Putumayo presents:

Congo To Cuba

 

EXIL 1742-2
LC 08972
VÖ: 27. Mai 2002

DISTRIBUTION: INDIGO


Spannend wie kaum ein anderes Thema in der sogenannten Weltmusik ist der musikalische Austausch zwischen Afrikas Westen und der hispanischen Karibik. Bedingt durch die lange und leidvolle Geschichte des Sklavenhandels entstanden über den Atlantik hinweg vielfältigste Klangkorrespondenzen - durch sie schälten sich über die Jahrhunderte Genres wie Son und Salsa und Merengue heraus. Und schließlich, vor rund 60 Jahren, kehrte die Musik der Neuen Welt in einem triumphalen Siegeszug wieder zu ihren Wurzeln zurück und wurde begeistert von Senegalesen, Angolanern und Kongolesen aufgenommen. Putumayo trug dem komplexen Thema der transatlantischen Bande schon auf Afro-Latino (EXIL 8458-2) Rechnung, nun wird die afro-karibische Verwandtschaft vertieft: "Congo to Cuba" erzählt eine mal nostalgische, mal feurige, aber immer farbenprächtige Geschichte mit Klängen aus mehreren Dekaden.

Die Rhythmen und Melodien der Sklaven auf den kubanischen Zuckerplantagen hatten sich zügig mit den Tanzformen ihrer Kolonialherren vermengt. Guaguancó, Guajira und Son hießen die Kinder der karibischen Mischehe, die die Küsten des schwarzen Kontinents auf 78er-Schallplatten in den 1930ern erreichten. In den synkopierten Grundmustern und den Antwortgesängen konnten die Afrikaner unschwer ihre eigene Musik wiedererkennen und begannen die durch spanische Zutaten bereicherten Klänge ihrer Vorfahren in ihre eigenen Schöpfungen zu integrieren. Als der Cuba-Craze in den 50ern und 60ern seinen Zenith erreichte, waren es vor allem kongolesische Musiker, die aus dem Mix neue Genres wie den Soukouss oder die Rumba zauberten. Von ihrem Erfolg jenseits des Atlantik angetrieben, starteten schließlich in den 70ern die Stars der aufkeimenden Salsa-Szene wie Johnny Pacheco oder das Orquesta Aragon zu regelmäßigen Tourneen durch den Westen Afrikas, was der neugefundenen Verbrüderung noch stärkeren Antrieb verschaffte.

Umgekehrt wurde bald die afrikanische Salsa-Prominenz bei New Yorker Produzenten vorstellig und zog die Latinos des Big Apple in den Bann, unter ihnen ein Boncana Maïga, später Mastermind der multinationalen Afro-Karibik-Truppe Africando. Besonders der nostalgische Sound des New Yorker SAR-Labels stand alsbald in der Gunst der afrikanischen Hörer, mehrere Perlen aus diesem Hause sind auf "Congo to Cuba" versammelt. Und nochmal ging die Reise zurück: kubanische Größen wie Arsenio Rodriguez entwickelten ein tieferes Bewußtsein für ihre afrikanische Provenienz und öffneten ihre Lyrics für afrikanische Idiome, ihre Rhythmen und Plattencover für die rituellen Grooves und Symbole der Santeria-Religion. Auch wenn der plakative moderne Soukouss den Markt zu dominieren scheint - gerade heute feiert die afro-karibische Connection mit der Wiederveröffentlichung alter Preziosen des senegalesischen Orquesta Baobab und dem Erfolg eines Ricardo Lemvo oder den mitreißenden Liveshows von Africando fröhliche Urständ'.

Ein armer Zuckerrohrfarmer erhebt trotz aller Alltagssmühsal seine Stimme zum Lob der kubanischen Landschaft in "Val Carretero". Gekleidet in die Klänge des Son, erzählt diese Geschichte der Kubaner Chico Alvarez, der, in New York geboren, in die Heimat der Vorfahren zurückkehrte und dort seine Vorliebe für den klassischen Conjunto-Stil entwickelte. Zurück in New York machte er in den Achzigern etliche Aufnahmen für SAR und ist bis heute ein feste Größe in der Nachtclub-Szene am Hudson. Unterstützt wird er von Alfredo Valdésam Piano und der geschmeidigen Trompete von Chocolate Armenteros, beide ebenfalls auf dieser Kompilation vertreten.

Valdés zählt unzweifelhaft zu den wichtigsten Vokalisten Cubas und war regelmäßiger Gast in Havannas erstem Buena Vista Social Club, wo er oftmals auf den legendären Pianisten Arsenio Rodriguez traf. Nachdem er mit ca. 50 verschiedenen Gruppen zusammengespielt hatte, unter ihnen das Septeto Nacional de Ignacio Piñeiro, siedelte er 1956 nach New York über. Mit seinem Sohn, einem erfolgreichen Produzent und Arrangeur der zeitgenössischen Latin-Szene, spielte er 1981 eines seiner letzten Alben als Reverenz an seine Septeto Nacional-Zeit ein. "Canto A La Vueltabajera" huldigt dem Conjunto-Stil, den er ein halbes Jahrhundert zuvor schon perfektioniert hatte. Valdes starb 1988.

Chocolate Armenteros bekam seinen Spitznamen nicht nur aufgrund der Hautfarbe sondern auch wegen seines smarten Trompetenspiels, das auf den Ohren zergeht. An so ziemlich jeder herausragenden Session war der 1928 Geborene beteiligt, sei es in den Reihen des Septeto Habanero, bei Beny Moré oder La Sonora Matancera. Nachdem er in den 1960ern nach New York gekommen war, konnte man seine Künste bald auf den wichtigsten Platten von Eddie Palmieri vernehmen und auch an den mit einem Grammy dekorierten Sessions des Bassisten Cachao war er beteiligt. Im Son Montuno "Ritmo De Mi Son" glänzt er mit einem brillianten, relaxt dahinfließenden Trompetensolo.

Das Quartett der kubanischen Beiträge komplettiert die Son-Formation Monte Adentro, die ebenfalls auf dem legendären SAR-Label veröffentlichten, denen allerdings nur eine kurze Lebensdauer beschieden war. Der Kern der Truppe wurde von herausragenden Vertretern der Latin-Szene New Yorks gebildet, unter ihnen der Pianist Paquito Pastor und Trompeter Hector "Bomberito" Zarzuela mit scharf strahlenden Akzenten, ebenso der peruanische Sänger Melcochita mit seinem unverwechselbar nasalem Timbre. "Igualita Que Tu" featuret außerdem einen besonderen Gastauftritt des nigerianischen Sax-Spielers Dexter Johnson, der bis zu seinem Tode 1977 in Afrikas Salsa-Szene sehr rührig war und für die Sessions extra eingeflogen worden war.

Die afrikanischen Tracks auf "Congo to Cuba" zeugen von der außerordentlichen Vielfalt, mit der sich Künstler von Dakar bis Kinshasa mit dem Phänomen Cuba auseinandergesetzt haben:

Unlängst sind sie beide durch Africando einem weltweiten Publikum bekannt geworden, tummeln sich jedoch schon seit den 70ern an der Pionierfront der afrikanischen Salsa: Gnonnas Pedro aus dem Benin und der Gambianer Laba Sosseh. Pedros kuba-infizierte Aufnahmen aus den Siebzigern sind Sammlerstücke und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Afro-Salsa kann nicht überschätzt werden. Mit "Yiri Yiri Boum" hat er einen Moré-Klassiker der 50er wiederbelebt - durch den Ersatz der horn section anhand der E-Gitarre und sehr "schwarzen" Vokallinien erscheint der Klassiker nun stark afrikanisiert.

Sossehs Anfänge liegen in der Star Band de Dakar der Sechziger, die damals als Protagonist des kubanischen Booms im Senegal agierte. Über Abidjan kam der Sänger durch Vermittlung des omnipräsenten Produzenten Aboudou Lassissi nach New York und spielte dort zwei legendäre Alben ein. Anerkennung fand er in der gesamten Latino-Szene, als der Kolumbianer Joe Arroyo einen seiner Titel zum Erfolg führte. Durch die Africando-Aktivitäten wieder in aller Munde, veröffentlichte Laba Sosseh neuerdings ein Album, aus dem "Son Soneate" stammt, eine profund swingende, perkussive Nummer mit luftigen Flötengirlanden und Sosssehs unverwechselbar rauhen Vocals.

Pape Falls Wurzeln führen ebenfalls auf die kubanische Szene Dakars zurück, wo er bereits 1966 die Band Dakar Rythme ins Leben rief. Später war er Mitglied der Étoiles de Dakar neben einem jungen Youssou N'Dour, kurz bevor Senegals Musik die entscheidende Wende weg von kubanischen Klängen vollzog, denen Fall trotz allem bis heute treu geblieben ist. In "African Salsa" präsentiert er eine interessante Cover-Version des Portabales-Klassiker "El Carretero" - zuerst in Spanisch, dann in Wolof besingt er nochmals den armen Karrenfahrer. Flöte, Violine und Piano aus der kubanischen Charanga-Musik werden clever durch Keyboards imitiert.

Von Malis Affinitäten zur kubanischen Musik legen zwei Künstler Zeugnis ab. Da wäre zunächst der Gitarrist Mama Sissoko, der mit Super Biton de Ségou in den 70ern und 80ern zu den populärsten Acts des Savannen-Landes gehörte. Als Saitenkünstler sowohl auf Gitarre als auch der Laute Ngoni stellte er später auch auf zwei Soloalben sein Können unter Beweis. Im Liebeslied "Safiatou" begegnen wir einmal mehr der afrikanischen Eigenart, scharfe Bläserakzente der Salsa-Originale durch sanft rollende Gitarrenlicks zu ersetzen, was dem Sound einen eleganteren und seelenvollen Charakter verleiht.

Der Griot Balla Tounkara aus Kita ist ein sehr moderner Adept der Kora-Tradition. Nachdem er durch einen Gönner unverhofft zu einer Stange Geld gekommen war, machte er sich auf, um die Tradition der höfischen Harfe in Amerika zu neuen Ufern zu führen. Mittlerweile ist er ein illustrer Vertreter der zeitgenössischen afrikanischen Musik in Boston, was sich auch auf seiner Aneignung des Che Guevara-Liedes "Hasta Siempre" zeigt. Bei ihm wird die Hymne der linken Bewegung zu "Le Monde Est Fou", und die kubanischen Grooves sind gespickt mit perlenden Kora-Intermezzi.

Die gleiche Verquickung von Montuno-Muster und Kora-Soli gelingt in "Tougnafo", einer Salsa-Adaption der Guineanerin Mama Keita. Sie stammt aus Kankan, dem Kernland der Mandingo-Tradition, nahe der malischen Grenze und konnte gegen den Willen der Eltern eine musikalische Karriere durchsetzen. Als Sängerin für Mory Kante und Baba Djan etablierte sie sich mittlerweile in Paris und ist mit ihren geschmeidigen Vokallinien eine gefragte Größe der Exil-Szene an der Seine.

Die zweite weibliche Stimme kommt von einem der Stars der kongolesischen Szene. Tshala Muana ist die wohl bekannteste Vertreterin des provokanten Tanzstils mutuashi, der in der Tradition des Luba-Volkes wurzelt. Abgesehen von den gewagten Hüftschwüngen, mit denen sie sich Auftrittsverbote in Sambia und Uganda einhandelte, ist auch ihr Entschluss, in Kisuaheli und Tshiluba zu singen, außergewöhnlich. Nach kurzem Intermezzo in Paris, hat Muana nun ein politisches Mandat als Frauenbeauftragte im Parlament der Demokratischen Republik Kongo inne - unerwartete Krönung einer vormals musikalischen Laufbahn. Mit dem Wiegenlied "Lekela Muadi" feiert sie unter der Regie von Africando-Produzent Boncana Maïga die Verbrüderung von kubanischem Bläsersound, Piano und Percussion mit den mutuashi-Rhythmen und dem typisch zentralfrikanischen Glitzern der Gitarrenläufe, aufgenommen zu gleichen Teilen in Paris und New York.

Das zweite Kapitel über das vibrierende Netzwerk afro-karibischer Klänge kommt rechtzeitig zum deutschen Sommer: coole Tropenklänge, die von der stetigen Erneuerung schwarzer Musikkultur aus sich selbst heraus künden.

 

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