRIBUTION: INDIGO

 

Als Mano Negra, die wildeste Multikulti-Truppe der Achziger, 1995 endgültig das Handtuch warf, entstand für kurze Zeit eine Leere im achtzehnten Arrondissement der französischen Hauptstadt. Das Vielvölker-Viertel um den Montmartre verabschiedete sich von seinen Worldbeat-Pionieren und bald formierten sich um Sacre-Coeur neue schillernde Combos wie das Orchestre National De Barbès oder Sergent Garcias Locos Del Barrio. Parallel dazu lancierte, wie wir alle wissen, die unverwechselbare Stimme der "Schwarzen Hand" nach ausgiebigem Globetrotting ihre Karriere von Barcelona aus neu. Die Erfolgsgeschichte von Manu Chao allerdings ist nur eine der Fortsetzungen von Mano Negras Historie. Weniger bekannt sind hierzulande die spannenden Aktivitäten seines Keyboard-Kollegen Tom Darnal, der seit 1996 mit dem franko-kubanischen Projekt P 18 den globalen Dancefloor abklopft. Mit Electropica, dem neuesten Werk aus seiner Latin-Funk-Werkstatt, wird sich dies nun hffentlich schlagartig ändern.

Unmengen an Soundschnipseln, eingefangen auf Reisen durch Lateinamerika, konnte Tom Darnal aus der Mano Negra-Zeit hinüberretten. Sie wurden zum Keim für seine neuen Spielereien, die er mit den verbliebenen Mitstreitern zunächst in eine Breakbeat-EP namens Light And Fire umwandelte. Fortan nannte sich das Kollektiv P 18, zu Ehren ihrer kosmopolitischen Heimat, des 18. Planquadrats des Pariser Stadtplans. Das Schlüsselerlebnis für die Stoßrichtung seiner neuen Truppe empfing Tom kurze Zeit später in Havanna, wo er während einer traditionellen Rumba-Party einen Ghettoblaster mit Klangspuren aus seinem Heimstudio einbrachte. Spontan kreierten die anwesenden kubanischen Musikgrößen, unter ihnen die Gruppe Iré Iré, über den Electronica-Grooves ihre traditionellen Gesänge — geboren war eine transatlantische Kooperative, die sich als äußerst fruchtbar erweisen sollte.

Nach unzähligen Trips über den Ozean, der Beteiligung eines ganzen Bündels an DJs und Musikern schälte sich schließlich Urban Cuban heraus, ein hektisch-fantastisches Patchwork und vibrierendes Zeugnis des neu erfundenen karibisch-europäischen Doppelgestirns (Dieses Werk ist leider in Deutschland nie veröffentlicht worden). Mit überwältigendem Erfolg startete die begleitende Bühnenshow bei den Transmusicales in Rennes und anschließend tourten Darnal und Anhang zwei Jahre lang pausenlos, um mit ihrer atemberaubenden Mixtur aus Maschinensound, Live-Percussion und heißen Bläsersätzen auf dem gesamten Globus zu begeistern. Im Oktober 2000 machten P 18 im chinesischen Xian schließlich vorläufige Endstation.

Doch Darnal wäre nicht Darnal, wenn er nicht nahtlos zum nächsten Projekt übergegangen wäre. Noch ganz unter dem Eindruck des wirbelnden Bühnen-Sounds rekrutierte er die Basistracks für ein neues Album aus den Livemitschnitten und fügte sie mit Material von Iré Iré und der Rumba-Formation Clave Y Guaguancó zusammen. Das elektronische I-Tüpfelchen setzte dann Laurent Collart, der Tonmeister von Laurent Garnier, Frankreichs Techno-Exporteur Nummer eins. Mit Collart konnte Darnal seine Vorliebe für die House-Sounds eines Joe Claussell oder Kerri Chandler eins zu eins umsetzen.

Das Ergebnis ist Electropica — eine ausgewogene, durchweg tanzbare Fusion von kubanischen Santeria-Ritualen, Afro-Beat, Latin-Funk und einer guten Portion French House.

Etliche P 18-Veteranen kommen zum Zuge, aber auch neue Gesichter: so konnte Darnal etwa den kubanischen Percussionisten und Komponisten Raoul Hernandez gewinnen, oder den Trompeter Christian Lechevretel von der Band Liquide. Als Überraschungsgast schaute Femi Kuti mit seinem funky Altsaxophon vorbei. Electropica startet dort, wo Urban Cuban endete, mitten in der Hybrid-Spielwiese eines kosmopolitischen Paris, in dem Havanna nur um die Ecke liegt.

Anspieltipps:

- "Latin Funk Overseas" (1) dient fast immer als Eröffnungsstück der P 18-Shows. Ein Schaukasten für die schweißtreibenden Funk-Grooves der Combo, in denen sich knackige Breakbeats mit Live-Percussion und schmissige Bläserattacken paaren

- "Salam" (2) zelebriert die durch Sklaven geschaffene interkontinentale Verbindung islamischer Religion und kubanischer Santeria-Rituale in einem perkussiven Kontext, angereichert durch schneidende Intermezzi der horn section.

- "Energia Solar" (6) lässt die traditionelle Seite von P 18 zum Zuge kommen und schliesst eine Premiere mit ein: erstmals intoniert hier eine Frau eine Rumba, die eigentlich Männerdomäne ist. Das Wortspiel bezieht sich auf den Solar, einen kubanischen Innenhof, in dem für gewöhnlich musikalische Zusammenkünfte stattfinden.

- "Yemaya Asesu" (7) ist der Santeria-Göttin des Meeres gewidmet und vereint auf höchst experimentelle Weise rituelle Deklamationen mit ausgetüfteltem rhythm programming und Funkyness aus Lechevretels Feder.

- "Mi Rumba" (11) schließlich ist ein umwerfender Party-Track mit hohem Pulsschlag, der Erinnerungen an die große Zeit der Fania All Stars und Tito Puente weckt.

Hat die spritzige und archaische Poesie von Mano Negra dank Chaos Clandestino und "Proxima Estación Esperanza" überlebt , so sind es P 18, die den zündenden Worldbeat von der Seine mit funkiger Vehemenz ins neue Jahrtausend führen.

 

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