Putumayo Presents:

Mississippi Blues

EXIL 0999-2
LC 08972
VÖ: 11.02.2002
DISTRIBUTION: INDIGO

 

Jedes Volk hat seine Mythen, und sehr oft sind sie mit einem Fluß verknüpft. Auch die jungen USA besitzen ihre Flußmythen, und die Hauptrolle spielt der Mississippi, dessen Deltabecken die legendäre Wiege für den Blues wurde. An den Ufern des "old man river" wuchsen Anfang des 20. Jahrhunderts auch stattliche Städte heran, wo zuvor zwischen Reis- und Baumwollplantagen nur kleine Siedlungen sprossen. In den Kaschemmen dieser Flußstädte fanden rauschende Parties statt. Hier spielten fahrende Troubadoure für afroamerikanische Arbeiter. Ihre Lieder spiegelten in einfacher Rhythmik und fesselnden Erzählungen die Hoffnungen und Ängste der Arbeiter wider.

Robert Johnson oder Charley Patton hießen die Pioniere jener mythischen Zeit, die den Grundstein für den Blues legten, der wiederum die Wurzel für fast alle Genres unserer heutigen Popularmusik bildete. Doch seit den Tagen jener vagabundierenden One-man-bands des Deep South überdauerte auch der Blues selbst, fand regionale Ausprägungen etwa in Chicago oder Memphis. Putumayo rollt die Geschichte des "wide and rolling river" auf.

Es scheint, als hätte die Karriere Luther Allisons mehrere Leben umfasst, bis er 1997 unerwartet an Krebs starb. Anfang der Fünfziger kam er nach Chicago, wo er mit seiner E-Gitarre Seite an Seite mit den damaligen Helden Magic Sam und Buddy Guy für Furore sorgte. In den Sechzigern untermauerte er seinen Status mit einem legendären Auftritt beim Ann Arbor Blues Festival, der ihm einen Vertrag bei Motown einbrachte. "Part Time Love", gekrönt von einem haarsträubenden Falsettgesang, stammt aus dieser Phase Allisons, der nach langjährigem Aufenthalt in Paris Mitte der 90er nochmals ein kurzes und zündendes Comeback in den USA feiern konnte.

In Arkansas durch die ruppigen Klänge des Country Blues-Urvaters Sonny Boy Williamson geschult, brachte Junior Wells seine Harmonika-Künste bald nach Chicago. Dort wurde Muddy Waters auf ihn aufmerksam, und 1952 schließlich nahm der aufstrebende Musiker den Platz von Little Walter in Muddys Band ein. Bis zu seinem Tod im Jahre 1998 zeichnete er sich durch eine musikalische Partnerschaft mit dem Giganten Buddy Guy aus. "Come on in This House" (1996), eine Aufnahme aus dem Herbst seines jahrzehntelangen Schaffens, dokumentiert nochmals Juniors Stärken: die Beherrschung der vokalen Phrasierung vom Grollen bis ins Falsett und ein nahezu klassisches Harp-Solo des rural blues.

"That’s alright, Mama", die Debut-Single eines gewissen Elvis Presley aus dem Jahre 1956 kennt jeder. Dass aber Arthur "Big Boy" Crudup für den Einstieg des unbekannten Sängers aus Tupelo verantwortlich war - denn aus seiner Feder stammte die Perle - ist wohl weniger bekannt, dokumentiert aber einmal mehr die enge Verknüpfung von Blues und Rock’n’Roll. Crudup war kein großer Gitarrist, dafür aber begnadeter Songschreiber und zauberte eine ganze Latte von künftigen Blues-Standards aus dem Ärmel. Er tourte mit Sonny Boy Williamson und Elmore James und machte Aufnahmen für die kligendsten Labels des Blues, darunter Ace und Bluebird. In "Mean Ol’ Frisco", das seinerzeit auch von Eric Clapton gecovert wurde, kann er sich eine verschmitzte Reminiszenz an das Presley-Debut nicht verkneifen.

Gospel war das ursprüngliche Betätigungsfeld von Artie White — zunächst in Mississippi und später in Chicago huldigte er in lokalen Kirchengruppen, bevor er, verführt durch einen Talentjäger, ins Lager der "Teufelsmusik" überwechselte. Sein Durchbruch erfolgte 1977 mit dem R&B-Chartbreaker "Leanin’ Tree". Dem uralten Blues-Thema der Liebe, die von einem grausamen Partner verraten wird, frönt White in "The More You Lie To Me", einem Paradestück des Sängers, der oft mit B.B.King verglichen wurde und der hier von Oldtime-Blues-Ikone Pinetop Perkins am Piano begleitet wird.

Auch wenn es angesichts ihrem Solo-Comeback in den Achzigern nicht unbedingt zwingend erscheint: Der ursprüngliche Background Tina Turners liegt im roadhouse southern blues. Mit ihrem Partner Ike, der schon 1951 mit seinem hämmernden Piano auf "Rocket 88" laut Sun Records-Chef Sam Philips die erste Rock’n’Roll-Single auf den Markt brachte, stürmte sie in den 60er und 70ern in der Blues- und R&B-Szene von Erfolg zu Erfolg, gekrönt durch eine Tournee mit den Rolling Stones. "3 O’Clock in the Morning Blues" stammt von einer LP für Blue Thumb Records, die das ominöse Paar 1969 einspielte und legt seine Blueswurzeln sehr eindrücklich frei: bestechende und blitzschnelle Gitarrenlicks von Ike und Tinas rauhe, schreiende Vocals verleihen dem B.B.King-Klassiker seine derbe Dramatik.

Auf 37 Hits in den R&B-Charts innerhalb der Sechziger brachte es Bobby Bland, der vom Chauffeur B.B.Kings zur charismatischen Bühnenfigur emporwuchs. Seine Tennessee-Wurzeln verankerten ihn tief im Memphis-Stil, den er mit Vorliebe durch wogende Bläser- und Streichersektionen würzte. Auf das Jahr 1960 geht Blands unvergleichliche Version des Standards "St.James Infirmary" zurück: den ganzen Schmerz über den Tod der Geliebten legt er in seine melismatischen Vokallinien, die von der Horn Section angetrieben werden.

Mississippi John Hurt ist der große alte Herr des Fingerpickings. Er zeichnet sich aus für seine Maßstäbe setzenden Versionen von Spirituals und traditionellen Bluesnummern wie "Stack-o-Lee", widersetzte sich stets der Elektrifizierung seiner Musik und verließ nie seine Heimat Avalon am Mississippi, selbst dann nicht, als in den Sechzigern die neue Folkgeneration seine Karriere nochmals kräftig ankurbelte. "Make Me a Pallet on Your Floor" legt Zeugnis ab vom unwiderstehlich charmanten Gesang des sonnigen Bluesman, der hier um die Gunst einer leider schon vergebenen Dame buhlt.

Die junge Blues-Generation findet sich würdig vertreten im Beitrag von Chris Thomas King, der als Youngster im Club seines Vaters Tabby - ebenfalls ein Star des Genre - die Swamp-Blues-Legenden von Baton Rouge hörte. Später begeisterte sich der Sohnemann allerdings auch für Jimi Hendrix und Rock’n’Roll, und bereits im Alter von 17 begann er, Rock, Soul, R&B und sogar Funk und Rap in seine Arbeit zu integrieren. Auf Tourneen sah er neben Buddy Guy genauso gut aus wie neben dem Rapper Ice-T und dem deutschen Publikum wird sein Auftritt im Streifen "O Brother Where Art Thou?" im Gedächtnis geblieben sein. Für die Putumayo-Reise geht King weit zurück in der Blues-Historie und erweist Robert Johnson seine Reverenz. In "Come On In My Kitchen" paart er ein dem Country Blues entsprungenes Harmonica-Solo mit einem überraschenden Effekt aus der Stimmenbox, dazu kostet er alle Nuancen seiner über mehrere Oktaven reichenden Vocals aus.

Der 2001 verstorbene John Lee Hooker gehört unzweifelhaft in den Olymp der Bluesmusiker des 20.Jahrhunderts. Die ganze Palette von puren akustischen Solonummern bis hin zu rockigen Bandstücken beherrschend, begann Hooker seine Plattenkarriere in Detroit, wohin er die Deltablues-Wurzeln seiner Kindheit übertrug. Die dunklen, fast drohenden Gesangslinien und die trancegleichen Gitarreneinlagen fanden kaum Raum im konventionellen Bluesschema und seine eindrücklichen Improvisationen waren immer drauf und dran, mit allen Regeln des Genres zu brechen. "Baby Don’t Do Me Wrong" ist einer seiner Klassiker, zugleich Meilenstein für die Adaption des rural blues in ein rockiges Gewand und bewahrt trotzdem eine starke afrikanische Färbung.

Daß der Blues keine ausschließliche Männerdomäne ist, belegt Memphis Minnie, die sowohl als wandlungsfähige Sängerin als auch als Songschreiberin in den 30er und 40er Jahren lautstark von sich reden machte. Die Louisianerin begann mit Countryblues, prägte dann in Memphis und Chicago allerdings einen städtische Variante, die ihr unter den männlichen Kollegen wie Little Walter und Sunnyland Slim großen Respekt einbrachte. Schließlich öffnete die 1963 verstorbene unerschrockene Pionierin für den weiblichen Blues Tür und Tor für ihre Nachfolgerinnen Etta James oder Koko Taylor. Die Lyrics von "I Got to Make a Change Blues" decken sich mit ihrem emanzipierten Auftreten, wenn sie klarstellt, daß sie für ihren Lover, der ihr Geld für Whiskey verprasst, nicht ihre Unabhängigkeit aufgebe.

Bis nach Paris, wo er sich 1962 niederließ, hat Memphis Slim sein Pianospiel getragen. Der ehemalige Kneipenmusiker hat sowohl dies- als auch jenseits des großen Teichs als Songschreiber und Tastenmann überzeugt, sei es solo, mit Rhythmusgruppe oder in der Gesellschaft von Blechbläsern mit jazzy touch. Hier greift Slim die Folklegende vom rasenden Pferd "Stewball" auf, in seiner ureigenen Art mit zugleich würdevollem und flinkem Tastenschritt und begleitet von Bassmann Willie Dixon.

Hier endet der erste quasi-enzyklopädische Streifzug durch das Jahrhundert des Blues aus der Putumayo-Perspektive: Elf grandiose Songs, wie Perlen aus den "muddy waters" des Mississippi gefischt und anregend aufbereitet.

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