Putumayo Presents:

World Lounge

 

EXIL 1622-2
LC 08972
VÖ: 11.04.2002

DISTRIBUTION: INDIGO

 

Auch wenn das Wort "Lounge" seinen modischen Zenit als musikalischer Gattungsbegriff womöglich bald überschritten hat, sind uns die Verfechter dieser Lebens-Kunstform die schlüssige musikalische Definition bislang schuldig geblieben. Also muss die Etymologie herhalten: Die Ursprünge des Verbs "to lounge" lassen sich bis ins 16. Jahrhundert zurück verfolgen. Seine Bedeutungen rangieren von "untätig oder entspannt herumsitzen" bis "umherschlendern" - in jedem Fall immer das Gegenteil von ernsthafter Arbeit. Die Evolution des "lounging" hat seit den Neandertalern, die einander Samstag nachmittags lässig das Ungeziefer aus der Körperbehaarung pflückten, erstaunliche Fortschritte gemacht: Nachdem der gepflegte Müßiggang von der Antike bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts von den unterschiedlichsten Soundtracks begleitet wurde - etwa von Telemanns barocker Tafelmusik bis zu Saties Musique a l’ameublement - kam endlich der Jazz, insbesondere der Cool Jazz. Ein Um-, aber vielleicht doch kein Irrweg war die bambusbestuhlte Tiki-Bar der Fünfziger mit pseudo-hawaiianischen Klängen und Cocktail-Schüttelreimen, während in Rio der Bossa Nova erfunden wurde. Chic, sexy und elitär, zumindest für eine gewisse Zeit. Sergio Mendes, Henry Mancini und Ray Conniff machten das Listening Easy. Was in den Neunzigern Acid Jazz heissen sollte, war in den 60s und 70s bereits in jener Abteilung der Jazzwelt angelegt worden, die mit akademischem Gefrickel wenig und mit tanzbarer Eleganz viel anfangen konnte. In den Achtzigern entdeckte der Pop die Elektronik, und in den Neunzigern lernte er sie zu benutzen - im Cocktailshaker gemixt mit Jazz und Exotica als universell einsetzbares Mittel zur Gestaltung eines gehobenem Ambientes. Willkommen im Zeitalter der "Lounge Music".

Im neuen Jahrtausend löst die Lounge nun endlich auch musikalisch das Versprechen ein, dass sie als realer (zuweilen gar mythischer) Ort schon lange verkörpert hat: Ein Raum, der die spielerische Annäherung fremder Elemente auf neutralem Terrain und auf gleicher Augenhöhe ermöglicht und fördert. Von allem etwas, von überall her, aber nur vom Feinsten - kosmopolitisch, smart und mit diesem schwer zu beschreibenden, dabei aber beinahe universellen Appeal. Ergo ist die vorliegende Bewegungs-Sammlung World Lounge - nach unserer Kenntnis der erste Versuch überhaupt, sich dem Thema glaubwürdig von der "World (music)" aus zu nähern - durchaus als Wagnis anzusehen. Wo fängt es an, wo hört es auf? Doch keine Angst, Putumayo erweist sich auch hier wieder als stilsicherer Reiseführer durch musikalisches Neuland.

 

Jasmon: "Dimdanana" (1)

Hinter dem exotisch klingenden Namen Jasmon verbirgt sich ein alter Bekannter: Der musikalische Workaholic Roland Voss destilliert unter dem Namen Lemongrass seit Jahren eine feine Essenz aus Jazz, Drum & Bass und Ambient. Zusammen mit seinem Bruder Daniel produziert er als Weathertunes höchst eleganten Downtempo-Pop. Im Duo mit dem Berliner Radio DJ genetic druGs zelebriert Roland aka Jasmon knackige Asian- respektive African Breakbeats, und nun lässt er sein "ethnisches" Alter Ego erstmals allein auf Wanderschaft gehen: "Dimdanana" ist womöglich der Inbegriff dessen, was uns Putumayo mit "World Lounge" sagen will - ein swingender Cocktail aus Dub, geigen-infiltriertem Bollywood-Funk und souveränem Pop-Appeal. Dieser Track ist übrigens bislang unveröffentlicht und wird erst nach "World Lounge" als Single/EP erscheinen.

 

Nicola Conte: "Missione a Bombay" (2)

Der begnadete italienische DJ, Compiler und Produzent Nicola Conte dürfte einigen Menschen hierzulande vor allem durch seine Kooperationen mit Thievery Corporation und deren Label ESL Music bekannt sein. Auf seinem eigenen Label Schema Records fröhnt Conte der stilistischen Vielfalt: Von Jazz und Bossa und Electronica bis hin zu feinsten Retro-Exotica reicht das Spektrum seines "Fez-Collective", einer lockeren Gruppe von Künstlern, die sich der italienischen Kino- und Mode-Ästhetik der 60s and 70s verbunden fühlen. "Missione a Bombay" schwelgt in Sitar und Tabla-Riffs, die von einem psychedelischen Beat angetrieben werden, den der Retro-Detektiv Austin Powers sicherlich überaus "shagadelic" finden würde...

 

Gotan Project: "Santa Maria" (3)

Keine Frage, Gotan Project sind die Shooting Stars des Jahres 2001 in der globalrhythmischen Club- und Lounge-Szene. Wenige können sich dem TanGo von GoTan entziehen, einer Fusion aus Tango, Dub, Jazz und (gelegentlich) House, auf die offenbar die halbe Welt gewartet hat. Gegründet wurde das Gotan Project von den Franzosen Philippe Cohen-Solal und Eduardo Makaroff und dem Schweizer Christoph H. Müller. Cohen-Solal und Müller kennt und schätzt man bereits als (vermeintliche) Boys From Brazil. Makaroff half massgeblich mit, die Rhythmik, Melodik und Instrumentierung des Tango in dieses höchst inspirierte Konzept einzubinden. Auf "Santa Maria" spielt das klassische Tango-Instrument Bandoneon die Hauptrolle und sorgt für authentisch-melancholisches Ambiente.

 

Mo’ Horizons: "Foto Viva" (4)

Was hat Hannover mit Rio zu tun? Eigentlich sehr, sehr wenig, wären da nicht Ralf Droesemeyer and Mark "Foh" Wetzler alias Mo’ Horizons, die mit "Foto Viva" einen modernen Lounge-Klassiker geschaffen haben, der selbst echte Brasilianer zu beeindrucken vermag. Dass sie nebenbei auch durchaus mit Witz und Selbstironie zuwerke gehen, ist vielleicht ein Grund, warum ihr "Bosshannover"-Sound schon seit Jahren international Hochkonjunktur hat. Der unwiderstehliche Electro-Soul-Bossa-Groove von "Foto Viva" hat zweifellos stilprägend für die ganze Szene gewirkt und macht Lust auf mehr.

 

Mau Mau "Venus Nabalera" (5)

Wesentlich weltmusikalisch-folkloristischer gibt sich die 1990 in Turin gegründete Formation Mau Mau (benannt nach dem piemontesischen Ausdruck für Migranten aus dem Süden, aber auch nach den kenianischen Freiheitskämpfern der Fünfziger Jahre). Vergleichbar am ehesten mit Kollegen wie Les Negresses Vertes oder Mano Negra, bedienen sich Mau Mau jedoch eines noch breiteren Spektrums musikalischer Ausdrucksmittel: Von Folk über Rock und Funk bis hin zu Electronica und deutlichen Drum & Bass-Anklängen reicht ihr Stil-Fuhrpark, und mit "Venus Nabalera" steuern sie gleich eines ihrer Glanzstücke bei.

 

Blue Asia "Abyssinean Dub" (6)

Der Bandname deutet es schon (fast) an: Blue Notes auf asiatisch, leicht verruchtes Ambiente, Exotik pur. Alles Absicht, denn der japanische Produzent Makato Kubota ist bereits seit den Achtzigern für die Fusion verschiedenster asiatischer Musiktraditionen mit Klängen anderer Kontinente bekannt. Er trug den Reggae nach Okinawa und brachte die Band Njava aus Madagaskar mit japanischer Musik zusammen. Erst kürzlich produzierte Kubota zusammen mit der wunderbaren Jazz-Sängerin Monday Michiru (man kennt sie u.a. vom grandiosen Album-Debüt der United Future Organization). Vor allem aber liefert er mit Blue Asia einen sehr spacigen, Dub-geschwängerten Groove, der - wie im Fall des "Abyssinnean Dub" - gleichermaßen mit japanischen, indischen und sogar arabischen Aromen angereichert ist.

 

Arling & Cameron "Shiva’s Daughters" (7)

Die Holländer Gerry Arling und Richard Cameron werden nicht unbedingt dem Lounge-Genre zugerechnet, sondern gemeinhin als herausragende Vertreter der "Retro-Future"-Bewegung in der elektronischen Popmusik eingeordnet. Ihr Album "We are A&C" strotzt nur so vor ironischen Verweisen auf die Geschichte der elektronischen Musik seit Kraftwerk. Doch für die World Lounge wischen A&C das omnipräsente Eighties-Revival überaus nonchalant beiseite, zugunsten bunterer Klischee- und Kitsch-Verarbeitung: "Shivas Daughters" haken sich mit zweien ihrer zwölf Arme beim Barkeeper der Bambus-Lounge und mit den restlichen bei den großen Bollywood-Veteranen unter. Willkommen bei Nita und Gita in der Sitar-Lounge.

 

Montefiori Cocktail "Agua de Beber" (8)

Wer den Namen "Cocktail" im Bandnamen führt, qualifiziert sich nicht nur für den Lounge-Betrieb, er wird auch sicherlich dem Kitsch nicht abgeneigt sein. Im Gegenteil, Montefiori Cocktail lieben und fördern dieses Element in ihrer Musik. Schliesslich war Germano, Vater der beiden Masterminds Francesco und Frederico Montefiori in den Sechzigern so etwas wie der italienische James Last. Easy Listening heisst die Devise auch bei den Söhnen, die weder vor Ravels "Bolero" noch vor Raumschiff Enterprise halt machen. Besonders liebevoll haben sie sich des Bossa-Klassikers "Agua de Beber" aus der Feder von Tom Jobim angenommen - ‚Kitsch as Kitsch can‘ und zugleich unendlich hip.

 

Dissidenten "Instinctive Traveler (Funk.ed Up Lelonek Mix)" (9)

Unseren geschätzten Lesern die Dissidenten vorstellen zu wollen, hiesse wohl die sprichwörtlichen Eulen nach Athen zu tragen. Sind Dissidenten doch seit ihrer sagenumwobenen Gründung im Jahr 1981 (erster Gig in Goa) aus dem Embryo stets für musikalische Innovationen gut gewesen. Als sie mit "Fata Morgana" Mitte der Achtziger die Sahara sowie weite Teile Europas und Lateinamerikas elektrifizierten, war das die Geburt des Worldbeat, wie wir ihn heute kennen. Mit den Alben The Jungle Book und Instinctive Traveler wurde erneut Terra Incognita zwischen Ethno und Elektronik kartografiert und die Globalrhythmik entscheidend befördert, sodass das erste Remix-Album "2001: a worldbeat odyssey" als logische Konsequenz erscheint. Für die World Lounge steuert der Londoner Asian-Breakbeat-Spezialist Lelonek - langjähriger Anokha-DJ und Mitstreiter von Talvin Singh - einen exzellenten, tiefer gelegten Mix bei, der dem ohnehin gut groovenden Original noch mehr entspannte Vibes und Clubtauglichkeit injiziert.

 

Hamid Baroudi "Trance Dance (DJ Krush Mix)" (10)

Sozusagen "Back to Back" mit der Formation, bei der er sich seine ersten musikalischen Sporen jenseits der algerischen Heimat ersang, schickt uns Hamid Baroudi auf eine Mission in Sachen "Trance Dance". In diesem Fall mit ein bisschen Hilfe von DJ Krush, dem gefeierten japanischen Hip Hop DJ und ex-Yakuza. Krush setzt spannende Kontrapunkte zu Baroudis melismatischen Vokalfragmenten, die er mit knisternden Vinyl-Samples und ebenso relaxten wie ambitionierten Beats garniert.

 

Pink Martini "Sympathique" (11)

Ein ganz ganz leichter Akzent verrät uns, dass der vermeintlich von den Toten auferstandene Spatz von Paris seine wahre Herkunft zu verschleiern versucht. Die bezaubernde China Forbes hat den Can Can in Cambridge gelernt, genauer gesagt, Cambridge, Massachusetts, und ihre Band Pink Martini stammt aus Portland, Oregon. Was das musikalische Unterfangen, ein wenig Cabaret-Flair in die World Lounge zu bringen, keineswegs "fake" erscheinen lässt. Im Gegenteil: Gerade in Frankreich wurde "Sympathique" ein Riesenhit. Ob das auch an der erstaunlichen Wandlung amerikanischer "Slacker"-Attitüde in authentisch-französischen en Ennui gelegen hat? "Ich will nicht arbeiten / will nicht essen / nur vergessen / und dann rauchen..." Der Bundesgesundheitminister: usw

 

Vielen Dank, Putumayo, für die Erweiterung unseres Horizonts. Jetzt lümmeln also die WeltmusikerInnen auch noch in der Lounge und erschweren den Archivaren den Zugang zu ihren geliebten Schubladen. Die World Lounge als begriffliches Biotop für neue, opulentere musikalische Blüten? Die Fusion verschiedenster Stile, wie sie etwa Dissidenten von Anfang an betrieben und aktuell Gotan Project zur höchsten Perfektion getrieben haben, ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Dass an diesem Ort immer auch etwas mehr Show dabei sein darf als anderswo, versteht sich quasi von selbst. "Anything goes!" - so lange es gut tut. Und dafür wird ja bei Putumayo bekanntlich garantiert.

 

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