OLIVER MTUKUDZI

VHUNZE MOTO
("Brennende Asche")

EXIL 1624-2
LC 08972
VÖ: 22.04.2002

DISTRIBUTION: INDIGO


 

"Selbst die Glut ist Feuer, warte nicht bis sie zu einer großen Flamme wird, kehre ihr nicht den Rücken zu" — so singt Oliver Mtukudzi in gewohnt reicher und vieldeutiger Bildersprache auf seinem neuesten Werk. Moralische Integrität und gesunder Menschenverstand sind die Leitmotive des Shona-Mannes aus Zimbabwe, der in den drei Jahrzehnten seiner Karriere stets durch metaphorisch verbrämte Lyrik Kritik an sozialen und politischen Mißständen übte. Weltweit kam die "Tuku Music" des Poeten mit der sanften Reibeisenstimme im Jahre 2000 zum Zuge, als Putumayo sein Meilenstein-Album Paivepo (Exil 9539-2) veröffentlichte. Jetzt legt er mit Vhunze Moto ("Brennende Glut") nach, einem Werk, auf dem seine Synthese aus traditioneller Musik der Shona, Ndebele und Zulu mit westlicher Popsong-Schmiedekunst zur Perfektion gereift ist.

Auch wenn Oliver Mtukudzi immer wieder Wert auf die Feststellung legt, kein "Politiker" zu sein, charakterisiert er die erste Phase seiner Karriere als "Kampf". Während der rhodesischen Befreiungsbewegung der Siebziger schlug er sich mit seinen Songs auf die Seite der Rebellen: "Als ich anfing, Musik zu schreiben, war das, um den Männern im Busch Botschaften aus der Stadt zu schicken", erinnert er sich im Interview mit Tom Bullough (FolkRoots 3/98). "Wir verwendeten während unserer Konzerte clevere Verse, die das weiße Regime nicht kapierte."

In seiner ersten Band, den Waggon Wheels, traf er 1976 auf Thomas Mapfumo, den zweiten Fixstern rhodesischer Musik, der bis heute mit seiner Chimurenga-Musik von Weltmusik-Connoisseurs geschätzt wird. Doch wo Mapfumo direkt die Klänge des Nationalinstruments mbira ("Daumenklavier"), in seine Songs übertrug, schuf Mtukudzi schon früh eine subtilere Metamorphose der Tradition. Mbira-Riffs finden sich nun im sanften Swingen der verstärkten Gitarren wieder und werden mit einer Vielzahl von Rhythmen des südlichen Afrikas gekoppelt: Zulu-Metren und den Mbaqanga-Chorgesang aus den Townships Südafrikas verwendet er ebenso wie Drumpatterns seines eigenen Klans, der Korekore und Eigenheiten des populären jit, einem bei den Shona äußerst beliebten Konglomerat zentral- und ostafrikanischen Elektrogitarren-Pops. Und dies alles paart sich mit dem Vokabular entspannter westlicher Rockmusik. "Tuku Music" wurde dieses unverwechselbare Gemisch zu Ehren des Schöpfers bald genannt, nachdem sich Mtukudzi mit einem Teil der ersten Band selbständig gemacht hatte und die Black Spirits formte.

Als Rhodesiens Tage gezählt waren und Präsident Mugabe 1980 das erste schwarze Staatsoberhaupt eines unabhängigen Zimbabwe wurde, verfolgte der sanfte Crooner den eingeschlagenen musikalischen Weg unter nur leicht veränderten Vorzeichen. Weiterhin transportierte er in den Achzigern anhand seines selbstkreierten Genres brisante Sozialkritik, die, geschickt umschrieben durch Sprichwörter und Verhaltensregeln der Shona-Vorfahren, niemals plakativ und belehrend wirkt. "Wenn gierige Leute die Tradition missbrauchen, wenn sie etwa meinen, nach dem Tod des Bruders könnten sie sexuell über dessen Frau verfügen, ist das falsch. Man muss für die Witwe des Bruders sorgen, nicht sie missbrauchen", erläutert er im Gespräch mit Jay Rutledge (Blue Rhythm 14) eines seiner bevorzugten Themen. Seine integre Haltung entwickelte Tuku schon im Jugendalter, als dem ältesten Spross nach dem frühen Tod des Vaters die Verantwortung für die Familie übertragen worden war. "Eine Nation ist aus lauter einzelnen Häusern aufgebaut", betont er, "beim Einzelnen fängt alles an."

Bald festigte sich Mtukudzis Ruf über Zimbabwes Grenzen hinaus, von Tansania bis ans Kap. Er erklomm einen Spitzenplatz unter den populären Musikern des südlichen Afrika. Den Auswirkungen der Cassetten-Piraterie, die jeden Superstar des schwarzen Kontinents ereilen, setzte er mit unermüdlichem Eifer zwei LP-Veröffentlichungen pro Jahr entgegen. Doch damit nicht genug: Anfang der Neunziger startete er gar einen Ausflug ins Filmgewerbe und ins Musical. Die Protagonisten-Rolle üernahm er in "Jit", der ersten Filmproduktion des jungen Staates Zimbabwe. Sie thematisiert den Verlust der Kultur der Shona, die vor den Ndebele die größte Ethnie des Landes darstellen. Wenig später agierte er in "Neria", in dem die Situation der Frauen in einer chauvinistischen Gesellschaft problematisiert wird. Für diesen Film schrieb der Schauspiel-Novize auch den exzellenten Soundtrack. Das Musical "Was My Child" über das Schicksal von Straßenkindern markiert den vorläufigen Endpunkt in diesem dramaturgischen Intermezzo der Vita des Oliver Mtukudzi.

Nun bahnte sich auch der Erfolg in Europa an. Seit 1994 tourte Tuku durch etliche Länder der Alten Welt, teils mit den Black Spirits, teils in den Reihen der panafrikanischen Combo Mahube, der auch die Sängerin Suthukazi Arosi angehörte und die staatenübergreifende Eintracht zwischen Südafrika und Zimbabwe demonstriert. 1998 bestritt der Poet aus traurigem Anlaß eine Solo-Tour, nachdem ein großer Teil seiner Band, unter anderem auch der eigene Bruder, innerhalb kürzester Zeit von AIDS weggerafft wurde. Zimbabwe nimmt in der AIDS-Statistik einen traurigen Spitzenplatz ein, und nicht erst seit diesen dramatischen Ereignissen ist die Immunschwäche ein häufig wiederkehrendes Thema in Mtukudzi-Songtexten.

Trotzdem erklomm Oliver Mtukudzi in den letzten drei Jahren eine weitere Stufe seiner Karriere. Für eine Nordamerika-Tour hatte er schon eine neue achtköpfige Band auf die Beine gestellt, die sich auf dem nachfolgend veröffentlichten Album Paivepo prächtig eingespielt präsentierte. In Zimbabwe schoß das Album innerhalb einer Woche nach Veröffentlichung auf Platz 1 der offiziellen Charts.

Vhunze Moto, das neue Meisterwerk, erscheint zu einem Zeitpunkt, in dem Mtukudzis Heimat wieder von heftigen politischen Turbulenzen erschüttert wird. Seit dem Frühjahr 2000 betreibt Mugabe, der vom Befreiungskämpfer zum Diktator mutierte, eine Politik der Enteignung weißer Farmbesitzer, die gegenüber der schwarzen Mehrheit immer noch unverhältnismäßig viel Land besitzen. Allerdings bereichern sich vor allem Mugabes Anhänger selbst durch diese "Landreformen", der mittellosen Bevölkerung bringen sie nichts. Im gleichen Atemzug bezichtigt die Regierungspartei die Opposition im Vorfeld der Neuwahlen eines Komplotts. Die Pressefreiheit wird beschnitten und Jugendliche zu Mitgliedern von Schlägertrupps ausgebildet, um die Macht, mit welchen Mitteln auch immer, zu sichern. Mtukudzis Aufgabe als mahnende Instanz ist also alles andere als überholt im Zimbabwe des Jahres 2002.

Dass er seine Botschaften in diesen unruhigen Zeiten und trotz seiner kürzlich erlittenen Schicksalschläge in derart relaxte Arrangements einbettet und seine Vocals fernab jeglicher Aggression und Wut siedeln, ist hohe Kunst. Nie zuvor haben sich die "Popcorn"-Pickings der Gitarren mit den perfekt arrangierten Chorsätzen und Tukus expressivem, löwenhaften Organ so gekonnt in melodisch einfallsreichen Songs verknüpft. Übrigens hört man von der Blues-Diva Bonnie Raitt, die zu seinen treuesten Anhängern zählt, dass sie auf ihrem neuen Album Silver Lining einen seiner Songs covern wird.

 

Anspieltipps:

- "Gondo" (2): verpackt in tighten Chorgesang und die typisch trockenen

Gitarrenlicks des südlichen Afrika warnt Tuku vor unkontrollierter Habgier.

Symbolisch hierfür steht der Adler, dem die Beute entwischt und der stattdessen aus Frustration und Ärger auf den Müll einpickt. Kein Mensch, wie groß auch seine Armut sein mag, sollte sich ein Vorbild an diesem Adler nehmen

- "Magumo" (6): swingende Hammond-Orgel und eine leicht melancholische Melodie bilden den Rahmen für diese Warnung vor Überheblichkeit und verächtliche Behandlung der sozial Schwachen. Der Antwortgesang des zweisprachigen Songs (Ndebele und Shona) wiederholt im Refrain: "Wo wird dies alles enden?"

- "Moto Moto" (8): sicherlich die schönste Ballade auf "Vhunze Moto": ein

wunderbarer Dialog zwischen zarten Sax-Einlagen und dem Gesang der akustischen und elektrischen Gitarre entspinnt sich in der Einleitung. Dann erzählt Mtukudzi mit farbiger Bildersprache, gespeist durch die Sprichwörter der Shona, von der ambivalenten Kraft des Feuers - die wärmende Qualität der Glut, die schnell in ein gefräßiges Lauffeuer umschlagen kann, wendet man ihr den Rücken zu.

- "Tapera" (9): südafrikanisch anmutende Pianoriffs geben diesem Song seinen

Drive. Einmal mehr ruft Tuku zum besonnenen Umgang mit Sexualität um und beklagt

die Verantwortungslosigkeit junger Landsleute trotz AIDS-Epidemie. Die souligen

Anflüge in seiner Stimme kommen in diesem Klagegesang am besten zur Geltung.

 

Vhunze Moto ist nicht mehr und nicht weniger als ein kleines musikalisches Wunder aus der Feder eines unerschrockenen und dennoch bescheiden gebliebenen Mannes. Seine sanfte und nachdrückliche Warnung vor einem um sich greifenden Lauffeuer geht uns alle an und sollte weltweit Gehör finden.

 

 

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