MONICA SALMASO

VOADEIRA
("Fliegerin")

EXIL 1815-2
LC 08972
VÖ: 08.07.2002

DISTRIBUTION: INDIGO


"Sie verfügt über die beste Stimme, die ich in den letzten Jahren gehört habe"
(Edu Lobo, Bossa- und MPB-Legende)

"Sie ist eine der interessantesten neuen Persönlichkeiten der brasilianischen Musik und klingt wie keine andere."
(Joyce)


"Eine aufregende und umfangreiche Stimme, traumwandlerisch sicher in verschiedensten Stilen. Salmaso ist eine Offenbarung in der weiblichen Vokalmusik der Neunziger."
(Mauro Dias im Estado de São Paulo)

 

Es ist eine Stimme, die unter Tausenden wiederzuerkennen ist. Eine Stimme, die zum Zufluchtsort, zur Oase für lyrische Seelen werden kann. Ein dunkler, warmer, geheimnisvoller Alt entführt in eine selbst für Kenner brasilianischer Musik überraschende, und schließlich überwältigende Welt. In ihr werden die Essenzen nahezu sämtlicher Stile des Tropenlandes herausgefiltert, diese Welt macht sich Samba, die afrikanisch geprägten Lieder Bahias oder die Rhythmen des Hinterlandes zu eigen, fängt selbst Amazonisches ein. Hier wird die folkige Luftigkeit à la Joyce zelebriert, hier ergeht man sich in der melancholischen Mystik eines Milton Nascimento. Doch keine Spur von Imitation der Stars, kein willkürliches Springen zwischen den Genres: gebündelt wird diese Vielfalt zu einem eigenen, unverwechselbaren Ton. Es ist der Ton der "alma lírica do Brasil", der lyrischen Seele Brasiliens — durch sie spricht eine einzigartige Künstlerbewegung São Paulos zu uns, die Traditionelles von einer modernen Warte aus neu formt. Und die Stimme, die in diesem kreativen Kreis brasilianische Musikgeschichte auf sanfte Art revolutioniert, gehört Mônica Salmaso.

"Ich bin meine eigene Kommandantin", sagt Mônica Salmaso. "Ich werde mich nicht wie so viele Stimmen im brasilianischen Pop für Jahre an die Musikindustrie ketten." Starke Worte einer Dreißigjährigen, die von Beginn ihrer Karriere an keine Kompromisse eingegangen ist.

Ursprünglich hatte sie fest vor, Journalistin zu werden. Im Vorfeld ihres Studiums jedoch belegt Mônicaspaßeshalber für einen Monat ein Gesangstraining — und entdeckt innerhalb dieser kurzen Zeit ihre stimmlichen Fähigkeiten. "O Concílio do Amor" ist die erste Theaterproduktion, in der sie einen Vokalpart übernimmt, um schließlich für ein volles Jahr (1989) im Bühnenensemble zu bleiben. Dies ist der Startschuss für ausgiebige Aktivitäten in der Künstlerszene São Paulos. Fortan betreibt sie eine konsequente und selbstdisziplinierte Stimmbildung, feilt an der Akzentuierung, der Rhythmik und Dynamik ihres Gesangs. Der Komponist Eduardo Gudin hört sie 1992 und wird sofort ein großer Verehrer ihrer Stimme. Sie schwingt sich zur Hauptsolistin in seiner Gruppe Notícias Dum Brazil empor, die Aufnahmen für Ivan Lins‘ Independent-Label Velas macht. Im Duo mit dem Gitarristen Paulo Bellinati spielt sie die in den Sechzigern geschriebenen Afro-Sambas von Baden Powell und Vincius de Moraes komplett neu ein und lotet damit erstmals die schwarzafrikanische Tradition ihres Mutterlandes aus. Das herausragende Album wird mit dem Sharp-Preis des Jahres 1997 prämiert. Mit Bellinati steuert sie auch einen Beitrag für die moderne Bossa bei, indem sie "A Felicidade" für das Jobim-Songbook interpretiert.

Wenig später kommt es zur entscheidenden Begegnung mit dem Orquestra Popular de Câmara. In dessen Reihen knüpft sie Kontakte zu Ausnahmemusikern, die bis heute mit ihr zusammenarbeiten, unter ihnen der klassisch versierte Pianist Benjamin Taubkin und der Akkordeonist Toninho Ferragutti. Hier empfängt Mônica Salmasodie entscheidenden Impulse für ihre Solokarriere. Im Orquestra besitzt jeder einzelne Musiker solistische Qualitäten. Dieser Klangkörper verknüpft auf ungewohnte Weise einen klassisch-akademischen Ansatz mit den Folklore- und Popular-Formen Brasiliens und möchte dadurch Hörgewohnheiten verändern: "Wir kreieren hier Hörerfahrungen durch neue Textur und Farben und bringen unsere Stimmen auf der Suche nach einer brasilianischen Klangfülle zum Tragen. Es ist für mich eine wichtige Schulung meiner Stimme als eigenes Musikinstrument", erläutert sie die Arbeitsweise des Ensembles. Allmählich dringt ihr Ruf über die Clubszene São Paulos hinaus und man erkennt in ihr eine der wenigen Sängerinnen, die nicht auf Imitation der großen Diven wie Elis Regina oder Gal Costa aus sind, sondern von Anfang an ihren eigenen Weg eingeschlagen haben.

1997 nimmt sie schließlich ihr erstes Solo-Album in Angriff: Trampolim(EXIL 9015-2) greift regionale Folklore unterschiedlichster Landesteile auf und beleuchtet sie aus einem universellen Blickwinkel. Arbeiterlieder der Sklaven, die Spiritualität der afro-brasilianischen Liturgie, indianische Elemente und Volkslegenden werden durch den Filter des Zeitgemäßen in eine neue Form gegossen und auf Rodolfo Stroeters Label Pau Brasil realisiert. Musiker des Kammerorchesters unterstützen ihre Vision, darüber hinaus der Percussionist Nana Vasconcelos und der norwegische Jazzer Bugge Wesseltoft. 1999 geht Salmaso unter 1200 Mitbewerbern als Siegerin des Prémio Visa hervor, der ihr schließlich die Produktion eines neuen Werkes ermöglicht.

Unter dem Titel Voadeiraerscheint dieses nun als Nachfolgealbum von Trampolimauch in Deutschland. Zum zweiten Mal hat sich die Ausnahmekünstlerin mit dem Produzenten Rodolfo Stroeter (Gilberto Gil, Joyce) zusammengetan, um die Facetten Brasiliens - von den regionalen Traditionen bis zu zeitgemäßen Popströmungen - in 15 strahlende Interpretationen zu fassen. "Nach wie vor interessiere ich mich stark dafür, über Brasilien als ein Land zu sprechen, das reich an unterschiedlichen Stilen, Geografie und Brauchtum ist, allerdings gibt es auf der neuen CD nicht mehr diesen starken Folklore-Akzent", so Salmaso über ihr aktuelles Opus.

Ausgewählt hat sie diesmal Lieder von Koriphäen wie Chico Buarque, Tom Jobim, Joyce und Djavan, aber auch von unbekannteren Dichtern des ganzen Landes, verschiedenen Epochen entstammend. In diesen Liedern manifestieren sich als Grundmaterial der Samba-Rhythmus, ein Walzer, der baião des Nordostens oder die ältesten eigenständigen Musikformen Brasiliens überhaupt, modinha und toada. Wiederum wirkt ihr langjähriger Begleiter Paulo Bellinati an der Gitarre mit, der mit einer breiten Palette brasilianischer Stars von Gal Costa bis Edu Lobo gearbeitet hat und dessen Werk gar vom Saitenkollegen John Williams aufgegriffen wurde. Ein zweiter Gitarrist des Albums ist der auch kompositorisch beteiligte Mario Gil. Für die einfallsreiche Percussionarbeit sind ebenfalls gleich zwei Herren zuständig: Marcos Suzano, in Diensten fast aller Prominenten von Lenine bis Gil, und Caito Marcondes, mit einer eigenen Produktion schon auf Pau Brasil in Erscheinung getreten. Pianist Benjamin Taubkin ist erneut dabei und Toninho Ferragutti, dessen Akkordeon schon für Portugals Jazzikone Maria João im Einsatz war. Mit ihnen und einigen anderen exzeptionellen Instrumentalisten aus den Reihen des Orquestra Popular de Câmara führt Mônica Salmasodurch ihr ureigenes Panorama brasilianischer Musikgeschichte, das spannend zwischen Popballaden und ländlicher Tradition vermittelt.

Im Mittelpunkt steht die schier atemberaubende Wirkung ihrer Stimme, die sich völlig natürlich und unangestrengt aus dem Atem zu erheben scheint und die ganze Palette von spielerischer Songminiatur bis zum weit ausgreifenden dramaturgischen Bogen beherrscht. Reizvoll wechselnde Konstellationen der musizierenden Grüppchen verstärken die faszinierende Wirkung des Albums, das niemals populäre und plakative Wirkungen erzielen möchte, sondern stets in der Sphäre intimen Gestaltens verbleibt.

Einige Songs:

"Dançapé" (1): zur Eröffnung gestaltet das Ensemble einen im Dreiertakt sich wiegenden Song mit Anklängen an die Musik des Nordostens (Ferraguttis Akkordeon) und an indianische Tradition (Bambusflöten von Teco Cardoso). Im Text wird verschiedensten Tänzen wie der ciranda, der zabumba oder dem baião gehuldigt.

"O Vento" (2): aus der Feder des Grandseigneurs des baianischen Liedes, Dorival Caymmi. Fast mystisch wird der Wind mit gehauchtem Gesang herbeigerufen, um den Fischern das Hinaussegeln aufs Meer zu ermöglichen.

"Silenciosa" (5): eine beispiellos schöne Adaption einer Ballade der Singer-Songwriterin Fatima Guedes, die besonders durch das feinfühlige Gitarren-Arrangement von Bellinati unter die Haut geht.

"Beradêro" (6): ein Solo-Gesang im Stil einer toada, einer melancholischen und sentimentalen Deklamation, aus der Feder des schillernden Paraíba-Poeten Chico César.

"Senhorinha" (8): eine rührende Serenade nur mit Gitarrenbegleitung, komponiert vom in Europa völlig unterschätzten heimlichen Star der Música Popular Brasileira, Guinga. Er lehnt sich hier an die modinha an, eine während der Kolonialzeit in gehobeneren Kreisen populäre Musikform.

"Cara De Índio" (9): Pianotupfer von Taubkin und wunderbar platzierte Percussion-Effekte von Marcondes geleiten durch dieses dramaturgisch sich steigernde Remake eines Tributs an die Indios von Djavan.

"Juparaná" (10): eine jüngere Ballade von Joyce aus deren Album "Hard Bossa". Gerade die folkige Stimmung, Markenzeichen der Bossa-Jazz-Muse, scheint auf Mônica Salmasos Interpretationsfähigkeiten wie zugeschnitten.

"Minha Palhoça" (12): eine reizende, von heiterem Klarinetten-Intermezzo getragene Version eines klassischen Sambas der dreissiger Jahre.

"Ave Maria No Morro" (14): Salmaso und Taubkin vereinigen ihre Kunst hier zu einem ergreifenden Duett, das auf einem Samba von 1942 basiert. In ihrer fast klassischen Variante verneigen sie sich vor der tiefen Religiosität der Favela-Bewohner.

"Canário Do Reino" (15): in wenigen Versen wird die unbekümmerte Lebensweise der Straßensänger des Nordostens skizziert, Ferraguttis Akkordeon sowie die 12saitige Gitarre legen die Charakteristika dieser Musik frei und Salmasos Stimme nimmt unbeschwert die folkloristische Grundstimmung auf.

Voadeira ist das poetische Wort für "Fliegerin", ein treffender Titel in zweierlei Hinsicht: mühelos schwebt die Künstlerin aus São Paulo zwischen den Stilen umher und sie vermag, wie keine andere die "alma lírica" ihres Landes verkörpernd, auch in der Seele des Hörers die lyrische Seite in Schwingung zu versetzen, ihr Flügel zu verleihen.

 

 

 

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