Putumayo Presents:

An Afro-Portuguese Odyssey

EXIL 1818-2
LC 08972
VÖ: 21.10.2002
DISTRIBUTION: INDIGO

 

 

Ein perlender Lauf auf der Gitarre und sanft schlurfende Rhythmen, melancholische Stimmen und der weiche Klang des Kriolu beschwören atlantische Sehnsucht und afrikanische Lebensfreude herauf. Die Musik der lusophonen Länder des schwarzen Kontinents ist unverwechselbar geschmeidig, relaxt, zuweilen ein wenig traurig, und sie steht völlig zu unrecht hinter den Hits der franko- und anglo-afrikanischen Stars zurück. Zusammengeschweisst durch das gemeinsame Schicksal der Kolonialherrschaft Portugals haben Guinea-Bissau, Angola, die kapver-dischen Inseln und Moçambique eine einzigartige Métissage an Klängen hervorgebracht. In ihr spiegelt sich einerseits die bittere Biographie der Länder wider, andererseits die ungebrochene Schöpferkraft ihrer Kulturen. Nach der späten Befreiung von den Kolonisatoren geht die Odyssee der afro-portugiesischen Künstler weiter. Heute kommen ihre Lieder meist aus den Fischerdörfern Neu-Englands, dem Untergrund in Lissabon oder den afrikanischen Enklaven in Paris.

Ihre Wurzeln liegen bei so verschiedenen Völkern wie den Bantu oder im sagenhaften Mande-Reich, doch die PALOP (Países de Lingua Oficial Portuguesa = Länder, deren offizielle Sprache das Portugiesisch ist) durchlebten alle den Weg von Eroberung, Ausbeutung, Revolution und Wiederaufbau. Während Guinea-Bissau vor allem wegen seines Reichtums an Gold und Gewürzen die Gier portugiesischer Händler erregte, holten sich die Kolonialherren in Angola Sklavennachschub für ihre Zucker-rohrplantagen in Brasilien. Cabo Verde hingegen war vor der portugiesischen Annexion unbewohnt und diente als strategischer Atlantikstützpunkt zwischen der Heimat, Brasilien und Afrika. In Moçambique schließlich wurden seit dem Entdecker Vasco Da Gama Handelshäfen auf dem Seeweg nach Indien angelegt. Nach der Nelkenrevolution von 1974 und dem Sturz des Salazar-Regimes in Lissabon waren die PALOP mit die letzten Staaten Afrikas, die Unabhängigkeit erlangten. Da jedoch die Infrastruktur völlig vernachlässigt worden war, haben sie bis heute unter Armut und Hunger zu leiden, hinzu kamen Bürgerkriege, oder sie wurden — wie im Falle Angolas — zum Spielball im kalten Krieg. Kein Wunder, dass fast alle Künstler aus den PALOP ihrer Heimat den Rücken kehren mussten. Sie tragen ihr musikalisches Erbe nach Übersee und die Afro-Portuguese Odyssey ist ein bezwingendes Dokument ihres dortigen Wirkens.

Als Erneuerer der kizomba - neben der semba Angolas bekanntester traditioneller Rhythmus - gilt Paulo Flores. In seinen Liedern mixt er antillanischen Zouk mit einheimischen Elementen zu einer packenden, wenngleich völlig akustischen Tanzmusik, wie in "Zé Inacio" (1). Das akkordeon- und percussiongeprägte Stück ist außerdem exemplarisch für sein cleveres Songwriting, in dem er die Kunst des Geschichtenerzählens mit unaufdringlicher Sozialkritik unter einen Hut bringt. Sein Protagonist, der aus Armut zum Drogenhändler wurde, verliebt sich in einem Elendsviertel in die Prostituierte Odalina, die er so gerne von ihrem Schicksal befreien würde.

Generationsübergreifend geht es mit Mabulu in die Schätze der moçambi-kanischen Musikszene hinein. Als der deutsche Produzent Roland Hohberg 1998 vor Ort ein Aufnahmestudio etablierte, versammelte er Legenden des Nationalstils marrabenta wie Dilon Djindji oder António Marcos, stellte ihnen jedoch einen jungen Rapper namens Chiquito oder den afro-chinesischen Crooner Chonyl zur Seite. Auf "Maldeyeni" (2) gibt Mabulu Old School- marrabenta mit marcos zum Besten, der mit locker perlenden Gitarrenlinien gekoppelt wird.

Fest verankert in der Lissabonner Exilanten-Szene ist ihre Landsfrau Eneida Marta, die aus einer musikalischen Familie stammt und von klein auf das traditionelle Vokabular Guinea-Bissaus aufgesogen hat. Mit ausgefeiltem Percussion-Netz, wunderbar platzierter Akustikgitarre und einem Kammerensemble von Streichern erzählt Marta mit unvergleichlich einschmeichelnder Stimme in "Na Bu Mons" (3)von einer Frau, die alles für ihren Geliebten gegeben hat, dafür aber nichts zurückbekam.

Die Mendes Brothers zählen zu den innovativsten Kräften der kreolischen Atlantikmusik. Von Massachusetts aus, wo die größte kapverdische Enklave weltweit ansässig ist, haben sie als Produzenten von über 30 Alben, unter anderem für Cesaria Evora und Tito Paris, als Songschreiber und auch als Bühnenkünstler gewirkt. Ihrer investigativen Arbeit ist es zuzuschreiben, daß auch kaum bekannte kapverdische Stile noch gepflegt werden, so zum Beispiel die bandera, der tchoru oder auch die talaia baxu, die sich in der Rhythmik von "Cor di Rosa" (4) wiederfindet. Über schmelzender Violinbegleitung wird hier die baldestmögliche Rückkehr auf die Heimatinseln beschworen.

Mit "Homenagem A Liceu Vieira Dias" (5) findet sich ein rarer Instrumental-Klassiker auf der Odyssee. Der Angolaner Ruy Mingas zollt hier seinem Onkel Tribut, einem legendären Pionier auf dem Gebiet der Koppelung traditioneller angolanischer Musik mit jazzy Feeling seit den vierziger Jahren. Mingas selbst, der sich nie als hauptberuflicher Musiker verstand, hat seit 30 Jahren kein Album eingespielt. Mit seinen Aufnahmen aus den frühen Siebzigern übte er jedoch nachhaltigen Einfluss auf die gesamte Szene des Landes aus. Nebenbei agierte er zeitweise auch noch als Kulturminister Angolas.

Agusto Cego trägt sein Schicksal schon im Namen: der "blinde Agusto", der heute in Massachusetts lebt, stammt ursprünglich von der gebirgigsten Kapverden-Insel Fogo, überragt durch den wieder aktiven Vulkan Pico. Gerade von dieser Insel wanderten viele Einwohner per Walfangschiff in die Neue Welt aus, siedelten sich in und um Boston an, wo die Größe der kapverdischen Enklave bald die Einwohnerzahl des Archipels selbst übertreffen sollte. Das einstige Wunderkind Cego beherrschte schon früh das Cavaquinho und die Gitarre, eignete sich dann auch noch Violine, Klarinette, Flöte, Sax und Piano an. Mit "Nha Fidjo" (6) erzählt er aus der Perspektive einer Mutter, was diese ihrem Kind an leidvollen Erfahrungen mitzugeben hat.

Paulo Flores, der zu dieser Afro-Portugiesischen Odyssee bereits den wunderschönen Auftakt beisteuerte, kehrt regelmäßig in seine angolanische Heimat zurück. So traf sich in der Hauptstadt Luanda mit der Banda Maravilha für das Stück "Canta forte" (7). Die Banda ist einer der herausragenden Vertreterinnen des semba, die man in musikologischen Kreisen als Urvater des Samba ausgemacht hat. Der vorliegende Titel bietet einen verblüffenden Grenzgang zwischen karibischem Zouk-Unterbau und einer melancholischen Melodik, die ein wenig an die langsame kapverdische morna erinnern mag.

Als Botschafter ungewöhnlicher Rhythmen seiner Heimat, wie dem schnellen ngumbe oder dem kussounde gilt der Sänger und Saitenkünstler Manecas Costa aus Guinea-Bissau. Das Engagement in seinen Lyrics für die Belange der Frauen und Kinder in der Dritten Welt veranlasste die UNICEF, ihn zum Good Will Ambassador zu nominieren. Costa ist eine zentrale Figur in der afro-portugiesischen Szene Lissabons und sein Name findet sich in den Credits vieler Alben von Kompatrioten wie Dulce Neves und Eneida Marta, aber auch beim Angolaner Waldemar Bastos. In "Ermons Di Terra" (8), das sich vor allem durch glasklares Gitarrengeflecht hervortut, erzählt Costa autobiografisch von seinen Schwierigkeiten, sich im Ausland als fremder Künstler einen Namen zu machen.

Jorge Da Silva Bidinte verließ seine Heimat schon lange vor dem Krieg. Der auf den Guinea-Bissau vorgelagerten Bijagós-Inseln Geborene war ein richtiger Dickkopf. Sein Vater, der sich vom Schäfer zum Arzt hochgearbeitet hatte, wollte von den musikalischen Ambitionen seines Sohnemanns nichts wissen und zerschmetterte eines Tages voller Zorn die Mandoline des Filius. Dessen ungeachtet schmiedete der Jüngling alsbald in der Hauptstadt Bissau eigene Songs und siedelte 1992 nach Lissabon über, dessen Szene er mit einer Band namens Docolma belebte. In Madrid schließlich endet die Odyssee des Kreolen mit der sehnsüchtigen Stimme. Als Künstler auf dem Label Nubenegra veröffentlichte er inzwischen zwei fulminante Alben, auf denen er seine melancholische Poesie mit Afro-Percussion und Flamenco gleichermaßen vermählt. In "Consejo Di Ancianos" (9) tritt er zum sanften Groove der spanischen Gitarre als Ratgeber für die Jugend auf. "Arroganz und der Appetit auf Ruhm führen nur dazu, daß man zurückbleibt wie Ungeziefer."

An der Seite von Manel brillierte einst Dulce Neves mit ihrer glasklaren Sopranstimme. Sie hat in Frankreich als Preisträgerin des begehrten Preises Radio France International in den Neunzigern eine vielversprechende Solokarriere begonnen. Mit "N’Tchanha" (10) erinnert Neves an ihre verstorbene Mutter und bemüht dazu auch die Kora, deren Harfengirlanden subtil durchs poppige Arrangement flirren.

Musiker des kleinen Küstenstaates Guinea-Bissau geben sich nun die Ehre. Im Bürgerkrieg von 1998/99 wurde die Hauptstadt weitestgehend zerstört und kann nun — weniger denn je — eine Infrastruktur für die einheimischen Künstler bieten, fast alle Musiker gingen ins portugiesische Exil. Die ersten beiden Interpreten haben gemeinsame Wurzeln: mit Super Mama Djombo füllten sie im Senegal einst Stadien, damals trat Youssou N‘Dour als ihr Opener auf! Zé Manel stand schon immer im Brennpunkt der Musikhistorie Guinea-Bissaus. Nach der Unabhängigkeit begleiteten er und seine Band den ersten Staatspräsidenten Luis Cabral auf Wahlveran-staltungen, bald wandte er sich in seinen Lyrics aber gegen das Oberhaupt, als sich eine neue restriktive Politik abzeichnete. Schließlich endete Manel als politischer Flüchtling in Kalifornien, wo er nach 19 Jahren vor kurzem endlich wieder ein Album veröffentlichen konnte. Von diesem stammt "Bu Fidjo Femia" (11), ein transparenter, gemächlicher Blues mit sparsamen Bläserakzenten, vollmundigem Sax-Solo und Afropercussion.

Traditioneller gibt sich Leonel Almeida von der Insel São Vicente, für den die Zwangsrekrutierung in die portugiesische Armee einen bedeutenden Wendepunkt in seiner künstlerischen Laufbahn darstellte. Als Sänger revolutionärer Lieder schloss er sich der legendären Formation Voz do Cabo Verde um den Saxofonisten Luis Morais an. Heute lebt er in Lissabon. Zu einer gemächlichen coladeira, verfeinert durch Sax-Einwürfe, berichtet er in "Ti Jôn Póca" (12) vom alljährlichen verzweifelten Kampf der kapverdischen Bauern gegen die Dürre.

Durch Cesaria Evora ist kapverdische Musik seit Jahren in aller Munde — doch die wenigsten der renommierten Exil-Künstler von den dürren Inseln haben es zu ähnlicher internationaler Berühmtheit gebracht. Zu den zahlreichen musikalischen Leitern in Evoras Band zählte Jovino dos Santos, der mit 18 seine Heimat verließ. Von Frankreich aus erzählt er in seinen Liedern nun von den Erinnerungen an seine atlantische Heimat und den Immigranten-Erfahrungen. Mit "Africa Mamae" (13) lehnt er sich an den swingenden Coladeira-Rhythmus an, peppt ihn aber durch eine satte Salsa-Bläserfraktion auf.

Die Musik der Afro-Portugiesen bündelt die einstmals bitteren Irrfahrten zwischen den Kulturen zu hochkreativen kreolischen Klangbildern, die einen pan-afrikanischen Stil herausgebildet haben und mit sanftem Groove verführen.

 

 

 

 

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