Putumayo Presents:

Asian Groove


 

EXIL 1816-2
LC 08972
VÖ: 26.08.2002
DISTRIBUTION: INDIGO

 

Von Bombay Nach Birmingham

Die Region Punjab im Norden des indischen Subkontinents ist zwar politisch geteilt, doch ihre gemeinsamen musikalischen Roots haben Inder und Pakistani gleichsam von Bombay nach Birmingham mitgenommen. Ihr Partysound heisst Bhangra, ist sehr perkussiv und wird gerne mit anderen Einflüssen wie Dub und Reggae, vor allem aber Rhythm & Blues gemischt. Seit den Neunzigern hat auch der speziell für indische Blockbuster-Filme produzierte Bollywood-Sound Hochkonjunktur. Die zum Teil recht freche, aber fast immer originelle Aneignung westlicher Popsounds in indische Arrangements dient wiederum modernen Exil-Indern wie Bally Sagoo als Grundlage für funk-, soul- und Breakbeat-haltige Neubearbeitungen. Wenn das nicht ‚Fusion‘ pur ist... Last, but not least haben sich im sogenannten Asian Underground diejenigen DJs und Producer locker organisiert, denen Bhangra und Bollywood zu etabliert erschienen. Künstler wie Talvin Singh und Nitin Sawhney verarbeiten ihre nord- und südindischen Einflüsse eher im Kontext von Trip Hop und Drum & Bass. Zuweilen heisst das Motto auch "Jazz is the teacher" wie einst bei Volker Kriegel, dessen legendärer Sitar-Jazz-Klassiker "Mathar" von Badmarsh & Shri erst kürzlich einer funkigen Neubearbeitung unterzogen wurde. Zu den Vorreitern des Asian Underground gehörten neben Talvin Singhs Anokha Clubnacht in East London auch wichtige Labels wie Outcaste und Nation Records. Auch wenn inzwischen - von wenigen Ausnahmen abgesehen - auf die Unterscheidung von Underground und Mainstream verzichtet wird, bleibt das Thema Asian Groove spannend und vielfältig: KünstlerInnen wie Susheela Raman, Badar Ali Khan und Kam Dhillon zelebrieren erfrischend neue Asien-Fantasien, auch Nicht-Asiaten wie die Hannoveraner Mo‘ Horizons erweisen sich würdig, die ebenso feine wie erfolgreiche "Groove-Trilogie" von Putumayo abzurunden. Nach Arabic und Latin Groove reisen wir nun in jene Gegend, in der die Menschen ihre Parties mit Tabla, Sitar und reichlich innovativer Elektronik würzen.

Birmingham ist das Epizentrum der britischen Bhangra-Szene. Hier lebt und arbeitet Bally Jagpal. Bally, der 1996 zusammen mit seinem Bruder Bhota die Gruppe B21 gegründet hatte, ist mittlerweile einer der populärsten Punjabi-Künstler. Schon ihr Album-Debüt The Sounds of B21 stürmte direkt an die Spitze der UK Bhangra-Charts. Nebenbei hat Bally Jagpal inzwischen drei Alben als Solokünstler produziert, die ihm ebensogroßen kritischen wie kommerziellen Erfolg einbrachten. "Pheli War" (1) ist eine elegante und hochaktuelle Mischung aus klassischen Punjabi-Sounds und R&B. Akustische Gitarren lümmeln verspielt auf einem weichen Bett aus Bass und lockeren Beats. Die souligen Vocals der Pakistanerin Shazia Manzoor geben dem Text über die universellen Themen Liebe und Leidenschaft einen zugleich vertrauten und exotischen Klang.

Das Projekt Karmix kommt nicht aus Asien, sondern von einem Franzosen algerischer Herkunft namens Mohammed Bellal. Der wuchs in Aix-en-Provence mit algerischer und provençalischer Folklore auf, als Jugendlicher entdeckte er die Afro-Latin Sounds. Von den Congas zu den Tablas ist es nur eine halbe Erdumrundung, und Bellal wurde bald zum gefragten Rhythmusexperten für Hip Hop und Dub-Produktionen von Imhotep und Masilia Soundsystem. Mit seinem langjährigen Freund und Studio-Guru Patrick Peroni gründete er 1998 Karmix. "Sabhyata" (2) heisst "Zivilisation", das Stück kommt vom Album Kuan Ganjo, das auf dem Label von Claude Challe (Buddha Bar) erschien. Es wird von einem trancehaften Groove getragen, der auf clevere Weise indische Vocals, brasilianische Berimbau, mächtige Dub-Bässe und progressive DJ-Techniken miteinander vermischt. Als Gäste glänzen die Hindi-Sängerin Jyoti Mahtani und der algerische Geiger Kader Terbha.

Ralf Droesemeyer und Mark "Foh" Wetzler sind Mo’ Horizons. Obwohl sie erst seit 1999 unter diesem Namen elastische Sounds produzieren, sind Mo‘ Horizons schon alte Hasen in der europäischen Clubszene. Kein Wunder, dass schon ihre ersten Maxis Kulthits wurden, und das trotz ihrer wenig glamourösen Herkunft, die sie in einem Songtitel keck zum Markenartikel deklarierten: "Bosshannover". Ihre eklektischen Grooves passen in den schwülen brasilianisch-karibischen Lounge-Kontext ebensogut wie in den Ganja-Nebel jamaikanischer Dancehalls. Oder eben ins ‚innere‘ Indien der späten Sixties-Psychedelia, wohin uns der Titelsong ihres aktuellen Albums "Remember Tomorrow" (3) entführt. Ihr Retro-Sound, der mit reichlich Soul, Funk, Latin, Dub, Trip Hop und Worldbeat angereichert ist, hat garantiert eine große Zukunft. Klingt paradox, ist aber so.

 

A. S. Kang ist ein weltweit geachteter Punjabi-Sänger, dessen Karriere nun schon drei Jahrzehnte umspannt. Stets innovativ und Neuem gegenüber aufgeschlossen, hat er einige der größten Hits in Punjabi eingespielt. Für "Terian Gulabi Buliyan" (4) hat Kang sich mit Sukshinder Shinda, einem der führenden jüngeren Bhangra-Produzenten zusammengetan. Shinda ist ein Multinstrumentalist, der versiert mit Tabla, Harmonium, Keyboards and Dhol umzugehen versteht, jener zweiendigen Trommel, die zu den wichtigsten Bhangra-Markenzeichen gehört. Shinda untermauert Kangs kraftvolle Stimme mit einem Soul/R&B-Fundament, das den klassischen Punjabi-Gesang für jüngeres Publikum konsumierbar macht, ohne ihn ‚glattzubügeln‘.

 

DJ Baba G wird oft als Erfinder des "Goa Trance"-Sounds bezeichnet, einer Mixtur aus Techno und traditionell indischen Klängen. Immerhin stammt er wirklich aus Goa, jenem Bundesstaat im Nordwesten Indiens, der Alt-Hippies und Jung-Freaks gleichermaßen als ultimatives Party-Nirvana gilt. Baba begann schon als Teenager, klassische, auch sprirituelle Klänge mit Elektronik zu mixen, seine inoffiziellen "Electric Lotus" Parties wurden bald zu bewußtseinserweiternden Massen-Events. Inzwischen lebt der Goa-Guru in L.A., wo er sich mit dem renommierten Beat-Spezialisten Dan Nakamura alias Dan The Automator zusammentat, um das wunderbare Qawwali-Stück "Black Night" (5) von Badar Ali Khan einer ebenso gründlichen wie respektvollen Runderneuerung zu unterziehen. Badar ist übrigens ein Cousin des legendären Sufi-Sängers Nusrat Fateh Ali Khan.

 

Mungal Patsar ist ein im Exil geborener Inder, der in Trinidad (das dank dem irrenden Kolumbus zu "Westindien" gehört) das Licht der Welt erblickte. Seine Eltern brachten ihm zwar die Grundzüge indischer Musik-Traditionen bei, doch während er Sitar übte, klöppelten draußen die Steeldrums. Aus dieser "Fusion wider Willen" seiner indischen Ragas mit karibischen Stilen wie Calypso, Soca und Reggae schlägt Mungal nun künstlerisches Kapital, vor allem in der Zusammenarbeit mit seinem Bruder im Geiste, dem Multiinstrumentalisten Nitin Sawhney. Sawhney ist selbst ein Wanderer zwischen den Welten, der Flamenco und R&B ebenso selbstverständlich drauf hat wie Ragas und Tabla-Gewitter. Die Sitar auf "Awake"(6) wird von Mungal gespielt, während Nitin ein mächtiges Bassfundament legt, mit lockeren Drum&Bass-Loops und dezenten elektronischen Sounds.

 

Ihr früheres Label hat versucht, Yulduz Usmanova hierzulande als die "usbekische Madonna" zu vermarkten. Was die Verkaufszahlen angeht, kommt Yulduz mit weltweit 7 Millionen verkauften Einheiten schon ansatzweise in die Sphäre des ‚naturblonden‘ Gifts namens Madonna Louise Ciccone. Doch ansonsten hinkt der Vergleich. Yulduz arbeitet in ihren poetischen Texten mit Bibelversen wie auch den Suren des Koran. "Kunglim Guli" (7) heisst übersetzt "Blumen meiner Seele", und natürlich geht es wieder um eins der ältesten und ergiebigsten Themen, die Liebe. Dazu spielen die traditionellen usbekischen Instrumente tanbur (eine Langhalslaute) und doira (ein usbekisches Perkussionsinstrument), ergänzt durch subtile elektronische Ornamentierung.

 

Deepak Ram ist zwar indischer Abstimmung, geboren und aufgewachsen ist er aber in Südafrika, genauer gesagt in Lenasia, einer Siedlung in unmittelbarer Nähe zum Township Soweto. Diesem Umstand verdanken wir auch sein Stück "A Night in Lenasia" (8). Schon als Kind lernte Deepak die traditionelle Flöte aus Hindustan, die bansuri zu spielen, und mit 17 war er bereit für ein Studium in Indien bei den größten Meistern dieses Bambus-Instruments. Nach seiner Rückkehr hat sich der junge Musiker als meisterlicher Vermittler zwischen indischer Kunstmusik, afrikanischen Percussions und Jazz internationale Wertschätzung erspielt. Deepak lebt heute in St. Louis, Missouri. In seiner Hommage an Lenasia lässte er die ätherische Bambusflöte von indischen und afrikanischen Percussions umspielen, klassisch indischen Gesangslinien und einer mächtigen Bassline.

 

Susheela Raman, in London als Kind südindischer Eltern geboren und in Australien aufgewachsen, verkörpert den kosmopolitischen Stil der jüngeren Generation asiatischer MusikerInnen perfekt. Obwohl sie im Elternhaus zunächst nur klassisch-indische Musik hören durfte, kam sie als Teenager verstärkt mit der Musik von Aretha Franklin, Anita Baker und Billie Holiday in Kontakt. Sie studierte in Indien karnatische Vokalmusik beim ehrwürdigen Shruti Sadolikar und kehrte 1997 nach London zurück, wo sie sich mit Sam Mills zusammentat, einem erfahrenen Produzenten und intimen Kenner südasiatischer Musik. Mit Erfolg: Ihr Debütalbum Salt Rain, das im Jahr 2001 weltweit beste Kritiken erntete, reflektiert den organischen und originellen Soundmix aus südindischer Klassik, Soul, Afrobeat, Funk und anderen feinen Zutaten, der sogleich zu ihrem Markenzeichen wurde. "Mamavatu" (9) war übrigens das erste Stück, das Sam Mills und Susheela Raman zusammen produzierten. Es ist ein südindisches Lied, das in einer dem Blues verwandten Fünftonskala gesungen wird.

 

Bally Sagoo ist wahrlich kein Unbekannter zwischen ‚Asian Underground‘ und ‚Overground‘. Der Mann, der 1996 mit "Dil Cheez" den ersten indisch-sprachigen Top 20-Hit in Engand verbuchen konnte, hat inzwischen alle Vor- und Nachteile der Tonträger-Industrie auskosten dürfen und auf dem eigenen Label Ishq die Fortsetzung des legendären Bollywood Flashback Albums veröffentlicht. Darauf findet sich auch "Noorie" (10), die reizende Neubearbeitung des gleichnamigen Bollywood-Klassikers. Vokalistin Gunjan erzählt uns die Geschichte eines Mädchens, das von den Toten aufersteht, um den verlorenen Geliebten zu suchen. Dieser märchenhafte Stoff verträgt sich bestens mit Ballys dubbigen Beats und üppig arrangierten Streichern.

 

Mit dem phänomenalen Track "Aankh Naal"(11) des Londoner Jungstars Kam Dhillon kommen wir leider schon zum Ende unseres Kurztrips durch die fernöstllichen Partysounds moderner Prägung. Dennoch, oder gerade deshalb gehen die Vocoder-manipulierten Chants des Sängers Kamal Katania den Gehörgang runter wie Öl, prasseln die Bhangra-Beats so funky und frisch wie selten. Womöglich hat die Punjabi-Fraktion hier ihren Talvin Singh hervorgebracht. Sicher ist, dass wir von Kam Dhillon - der erst Anfang 2002 sein Album-Debüt veröffentlicht hat - noch viel Gutes hören werden!

 

Episode III der Putumayo Groove-Serie macht deutlich, wie das immense Crossover-Potenzial ethnisch geprägter Musik in allen Kulturen und Szenen für Hochstimmung sorgen kann. Was Künstler wie Bally Sagoo, Transglobal Underground oder noch früher Embryo und Dissidenten pionierhaft erprobten, ist dem "Post-Asian Underground" zur Selbstverständlichkeit geworden: Die Fusion von Folklore, (indischer) Klassik und Pop - unter Verwendung aller Stilmittel vom Hip Hop über Dub, Breakbeats und avancierteste Sampletechnik- zu einem neuen globalen Clubsound, der mit "Groove" zwar unzureichend, aber doch funktional beschrieben ist.

 

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